Domenique Kaltenstein, die im Vorderhaus an der Emser Straße wohnt, ist entsetzt. „Ich kann es kaum glauben, dass dieser Mann verschwindet, ohne dass irgendjemand nach ihm fragt“, sagt die 22-Jährige. Offenbar habe es nicht viele Menschen gegeben, die Kontakt zu WolfgangL. hatten, vermutet sie.

WolfgangL., das ist der Tote aus der Ein-Zimmer-Wohnung in Neukölln, dessen menschliche Überreste am Freitag gefunden worden waren. Nach der Analyse seiner Knochen stand am Montag fest: Der Mann muss bereits seit einem Jahr tot in der Wohnung gelegen haben. Die Polizei hatte am Sonntag die ehemalige Lebensgefährtin des toten Mieters festgenommen. Nach derzeitigen Erkenntnissen soll die 52-Jährige seit dem Tod von WolfgangL. mit der Leiche in der verwahrlosten Wohnung gewohnt haben. Ob sie etwas mit seinem Ableben zu tun hat, ist noch unklar. Ein Tötungsdelikt konnte nach der Obduktion weder festgestellt noch ausgeschlossen werden.

Die Frau wurde zunächst verhört. Sie stritt jedoch ab, den damals 55-Jährigen getötet zu haben. Ein psychologisches Gutachten ergab, dass eine Unterbringung in eine psychiatrische Einrichtung nicht notwendig sei, teilte die Polizei am Montag mit. Zudem wurde offiziell bestätigt, dass die Leiche nach dem Tod zerstückelt wurde. Es spräche einiges dafür, dass die 52-Jährige dafür verantwortlich sein könnte, sagte ein Polizeisprecher. Falls dies zutreffe, müsse die Frau sich eventuell wegen Verstoßes gegen das Bestattungsgesetz oder Störung der Totenruhe verantworten. Da aber kein dringender Tatverdacht hinsichtlich eines Tötungsdelikts besteht, wurde die Frau noch am selben Tag von der Polizei wieder auf freien Fuß gesetzt.

Wie berichtet, machten Mitarbeiter einer Räumungsfirma am vergangenen Freitag den grauenvollen Fund an der Emser Straße. Sie waren von der Hausverwaltung beauftragt worden, die Wohnung von WolfgangL. im zweiten Stock des Hinterhauses zu räumen. Als sie die Wohnungstür öffneten, schlug ihnen beißender Gestank entgegen. Die 45 Quadratmeter große Wohnung befand sich in einem völlig verdreckten Zustand. Überall stapelten sich unzählige Kisten und Mülltüten. Als die Mitarbeiter schließlich unter dem Berg von Unrat menschliche Knochen fanden, riefen sie die Polizei.

Die Beamten der Mordkommission, die den Fall übernommen haben, hatten die 52-jährige ehemalige Lebensgefährtin von WolfgangL. schnell im Verdacht. Nachbarn hatten ausgesagt, dass sie Zugang zu der Wohnung hatte und dort ein- und ausgegangen sein soll. Den Ermittlern soll sie gesagt haben, dass WolfgangL. eines natürlichen Todes gestorben sei.

Nach Informationen von Morgenpost Online soll der Leichnam zersägt worden sein. Einige der Leichenteile seien zudem verpackt gewesen. Die Staatsanwaltschaft bestätigte, dass die 52-Jährige weiterhin im Fokus der Ermittlungen stehe. „Ein Tötungsdelikt konnte ihr allerdings nicht nachgewiesen werden“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner. Deshalb sei auch kein Haftbefehl beantragt worden. Da die Frau weder eine Gefahr für sich noch andere darstelle, sei sie auch nicht in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen worden, sagte Steltner weiter.

Die 52-Jährige soll aus dem Obdachlosenmilieu stammen und bei WolfgangL. gelebt haben. Sie soll auch für die Verwahrlosung der Wohnung verantwortlich sein. Der 55-jährige WolfgangL. galt als zurückgezogen lebender Mensch.

Nachbarn fiel übler Gestank auf

Nachbarn wie Domenique Kaltenstein berichteten, dass sie bereits im vergangenen Sommer den üblen Gestank wahrgenommen hatten, der aus dem Hinterhof drang. „Wenn man einmal einen Blick in das Fenster der Wohnung geworfen hat, wusste man sofort, dass da ein Messie wohnen muss“, sagte ein Anwohner am Montag. Deshalb habe er den Gestank auf die verwahrloste Wohnung zurückgeführt.

Wie lang WolfgangL. tatsächlich in der Wohnung gelegen haben muss, sei schwer zu sagen. Laut Gerichtsmedizinern laufen Verwesungsprozesse unterschiedlich schnell ab. „In erster Linie hängt das von den Umgebungsbedingungen wie der Wärme und der Luftfeuchtigkeit ab“, sagte Frank Rosenbaum, Rechtsmediziner am Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin Berlin.

Dass anscheinend auch den Behörden WolfgangL.s Verschwinden nicht auffiel, könnte daran liegen, dass ein Hartz-IV-Empfänger laut Arbeitsagentur nicht vom Vermittler besucht wird, wenn er Termine nicht mehr wahrnehme, sagte ein Sprecher. Die Leistungen würden stattdessen gekürzt. Auch falls Sozialhilfe gewährt werde, gebe es unterschiedliche Vereinbarungen, wann sich der Empfänger zu melden habe, sagte eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales. Ob nach dem Tod von WolfgangL. weiter Miete gezahlt wurde, ist ungewiss. Die Hausverwaltung wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Thema äußern.