Braunes Laub fliegt raschelnd über den Boden, unter kahlen Ästen häufen sich abgestorbene Blätter. Berlins Kastanienbäume bieten derzeit ein trauriges Bild. Schuld an den herbstlichen Zuständen mitten im Hochsommer ist ein eingeschleppter Parasit: die Miniermotte. Mitte der 80er-Jahre erstmals in Südeuropa aufgetaucht, verbreiteten sich die schädlichen Falter rasch auch nach Deutschland und erreichten 1998 auch Berlin. Seitdem fressen sich ihre unzähligen Larven ungestört durch die Blätter der weißen Rosskastanie, denn in Europa hat der Schädling praktisch keine natürlichen Fressfeinde. Ihren bislang letzten Höhepunkt erreichte die Population 2003, in den vergangenen Jahren blieb der Bestand auf einem noch überschaubaren Niveau.
Doch in diesem Jahr hat die Plage eine neue Dimension erreicht. „Der Bestand ist explodiert. Der Befall unserer Kastanien ist momentan so stark wie nie zuvor“ sagt Barbara Jäckel vom Pflanzenschutzamt Berlin. Grund seien die für den Schädling idealen Wetterbedingungen: „Der extrem kalte und trockene Winter war für die eingepuppten Larven optimal, um zu überwintern.“ Nun lässt der außergewöhnlich heiße Sommer die neu geschlüpften Raupen prächtig gedeihen.
In Tunneln durch das ganze Blatt
Ihren Namen verdankt die Miniermotte ihrer schmarotzerischen Überlebenstechnik: Nachdem ein Mottenweibchen seine Eier auf ein Kastanienblatt abgelegt hat, bohren sich die geschlüpften Larven in die Blattoberfläche und fressen sich nach und nach in minenartigen Tunneln durch das ganze Blatt. Minieren bedeutet, unterirdische Gänge oder Stollen anzulegen. Durch die Fraßgänge färbt sich das Blatt braun und verwelkt. Die groß gewordenen Raupen puppen sich schließlich in dem verdorrten Blatt ein, um nach einer Ruheperiode als Schmetterlinge zu schlüpfen. Drei bis vier Generationen können sich so pro Jahr fortpflanzen, die letzte Generation überwintert im abgefallenen Laub. Ein probates Mittel, um die knapp 50.000 Berliner Kastanien zu schützen, ist daher das Aufsammeln und Vernichten der abgefallenen Laubblätter im Spätherbst.
In Paris und Wien kämpft man mit härteren Mitteln gegen die Miniermotte und setzt großflächig chemische Stoffe zur Vernichtung der Schädlinge ein. Doch in Berlin ist dieses Vorgehen verboten. Die meisten Kastanien stehen hier in unmittelbarer Nähe zu Wohnräumen und Gewässern, heißt es zur Begründung. „Die Risiken für Mensch und Umwelt wären viel zu groß“ so Umweltexpertin Barbara Jäckel.
Gerade in Großstädten haben Rosskastanien eine wichtige Funktion: Als Straßenbäume verbessern sie das Klima, absorbieren Staub und garantieren so gute Luftqualität. Verlieren die Bäume aber durch die Mottenplage ihr Laub schon im Sommer, können sie diese Funktion kaum noch erfüllen. Zudem werden die Kastanien durch den frühen Laubverlust stark geschwächt und sind so anfällig für Pilze und andere Baumkrankheiten. Durch das Laubsammeln als Gegenmaßnahme lässt sich die Zahl der im Frühjahr schlüpfenden Falter zumindest eindämmen. Deshalb mobilisierten die Berliner Gartenämter in den vergangenen Jahren mit öffentlichen Aufrufen und Plakaten. Sogar Grundschulen und Kindertagesstätten wurden im Kampf gegen die schmarotzerischen Falter zum Laubsammeln engagiert. Auch in diesem Spätherbst will beispielsweise das Grünflächenamt Charlottenburg-Wilmersdorf wieder Sammelaktionen organisieren. Entsorgt wird das Laub von der BSR, die es verbrennt.
Doch trotz der groß angelegten Aktionen kehren die Parasiten dieses Jahr stärker zurück als je zuvor. „Auch durch bestes Sammeln werden wir die Miniermotte wohl nicht mehr aus Deutschland verdrängen können“ gibt Barbara Jäckel zu. Vergeblich sei die Laubsammel-Arbeit dennoch nicht: „Wo letztes Jahr wirklich akribisch gesammelt wurde, sind die Mottenpopulationen niedrig und die Kastanien wieder grün.“
In den Berliner Wäldern spielt die Miniermotto nach Auskunft von Marc Franusch, dem Sprecher des Landesforstamtes, fast keine Rolle, weil es nur wenige Kastanienbäume gibt. Viel gefährlicher ist dort der Eichen-Prozessionsspinner. Die Raupe frisst nicht nur gern Eichenlaub, sondern ist auch wegen ihrer giftigen Härchen, die wie kleine Glasfasern sind, für den Menschen gefährlich.
Der Eichen-Prozessionsspinner, ein Falter, fliegt in den Nachtstunden von August bis Anfang September. Die Eiablage erfolgt an der Rinde dünner Zweige. Im Mai des Folgejahres schlüpfen die Raupen. Ende Mai, Anfang Juni spinnen sie Nester. Aus diesen wandern sie abends in Prozessionen zum Fraß. Im Sommer verpuppen sich die Raupen. Nach drei bis fünf Wochen schlüpfen die Falter zur Eiablage im Spätsommer.
Gifthärchen verursachen Allergien
Schwerpunkt des Befalls sind die Wälder in Tegel, Spandau und Grunewald, wo die Entwicklungspfade entlang der Gewässerlinien verlaufen. In Berlin treten der Falter und seine Raupen seit 2004 verstärkt auf. Sie verbreiten sich in West-Ost-Richtung. „In Köpenick ist der Befall noch dezent, es begann vor vier bis fünf Jahren in den Wäldern im Westen der Stadt gewesen“, sagt Franusch. Erheblichen Befall gibt es hingegen am Grunewaldsee, parallel zur Avus am Kronprinzessinnenweg, an der Havelchaussee und auch rund ums Wildtiergehege an der Kuhlake im Spandauer Forst. Oft befinden sich gleich mehrere Gespinste an den Stämmen der Straßenbäume nah bei den Radwegen.
Noch gebe es wenige Klagen von Menschen mit allergischen Reaktionen, sagt der Sprecher der Berliner Forsten. Die Förster wollen mit noch mehr Informationsschildern in den Wäldern warnen. Anfassen ist absolut tabu. Gifthärchen enthalten ein Nesselgift, das dem Menschen gefährlich werden kann. Die Brennhaare können schmerzhafte Entzündungen hervorrufen, sogar die Atemwege schädigen.
Um die Gesundheitsgefahren zu minimieren, wollen die Berliner Forsten noch in diesem Monat befallene Spielplätze, Schulgelände, Kita-Einrichtungen, aber auch Grundstücke, auf denen sich Dienstgebäude befinden, von den Schädlingen befreien. Dazu werden Firmen beauftragt, die die Nester absaugen.
Da die Entsorgung der Nester nicht billig ist – pro Baum werden 200 bis 300 Euro fällig – können nicht ganze Wälder gesäubert werden. „Die Kosten müssen sich im Rahmen halten, deshalb wollen wir an neuralgischen Punkten – dort, wo viele Menschen ohne Alternative sind – handeln“, so Franusch. Auch Bezirke lassen Nester des Eichen-Prozessionsspinners in manchen Gebieten von Firmen absaugen: Spandau beispielsweise will die Raupen entlang der Potsdamer Chaussee in Kladow in Kürze entfernen lassen. Das Grünflächenamt Mitte hat im Tiergarten bereits bei 20 Sträuchern und Bäumen Nester vernichtet, indem es sie abgebrannt hat. Im Gegensatz zu Brandenburg, wo es riesige Nester in vielen Bäumen gibt, sind sie in Berlin noch handtellergroß. Werden die Nester nicht entfernt, werden sie über die Jahre immer größer.





