Der 30-jährige Oliver G., Mitglied der Hells Angels habe sich am Montagnachmittag den Berliner Behörden gestellt, sagte Justizsprecher Michael Steltner Morgenpost Online. Er steht im Verdacht, in der Nacht vom 13. zum 14. August 2009 den 33 Jahre alten Michael B. in Berlin-Hohenschönhausen an der Ernst-Barlach-Straße Ecke Warnemünder Straße erschossen zu haben. Das Opfer war aus einem Transporter heraus durch mehrere Schüssen niedergestreckt worden und noch am Tatort gestorben.

Stark blutend hatte sich das Opfer zuvor noch einige Meter weiter geschleppt, war dann aber vor einem Haus an der Egon-Erwin-Kisch-Straße leblos zusammengebrochen. Anwohner hatten bereits die Polizei alarmiert, weil sie Schüsse gehört hatten. Einem Notarzt gelang es nicht, Michael B. zu reanimieren. Er stellte jedoch fest, dass B. außer der Schuss- auch eine Stichverletzung aufwies, die eine Schlagader im Oberschenkel durchtrennt hatte. Eine spätere Obduktion ergab, dass er an einem Schuss in die Brust gestorben war. Ob die Stichverletzung vor oder nach dem Schuss erfolgte, ist nicht klar.

Weitere Details zu der für die Ermittler überraschenden Entwicklung nannte Steltner nicht. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen davon aus, dass B. sterben musste, weil er sich kurz zuvor von den Hells Angels getrennt und der verfeindeten Rocker-Gruppe Bandidos genähert hatte – ein Vorgehen, das in der Rockerszene als schlimmer Verrat gilt.

Der mutmaßliche Täter sitzt vorerst in Untersuchungshaft. Ein Geständnis hat er offenbar aber nicht abgelegt. Die Ermittler der zuständigen Mordkommission haben Oliver G. bereits seit Oktober 2009 im Verdacht. Und: Nur wenige Wochen, bevor er unter Mordverdacht geriet, war G. in Potsdam wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz festgenommen, nach kurzer Zeit allerdings wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Danach verschwand er spurlos.

G. gilt nicht nur als Verdächtiger im Mordfall B.; gegen ihn liegt seit längerem auch ein Haftbefehl wegen illegalen Waffenbesitzes vor. Medienberichten zufolge soll er „braun gebrannt“ gewesen sein, als er sich am Montag stellte. Die Polizei vermutet, dass sich der arbeitslose Gerüstbauer aus Eberswalde in den vergangenen Monaten überwiegend im Ausland aufgehalten hat.

Auf die Spur des Tatverdächtigen gelangten die Ermittler der Mordkommission unter anderem durch den Einsatz besonders ausgebildeter Suchhunde. Die Tiere hatten seine Spur mehrfach in unmittelbarer Tatortnähe und in der weiteren Umgebung aufgenommen. Nachdem weitere Verdachtsmomente hinzukamen, stürmten Spezialeinheiten im Oktober 2009 die Wohnung des 33-Jährigen in Eberswalde. Da hatte sich Oliver G. allerdings bereits abgesetzt. Zielfahnder vermuteten ihn zeitweilig in Südspanien, konnten seinen genauen Aufenthaltsort allerdings nicht ermitteln.

Michael B. soll früher der sogenannten Brigade 81, einer Unterstützerorganisation der Hells Angels, angehört haben. Kurz vor seiner Ermordung soll sich B. den Bandidos zugewandt haben. „Michael B. ist eine Person gewesen, die zwischen den Welten der unterschiedlichen Rockervereinigungen hin- und herschwankte“, sagt Bernd Finger, Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität im Landeskriminalamt.

Das Opfer und der Tatverdächtige kannten sich seit Jahren. Als beide noch den Hells Angels angehörten, drückten sie auch mal gemeinsam die Anklagebank nach einem brutalen Angriff auf einen „Bandido“. Doch dann wechselte Michael B. die Fronten, vermutlich dieser Umstand wurde ihm zum Verhängnis.

Seit dem Mord im Rockermilieu ist die Polizei in ständiger Alarmbereitschaft. Die Ermittler fürchten eine weitere Eskalation und Racheakte in der Auseinandersetzung zwischen den verfeindeten Clubs. So setzen die Beamten auf verstärkte Kontrollen der Biker und überprüfen sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Dennoch ist es in den vergangenen Monaten immer wieder zu massiven Zusammenstößen gekommen, bei denen auch Unbeteiligte in Gefahr geraten sind. Mal wurde aus einem fahrenden Auto heraus auf Mitglieder der gegnerischen Gruppe geschossen, mal lieferten sich Angehörige beider Clubs auf der Autobahn eine Massenschlägerei.