Forscher

Berlins Klima wird spanisch

Politiker bereiten gerade in Bonn den Klima-Gipfel in Mexiko vor. Für Potsdamer Forscher ist die Entwicklung der nächsten Jahrzehnte klar. Danach dürften in Berlin Dachgeschoss-Wohnungen mit Südseite bald nicht mehr so beliebt sein.

Foto: David Heerde

Wenn wie jetzt in Bonn die gewaltige Konferenz-Maschine zur Rettung des Weltklimas wieder auf Hochtouren läuft, steigen auch Deutschlands Klima-Päpste von ihrem Berg herunter. Normalerweise verbringen die Wissenschaftler des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung ihre Tage über mathematischen Modellen, komplizierten Prognosen und unendlichen Reihen von Messdaten auf dem Telegrafenberg. Wo schon Albert Einstein an seiner Relativitätstheorie forschte, wo 1881 die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit bewiesen wurde und Forscher 1889 das erste Mal die Wellen eines Erdbebens am anderen Ende der Welt gemessen haben, hat sich Deutschlands wichtigster Campus für die Erforschung der Erde und des Klimas entwickelt.

Aber weil der Klimawandel und seine Folgen längst ein Thema für die politische Kampfarena ist, haben Bill Hare und seine Mitstreiter ihre Idylle in den sandfarbenen Gründerzeitbauten des ehemaligen Astrophysikalischen Observatoriums verlassen und sind zur Vorbereitungskonferenz des 16. UN-Klimagipfels im mexikanischen Badeort Cancún in die frühere Bundeshauptstadt gereist. Hare und seine Kollegen beraten in Bonn die vom steigenden Meeresspiegel besonders bedrohten Inselstaaten sowie die ärmsten Länder der Welt. Ihr Instrument ist ein rechnergestütztes Verfahren, der „Climate Action Tracker“, mit dem sie die CO2-Reduktionsversprechen der Industrie- und Schwellenländer in entsprechende Klimaszenarien für die von Dürre oder Temperaturanstieg betroffenen Regionen umrechnen können.

Die Botschaft aus Potsdam ist wenig optimistisch, wenn nicht mehr des Klimagases CO2 eingespart wird: „Die Kalkulationen zeigen immer noch mit annähernder Sicherheit einen Temperaturanstieg von mehr als 1,5 Grad Celsius. Mit einer starken Wahrscheinlichkeit wird die globale Erwärmung sogar bis 2100 über zwei Grad Celsius liegen und es gibt sogar einen 50-Prozent-Chance, dass sie über drei Grad hinausgeht“, stellen die PIK-Wissenschaftler fest.

Potsdamer als Politikberater

Zweifel, dass es nicht das mit der Industrialisierung und der Verbrennung fossiler Brennstoffe seit einigen Dutzend Jahren in die Luft geblasene CO2 sein könnte, was den von niemandem bestrittenen Klimawandel auslöst, sind auf dem Telegrafenberg so gut wie nicht vorhanden. Es geht darum, die möglichen Effekte vorherzusagen und Maßnahmen dagegen zu ersinnen. Das PIK und sein Direktor Hans Joachim Schellnhuber, der Chefökonom Ottmar Edenhofer und andere Wissenschaftler sind gefragte Politikbrater. Auch europaweit ist das Know-how der Potsdamer gefragt. Im vergangenen Jahr wurde das PIK als ein wichtiger Partner für das neu gegründete European Institute of Technology (EIT) ausgewählt, die sich als eines der wichtigsten Themen die Klimafolgenforschung auf die Agenda geschrieben hat.

In einer eigenen Gesellschaft sollen demnächst Forscher mit Unternehmen wie Bayer, Beluga Shipping oder SAP zusammenarbeiten und versuchen, aus der Anpassung an die Erderwärmung und der Erforschung der Folgen Dienstleistungen zu entwickeln oder den Firmen Hinweise zu liefern, wie sie ihre Produktionsmethoden und ihre Produkte umstellen müssen, um im Klimawandel zu bestehen. „Wir wollen unsere Forschungsergebnisse früher in Unternehmen einspeisen“, sagt Jörg Pietsch, der den Vorstandbereich des PIK leitet. Die Forscher würden über diese neuen Kontakte lernen, welche Studien zum Klima die Gesellschaft wirklich brauche. Und die Forscher könnten im Kontakt mit der Industrie auch viel besser über die Kosten des Klimaschutzes reden, nennt Pietsch einen weiteren Vorteil der Teilnahme am europäischen Institutsnetzwerk.

Inzwischen sind die Potsdamer mit ihren 270 Beschäftigten auch Dienstleister. Zahlreiche Bundesländer haben schon angefragt, ob man ihnen vielleicht spezielle Klimaszenarien für ihre Region aufschreiben könne, sagt Pietsch. Um Klimawandel anschaulich zu machen, haben die Potsdamer für jedes deutsche Naturschutzgebiet die möglichen Erwärmungsszenarien im Detail aufgeschlüsselt. Eine wissenschaftliche Herausforderung ist das nur noch bedingt. „Wenn sie das drei Mal gemacht haben, ist das keine Wissenschaft mehr, sondern eine Dienstleistung“, begründet Pietsch das Bestreben, die praktische Anwendung ein Stück weit weg zu schieben vom Telegrafenberg, der ein Ort der Grundlagenforschung sei.

Heiße Sommer, verregnete Winter

Aber Aufklärung und Information gehören zum Geschäft dazu. So auch für Fritz Reusswig. Der Soziologe und Philosoph gehört zu den wenigen Nicht-Naturwissenschaftlern auf dem Klima-Berg. Sein Gebiet ist es, die gesellschaftlichen und kulturellen Folgen des Klimawandels zu ermitteln und zu erklären. Für Berlin lautet sein Szenario so: „Fahren sie nach Salamanca, dann können sie erfahren, wie sich das Klima in Berlin 2100 anfühlen wird“. Die spanische Stadt im Hochland westlich von Madrid ist im Sommer heiß und trocken, im Winter regnet es bisweilen heftig, es gibt es auch mal Frost, vor allem nachts.

Reusswig arbeitet auch am Klimakonzept der Stadt Potsdam mit. Unter anderem schlägt er vor, wieder vermehrt Brunnen auf öffentliche Plätze zu setzen. Denn das Wasser kühlt das Stadtklima ab. Das könnte auch für Berlin gelten. Denn die Temperaturen in der betonierten Innenstadt liegen im Sommer bis zu drei Grad über den Werten am Stadtrand. Der Soziologe spricht von der Notwendigkeit, Frühwarnsysteme vor Hitzewellen aufzubauen, damit Kreislaufkranke und alte Menschen sich auf die Belastungen von Hitzetagen (über 30 Grad) und tropischen Nächten (über 20 Grad) vorbereiten können. Berlin sei auf einem guten Weg, aus dem vorhandenen Wasser und den vielen Grünflächen so etwas wie Hitzepuffer aufzubauen.

Reusswig ist weit entfernt davon, eine Veränderung des Klimas nur negativ zu sehen. Aber Deutschland werde nach allen Klimamodellen auch nicht zu den großen Verlierern des Wandels gehören, selbst wenn die Region um Berlin in Deutschland wegen der drohenden Trockenheit zu den gefährdeten Zonen zählt. Für die Länder rund ums Mittelmeer werde es nach allen Prognosen dagegen zu Problemen bei der Wasserversorgung kommen.

Innenhöfe statt Süd-Terrasse

Für den Städtebau in Berlin sieht Reusswig, seinem Salamanca-Vergleich folgend, Veränderungsbedarf. „Das Dachgeschoss Südseite wird vielleicht auf die Dauer nicht mehr so empfehlenswert sein“, glaubt Reusswig. Stattdessen würden sich in Berlin Innenhöfe mit Brunnen oder auch weiß gestrichene Straßen anbieten, um die Sommerhitze zu mildern. Hinzu kämen High-Tech-Lösungen wie flexible Lüftungs- und Schatten-Systeme, die deutsche Unternehmen schon erfolgreich in den heißen Golf-Staaten vermarkten. „Wir brauchen eine Mischung als Low Tech und High Tech“, sagt Reusswig. Auch den Unternehmen wird dringend geraten, sich mit den Klimafolgen zu befassen. Dass stärkere Klimaanlagen nötig sein werden, hat die Bahn gelernt, als Hunderte Kunden in überhitzten ICEs zu Schaden kamen.

Die Berater von KPMG stellen fest, die Firmen seien nur „unzureichend auf die Herausforderungen vorbereitet“. Reusswig nennt Ausnahmen: Die Versicherungswirtschaft habe hohes Interesse am Thema. Und die Logistikbranche denke darüber nach, wie die Kühlkette für viele Lebensmittel zu sichern ist.