Wenn der Bischof kommt, ist es voll im Berliner Dom. Wenn aber – wie am Sonntag – Margot Käßmann predigt, ist es angeraten eine Stunde früher da zu sein. Sonst gibt es – so wie zu Ostern und Weihnachten – keinen Sitzplatz mehr. Selbst auf den Emporen drängen sich die Menschen, rund 2000 versammeln sich im kühlen Kirchenschiff, Hunderte saßen wegen Überfüllung draußen auf den Stufen des Doms und verfolgen dort den Gottesdienst, der pünktlich um 10 Uhr beginnt.
Es ist der vorerst letzte, bei dem die ehemalige Landesbischöfin aus Hannover und frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland die Predigt hält. Käßmann, die im Februar nach einer Alkoholfahrt ihre Ämter niedergelegt hat, wird Ende August nach Atlanta (US-Bundesstaat Georgia) ziehen und an der dortigen Emory Universität als Gastdozentin lehren. Sie bleibt dort bis Dezember.
Großer Applaus der Besucher
Die Berliner begrüßen die Theologin zu Anfang des Abendmahlgottesdienstes mit großem Applaus. Vielen scheint sie geradezu aus dem Herzen zu sprechen, als sie in ihrer Predigt anhand des Kreuzes klar macht, dass es weder um ein Herrschaftssymbol noch um modischen Schnickschnack beim Tragen eines Kreuzes geht: „Wer ein Kreuz trägt, bekennt sich zum Gekreuzigten, das heißt zum gedemütigten Christus. Es geht um den, der sein Kreuz getragen hat.“ Unter weltlichen Kategorien sei die Geschichte des Jesus von Nazareth eine des Scheiterns. Schwachheit sei aber kein Schimpfwort. Aus dem Blickwinkel des Glaubens sei es so, dass Gott es gewagt habe, den Menschen ganz nahe zu sein, auf sie sogar angewiesen zu sein. Gott könne Lebenskraft geben, weil er selbst wisse, wie wichtig es sei, solche Kraft zu finden.
Wichtig sei auch, dass Christen, Muslime, Juden und Humanisten miteinander im Gespräch sind. Deshalb habe sie auch den Aufschrei merkwürdig gefunden, als die muslimische Ministerin Aygül Özkan in Niedersachsen ihren Amtseid mit „So wahr mit Gott helfe“ schwor. „Wir leben in einem freien Land, in dem es eben auch Religionsfreiheit gibt – Gott sei Dank! Und es ist gut, wenn Menschen offen legen, was sie glauben, vor wem sie sich verantworten.“
Diese und viele andere Gedanken teilt Margot Käßmann der versammelten Gemeinde im festlich mit Blumen und Kerzen-Lüstern geschmückten Dom mit. Swetlana lauscht wie alle konzentriert den Worten der Pastorin. Auch sie sei extra aus Hannover angereist, erzählt die junge Frau später. „Nach einer Predigt von Margot Käßmann bist du erleichtert, beflügelt“, sagt die 29-Jährige. Es sei einfach unbeschreiblich, wie die Pastorin einen mitreiße.
„Die Predigt war ausgezeichnet“
„Sie hat etwas zu sagen, da nimmt man etwas mit nach Hause“, findet auch Helgard Laudien (80), Schwester von Ingrid Laudien, der vor anderthalb Jahren verstorbenen Generalsuperintendentin des Sprengels Berlin. Die Predigt sei ausgezeichnet gewesen. Wegen der Fülle der Gedanken fände sie es aber schön, wenn die Predigt irgendwo nachzulesen wäre. Hanne Dorn (74) glaubt, dass Margot Käßmann mit ihrem Verhalten nach der Alkoholfahrt noch an Respekt gewonnen hat: „Ich finde ihre Haltung toll und verehre sie.“
In ihrer Menschlichkeit habe sie sogar noch gewonnen, trotz oder sogar wegen des Fehlers mit der Alkoholfahrt. „Sie ist präsent, klar und nimmt einen mit ihren Gedanken mit. Das Gesagte wird lebendig“, finden auch Friedrich (36) und sein Vater Ludwig Thomas (76). Leben und Tod, Gottes Nähe zum Menschen auch dadurch zu erklären, dass Jesus in seinem schweren Leben selbst Tiefen erlebt hat und deshalb bei menschlichen Schwierigkeiten Lebenskraft geben kann, sei nur einer von vielen interessanten Aspekten gewesen.
Zusammen mit Dompredigerin Petra Zimmermann verabschiedet sich Margot Käßmann schließlich an der schweren Dompforte mit Handschlag von den Besuchern. Die Warteschlange ist lang. Viele haben das Bedürfnis der Theologin noch Wünsche mit auf ihren Weg nach Amerika zu geben und ihr zu sagen, wie sehr sie ihre konsequente Haltung respektieren. Margot Käßmann, die gezeigt hat, wie es weitergeht, wenn man nicht an den Ämtern klebt, muss sogar Autogramme geben.





