Das israelkritische Gedicht von Literaturnobelpreisträger Günter Grass schlägt weiter hohe Wellen. Der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, nahm Grass gegen Kritik in Schutz. „Man muss ein klares Wort sagen dürfen, ohne als Israel-Feind denunziert zu werden“, sagte Staeck der „Mitteldeutschen Zeitung“ vom Donnerstag. „Die reflexhaften Verurteilungen als Antisemit finde ich nicht angemessen.“

Grass habe das Recht auf Meinungsfreiheit und nur seiner Sorge Ausdruck verliehen. Diese Sorge teile er mit einer ganzen Menge Menschen.

Der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rolf Mützenich, warf Grass dagegen Einseitigkeit vor. Grass sei sicher kein Antisemit, aber in seinem Text gehe die Gefahr ausschließlich von Israel aus, sagte er dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Die Gefahren, denen sich der jüdische Staat gegenübersehe, würden hingegen verschwiegen und der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad verharmlost.

Auch der israelische Historiker Tom Segev hat Grass' Gedicht scharf kritisiert. Er habe den Eindruck, dass Grass vor allem von seinem eigenen langen Schweigen über seine Vergangenheit bei der Waffen-SS getrieben sei, sagte Segev in einem Interview mit „Spiegel Online“.

Zudem verdrehe Grass die Tatsachen. „Der Unterschied ist, dass Israel im Gegensatz zu Iran noch niemals erklärt hat, dass es irgendein Land von der Weltkarte streichen will, während Iran Tag und Nacht verspricht, dass man Israel aus der Welt schaffen will“, sagte Segev in Anspielung auf Aussagen des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad.

Der Präsident des deutschen Pen-Zentrums, Johano Strasser, verteidigte Grass dagegen. Er warne vor Waffenexporten an eine israelische Regierung, die den Anschein erwecke, ein Krieg gegen den Iran sei unausweichlich, sagte Strasser dem Radiosender NDR Kultur.

Politiker, jüdische Organisationen und Intellektuelle warfen Grass vor, die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen. Nicht Israel, sondern das iranische Mullah-Regime bedrohe den Weltfrieden. Der Zentralrat der Juden in Deutschland nannte den Text „ein aggressives Pamphlet der Agitation“. Der Publizist Ralph Giordano (89) nannte es einen „Anschlag auf Israels Existenz“.

Grass hatte sich 2006 dazu bekannt, dass er als 17-Jähriger am Ende des Zweiten Weltkriegs Mitglied der Waffen-SS war. Kritiker warfen ihm vor, seine SS-Zugehörigkeit jahrzehntelang verschwiegen zu haben, während er andere immer wieder wegen ihrer NS-Vergangenheit öffentlich kritisierte. Manch einer sprach ihm die moralische Integrität ab.

Grass wirft der Atommacht Israel in dem Gedicht wegen der Drohungen gegen das iranische Atomprogramm eine Gefährdung des Weltfriedens vor. Der 84-Jährige wurde dafür heftig kritisiert.

dpa/dapd/rtr/bee