Verwahrlosung, Missbrauch oder einfach nur Ärger mit den Eltern: Die Zahl der in Obhut genommenen Kinder steigt. Wie das Statistische Bundesamt mitteilte, kamen im Vorjahr 33.700 Mädchen und Jungen unter die Aufsicht der Behörden. Das sind 1500 Minderjährige mehr als 2008. Gegenüber dem Jahr 2004 beträgt die Steigerung den Angaben zufolge 30 Prozent.
Unter Inobhutnahme versteht man in der Jugendhilfe das kurzfristiges Eingreifen der Ämter, um die Kinder bei akuter Gefahr etwa gegen Gewalt oder Missbrauch zu schützen. Die Behörden nehmen Minderjährige auf deren eigenen Wunsch oder auf Initiative etwa der Polizei oder der Erzieher in Obhut und bringen sie meist für Stunden oder einige Tage anderweitig unter, etwa in einem Heim.
Knapp 9000 (27 Prozent) der im Vorjahr in Obhut genommenen Kinder und Jugendlichen waren zuvor aus der eigenen Familie, einem Heim oder einer Pflegefamilie ausgerissen, so die Statistiker. Der Anteil der Ausreißer ist in den vergangenen Jahren jedoch zurückgegangen. Deren Anteil an den Inobhutnahmen betrug 2004 noch 34 Prozent.
Stark zugenommen hat die Zahl der Jugendlichen, die nach einer unbegleiteten Einreise aus dem Ausland unter die Aufsicht der Behörden kamen. Betraf dies im Jahr 2008 noch 1100 Jugendliche, so waren es 2009 bereits 1950 (plus 77 Prozent). Der Anteil der männlichen Jugendlichen betrug hier 83 Prozent.
72 Berliner Fälle mehr als 2009
In Berlin wurden 1326 vernachlässigte Kinder in Obhut genommen. Ein Jahr zuvor waren es noch 1250. Von den 644 Mädchen, die Hilfe brauchten waren 431 im Alter von 14 bis 18 Jahre. Insgesamt 199 Kinder waren unter sechs Jahre alt. Immerhin 352 Kinder und Jugendliche baten selbst darum, ihre Familien verlassen zu können, darunter waren deutlich mehr Mädchen (203) als Jungen (149). Unter 14 Jahre waren 51 dieser Kinder.
Der Hauptgrund für ein Einschreiten des Jugendamtes war in Berlin die Überforderung der Eltern oder eines Elternteils. Dieser Grund traf bei 37,3 Prozent der Fälle zu. In fast 40 Prozent der Fälle regte die Polizei oder eine Ordnungsbehörde ein Eingreifen an. In rund 27 Prozent der Fälle waren es die Kinder selbst. Anzeichen für sexuellen Missbrauch gab es in Berlin in 22 Fällen
Anschließend kamen die Kinder und Jugendlichen nicht einmal in jedem dritten Fall in ihre Familien zurück.
Die jugend- und familienpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, Emine Demirbüken-Wegner, sagte zum Anstieg der Zahl der vernachlässigten Kinder„diese traurige Entwicklung zeigt, dass das eingerichtete Kinderschutznetzwerk immer noch Lücken hat.“ Da der Hauptgrund überforderte Eltern waren, sei die Einführung der Kinderschutz-Hotline ist ein richtiger und wichtiger Schritt gewesen. „Aber nach wie vor sind Schwachstellen im Kinderschutzsystem erkennbar.“ Es fehlten vor allem Kriseneinrichtungen für kleine Kinder und Fachpersonalstellen in den Bezirken. Außerdem fehle es an Pflegeeltern.
EPD/KNA/ab/sh

