„Weitermachen!“ steht auf dem Grabstein von Herbert Marcuse an der Ecke der vorletzten Grabreihe vor der Südmauer. Und als würde der Dorotheenstädtische Friedhof dem Befehl des Philosophen gehorchen, herrscht einen Tag nach dem spektakulären Urnenraub aus dem Grab von Fritz Teufel – wenige Meter neben Marcuse – wieder Friedhofsruhe. Das rot-weiße Absperrband der Polizei ist verschwunden. Die achtlos von den Dieben auf dem Weg verstreute Asche der 68er-Ikone ist von Polizeibeamten zusammengefegt worden. Das Loch im Grab ist zugeschüttet, der kaum mehr als faustgroße Grabstein und zwei Blumenvasen wurden wieder aufgestellt. Die Touristen, die wie jeden Tag über den Friedhof schlendern, lassen das geschändete Grab links liegen. Ach, hier ist etwas passiert?
Außer den verdreckten gelben Astern auf Teufels Grab deutet nichts mehr darauf hin, dass hier in der Nacht von Freitag auf Sonnabend eine Urne ausgegraben und gestohlen wurde. Nach Angaben einer Polizeisprecherin hat sich bislang keine konkrete Spur zu den Tätern ergeben. „Wir ermitteln in alle Richtungen und sind dabei auch auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen“, heißt es. Allerdings seien bislang noch keine Hinweise von Zeugen eingegangen, die Ermittlungen würden andauern. Über die Motive der Tat lässt sich nur spekulieren.
„Ich glaube, dass die Urne wieder auftaucht“, sagt Theresa Müssig (68). Die Magdeburgerin ist oft zu Besuch in Berlin und macht gern einen Spaziergang über den berühmten Friedhof. „Irgendwer wird sich bestimmt noch brüsten wollen mit der Tat – das wird der Dieb nicht für sich behalten können“, meint sie.
Schutz vor Diebstahl gibt es selbst auf Friedhöfen nicht – trotz der hohen Mauern. „Friedhöfe werden nachts nicht überwacht“, sagt der Baustadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, Klaus-Dieter Gröhler (CDU). „Eine absolute Sicherheit gibt es nicht.“ Wer genügend kriminelle Energie und keine Skrupel habe, könne einen Diebstahl begehen. „Wahrscheinlich auf jedem Friedhof.“ In Charlottenburg-Wilmersdorf sei so etwas auch schon vorgekommen. „Das hatte einen tragischen familiären Hintergrund.“
Direkt hinter Teufels Grab ist Ruth Schröter (82) aus Charlottenburg mit ihrer Nachbarin Petra Düver (63) wie jeden Sonntag damit beschäftigt, das Grab ihres Mannes zu pflegen. „Vandalismus passiert hier öfter. Mal kippen sie die Steine um, mal klauen sie den Grabschmuck“, erzählt Ruth Schröter. „Aber da bei Teufel – da hatte jemand eine Wut auf ihn!“ „Nee“, widerspricht ihre Nachbarin. „Ich glaube, das war ein fanatischer Fan.“ Schließlich habe Teufel ja eine ziemlich wilde Vergangenheit gehabt. Petra Düver spricht da aus Erfahrung – sie war dabei. „Ich bin 68 aus Bremerhaven nach Berlin gekommen und direkt mittenrein in das Treiben der Studentenbewegung.“ Auf der einen oder anderen WG-Party habe sie Teufel auch mal getroffen. „Das blieb nicht aus, wenn man sich in der Szene bewegt hat“, erzählt sie. „Die Urne, die stellt sich der Dieb jetzt zu Hause ins Wohnzimmer. Die findet man doch nie wieder.“













