Die Länder Berlin und Brandenburg wollen mit Gesprächen über die Beschaffung moderner Waggons beginnen, sagte der zuständige Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Klaus-Dieter Scheurle, am Donnerstagabend. Einen entsprechenden Vorschlag habe er der Berliner Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) unterbreitet. Zuvor hatten Bahnchef Rüdiger Grube und sein Vorstand für den Personenverkehr, Ulrich Homburg, über die Probleme im Ministerium Bericht erstattet.
Seit rund 20 Monaten bietet die S-Bahn in der Bundeshauptstadt nur einen eingeschränkten Betrieb an. Zusätzlich kämpft das Tochterunternehmen der Deutschen Bahn (DB) die dritte Winterperiode in Folge mit der Witterung. Zuletzt fuhr die S-Bahn nur nach einem „Not-Notfahrplan“. Wegen des anhaltenden Chaos' kürzt das Land Berlin seine Zuschüsse von 236 Millionen Euro pro Jahr weiterhin erheblich.
„Die bisherigen Reparaturmaßnahmen an den S-Bahnen sind nicht dauerhaft ausreichend, wir brauchen neues Material“, sagte Scheurle. In den alten Wagenpark könne man kein großes Vertrauen mehr haben. Weil Bestellung und Entwicklung einer neuen S-Bahn allerdings vier bis fünf Jahre in Anspruch nehmen würden, müsste mit den Vorbereitungen sofort begonnen werden. Das Berliner System sei einzigartig und mit anderen S-Bahn-Typen nicht kompatibel.
Nach Angaben des Staatssekretärs habe Junge-Reyer eine schnelle Reaktion auf seinen Vorschlag zugesichert. Auch mit dem Start der Gespräche rechne er binnen kürzester Zeit. Die Bahn als Betreiber solle dazu ebenfalls eingeladen werden, sagte Scheurle. Sie sei „ein wichtiger Partner“. Das Bundesverkehrsministerium als Eigentümervertreter für den Bund habe Junge-Reyer zumindest Gespräche mit der DB angeboten. Die Entscheidung darüber liege aber letztlich bei der Senatorin. „Wir wollen die Sache nicht konfrontativ, sondern konstruktiv angehen“, betonte Scheurle. Auf jeden Fall werde auch der Brandenburger Verkehrsminister Jörg Vogelsänger (SPD) eingebunden.
Scheurle prognostizierte Gesamt-Investitionskosten von 1,5 bis zwei Milliarden Euro für die neue Flotte, die zunächst die DB tragen müsse. Angeschafft werden sollen 200 bis 600 Züge. Stehe einmal fest, welche technische Spezifikationen die neue Flotte haben wird und wer sie baue, würden pro Jahr schätzungsweise 60 bis 80 Züge ausgeliefert.
Mehrere Bahntechnikhersteller stehen bereit, im Falle einer Ausschreibung mitzubieten: „Wenn eine Ausschreibung über die S-Bahn Berlin kommt, werden wir sicherlich auch in der Lage sein, ein Angebot vorzulegen“, sagte die Sprecherin von Stadler Pankow, Katrin Block, der „Berliner Zeitung“. Stadler Pankow mit Sitz in Berlin gehört zur Schweizer Rail Group und liefert Bahnen vor allem für den Nahverkehr an viele Länder in Europa.
„Ich glaube, dass jeder Hersteller aus unsere Branche solche Töne gerne vernimmt“, sagte die Sprecherin von Stadler Pankow.
Der weltgrößte Schienentechnikkonzern Bombardier, auch mit Sitz in Berlin, zeigte sich ebenfalls erfreut über den Investitions-Druck, den die Bundesregierung plötzlich auf die Deutsche Bahn ausübt: „Wir wären natürlich in der Lage, neue Züge für Berlin herzustellen und würden auf ein Angebot sicherlich reagieren“, sagte Sprecher Heiner Spannuth.
Siemens Mobility sieht sich ebenfalls in der Lage, auf ein mögliches Angebot aus Berlin zu reagieren: „Wir stehen als Hersteller bereit“, sagte Sprecher Peter Gottal. Siemens ist derzeit mit seiner S-Bahn Desiro in Belgien und im Rheinland sehr erfolgreich.
Allerdings warnten alle Hersteller vor der Illusion, eine schnelle Lösung bieten zu können: „Von heute auf morgen kann kein Unternehmen eine neue S-Bahn aufs Gleis stellen“, sagte Gottal. Siemens geht davon aus, dass es etwa zwei Jahre ab Auftragsvergabe dauern würde, bis eine Bahn geliefert werden kann. Nimmt man die langwierige Ausschreibung hinzu, seien schnell drei Jahre verstrichen. Eine Möglichkeit wäre, wenn mehrere Hersteller miteinander kooperieren würden. Damit ließe sich vielleicht Zeit sparen.
Weil die Bahn laut aktuellem Verkehrsvertrag nur noch bis 2017 als Betreiber der S-Bahn fungiert, müsse für den Anschluss eine spezielle Lösung gefunden werden, sagte Scheurle. Auf jeden Fall wolle der Bund die Gespräche mit allen Beteiligten flexibel in mehrere Richtungen und zu verschiedenen Alternativen führen. „Ich glaube, dass wir die wirtschaftlichen Interessen der Bahn und die vergaberechtlichen Interessen der Länder Berlin und Brandenburg berücksichtigen können.“ Das gelte vor allem für den Fall, sollte die Bahn nach 2017 nicht mehr zum Zug kommen und andere Eigentümer den neuen Wagenpark übernehmen.
Der Berliner S-Bahn-Betrieb für die Zeit ab 2018 soll demnächst neu ausgeschrieben werden. Ob die Bahn erneut zum Zug kommt, ist noch unklar. Der Berliner Senat erwägt auch eine Teilausschreibung einzelner Streckenabschnitte.
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