Nach den Schüssen auf den Chef einer Gruppe der Berliner Hells Angels, André S., hat die Polizei eine erste Beschreibung des möglichen Täters. Ein Zeuge habe unmittelbar nach der Tat in der Nähe einen flüchtenden Mann beobachtet, sagte Polizeisprecher Thomas Neuendorf am Donnerstag. Demnach lief der Verdächtige am Linden Center in Hohenschönhausen entlang, war etwa 1,75 Meter groß und schlank. Auf dem Kopf soll er eine schwarze Wollmütze getragen haben. Wohin er lief, ist aber unklar. Der Zeuge habe ihn aus den Augen verloren, sagte Neuendorf.

Der 47 Jahre alte Chef der Berliner Hells Angels Nomads war am frühen Sonntagmorgen in der Zingster Straße mit mehreren Schüssen niedergestreckt worden. Seitdem liegt der lebensgefährlich verletzte im Virchow-Klinikum im Stadtteil Wedding. Das Opfer soll ein enger Vertrauter von Hells-Angels-Frontmann Frank Hanebuth aus Hannover sein.

Unterdessen zeichnet sich ein trügerisches Idylle ab: Rocker stehen vor einem Berliner Krankenhaus für ihren angeschossenen Chef Wache. Ermittler befürchten, dass die Gewalt verfeindeter Gruppen weiter eskaliert.

Zwei muskelbepackte Rocker in schwarzen Lederjacken tragen Kaffeebecher zu ihren Kumpanen. Auch süße Plunderstückchen haben sie vom Bäcker geholt. Doch die Idylle trügt. Seit Tagen kampieren Hells Angels vor einem Berliner Klinikum, um ihren niedergeschossenen Chef zu bewachen. Auch die Polizei hat Posten bezogen. Einsatzkräfte in schwarzer Montur beobachten misstrauisch und schweigsam die Biker, deren schwere Motorräder in der Nähe geparkt sind.

Bizarre Szenerie

Wer die Schüsse auf den Chef der Hells Angels-Gruppe der Nomads abgefeuert hat, ist unklar. In der kriminellen Rockerszene tobt ein Krieg um Einfluss, Macht und Reviere. Doch die Behörden sehen deutschlandweit nicht tatenlos zu. Mit groß angelegten Durchsuchungen, Verboten einzelner Rockergruppen und verstärkten Ermittlungen setzen sie die konkurrierende Szene unter Druck. In der Hauptstadt hat die Staatsanwaltschaft eine Task Force Rocker gebildet, um Verfahren zu bündeln. Derzeit laufen groß angelegte Ermittlungen wegen bandenmäßigen Drogenhandels gegen Bandidos.

Es ist eine bizarre Szenerie: Rund 50 Meter von den Bikern im Virchow-Klinikum bringen Kinder ihre „verletzten“ Kuscheltiere in eine Teddybären-Klinik. Ein bärtiger Rocker gibt sich zugeknöpft. Zu erfahren ist lediglich, dass die Unterstützer auch nachts nicht weichen – „bis es vorbei ist“. Doch häuslich einrichten dürfen sie sich nicht vor dem Krankenhaus. Als die Rocker am Dienstag Bierbänke und ein Zelt aufbauen wollten, erteilte die Polizei Platzverweise.

Seit Montag liegt der einflussreiche Boss der Nomads schwer verletzt und von Polizisten abgeschirmt in der Klinik. Gleich am Morgen seien 30 bis 40 Rocker vorgefahren, berichtet ein Mitarbeiter des Gesundheitskomplexes. Ihm sei mulmig gewesen, sagt er mit besorgter Miene.

Selbst die Polizei findet die Situation eigenartig. „Es ist aber unsere Aufgabe, Gefahren abzuwehren“, sagt Polizeisprecher Thomas Neuendorf. Es wird befürchtet, dass der unbekannte Schütze zurückkommt. Ermittler sagen, in der Rockerszene gelte ein unerledigter Mord als Schande. Dass der „Höllenengel“ plaudert, damit rechnen die Ermittler nicht. Eine Regel in der Szene laute: Sprich nicht mit der Polizei.

Erpressung, Gewalttaten, Drogenhandel, Waffenhandel und Straftaten im Rotlichtmilieu sind nach Angaben des Bundesinnenministeriums „Hauptaktivitätsfelder“ von kriminellen Rockergruppen. Seit 1983 seien 13 Rockerclubs in Deutschland verboten worden. Ermittler in Berlin befürchten derzeit eine weitere Eskalation der Gewalt und nach Übertritten Racheakte der verfeindeten Gruppen.

Problem bei der Wurzel packen

Innensenator Frank Henkel (CDU) bekräftigt seine Entschlossenheit: „Wir wollen das Problem bei der Wurzel packen. Der Druck wird solange zunehmen, bis es uns gelungen ist, diese kriminellen Strukturen zu zerschlagen.“ Derzeit unterstützt auch eine Hundertschaft der Bundespolizei die Berliner Kollegen.

Viele Ermittler machen sich jedoch keine Illusionen. An die hierarchischen Strukturen der Rocker heranzukommen, sei äußerst schwierig. „Da kann man schlecht einen einschleusen. Denn das Eintrittspfand sind oft Straftaten – das geht nicht mit Polizisten“, ist zu hören.

Die Polizei geht in der Hauptstadt von etwa 300 Hells Angels sowie etwa 500 Bandidos aus. Die Veränderungen in der Rockerszene seien so dynamisch, dass die Ermittler kaum hinterherkämen, heißt es im Landeskriminalamt. Laut Polizei gibt es Hinweise, dass sich Teile der Nomads in einer neuen Gruppe East District organisierten.

Ende Mai waren die mächtigen Hells Angels Berlin City verboten worden. Sie hatten sich aber aufgelöst, weil sie zuvor von der Verfügung erfuhren. Der Verräter wird bei Sicherheitskräften vermutet. Nach dem Maulwurf wird zwar gesucht, doch er ist bislang unentdeckt. An diesem Freitag wird sich damit der Innenausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses in einer Sondersitzung beschäftigen.

dpa/nbo