Sparprogramm

Bundesregierung legt das Stadtschloss auf Eis

Mindestens drei Jahre länger als ursprünglich geplant müssen die Berliner auf den Wiederaufbau des Stadtschlosses warten. Der Bund muss sparen und verschiebt den Schlossbau auf 2014.

Das Video konnte nicht gefunden werden.

Mindestens drei Jahre länger als ursprünglich geplant müssen die Berliner auf den Wiederaufbau des Stadtschlosses warten. Der Bund muss sparen und verschiebt den Schlossbau daher.

Video: tvb
Beschreibung anzeigen

Der Bau des Berliner Stadtschlosses wird auf 2014 verschoben. Für den Bau seien für die Jahre 2011 bis 2013 keine Mittel eingestellt worden, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Montag in Berlin. Ursprünglich sollten die Bauarbeiten im Herbst 2011 beginnen. Im Jahr 2002 hatte sich der Bundestag mit überwältigender Mehrheit für den Neubau des sogenannten Humboldtforums ausgesprochen. 552 Millionen Euro sollte der Neubau insgesamt kosten. Betroffen ist der Haushalt von Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU), der für den architektonischen Teil des Projekts zuständig ist. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sprach von einem „Armutszeugnis für Schwarz-Gelb“.

Schloss-Architekt Franco Stella reagierte am Montag entsetzt auf die Entscheidung. "Soll Ulbricht nun das letzte Wort in Berlins Mitte haben?“, sagte der mit dem Wiederaufbau des Schlosses beauftragte italienische Architekt. 1950 hatte der Generalsekretär des ZK der SED, Walter Ulbricht, beschlossen, das Schloss als ein Symbol des preußischen Absolutismus sprengen zu lassen.

Die einstige Preußen-Residenz durch den Palast der Republik ersetzt worden. Nach dem Abriss des asbestverseuchten Gebäudes entschied der Bundestag 2002, auf dem Gelände ein Ausstellungs- und Veranstaltungszentrum („Humboldtforum“) zu errichten, das die Form und Fassaden des einstigen Schlosses erhält.

In dem Beschluss wird die „historische Bedeutung und kulturpolitisches Chance“ des Wiederaufbaus ausdrücklich gewürdigt. Angesichts der „dramatischen Finanzsituation“ hätten sich die Teilnehmer jedoch einmütig für die Verschiebung ausgesprochen, heißt es in dem Beschluss. Die Bauarbeiten für das sogenannte Humboldt-Forum im Stadtschloss sollten ursprünglich 2011 beginnen und bis Jahr 2017 dauern. Von den Baukosten entfallen 440 Millionen auf den Bund, die auf die kommenden Jahre verteilt ausgezahlt werden sollten. Weitere 80 Millionen will der Förderverein Berliner Schloss sammeln.

Um den Wiederaufbau des Schlosses wurde seit den 90er-Jahren erbittert gerungen. Die Gegner hielten es für rückwärtsgewandt, den ebenfalls historisch bedeutenden Palast der Republik einzureißen und die Barockfassaden neu zu errichten. Die Befürworten sahen im Humboldtforum die einmalige Chance, zusammen mit der in unmittelbarer Nähe gelegenen Museumsinsel einen „Ort der Weltkulturen“ entstehen zu lassen. Im Schloss sollten vor allem die außereuropäischen Sammlungen der Berliner Museen untergebracht werden.

Nach Ansicht Wowereits ist mit der Verschiebung die Zukunft des Gesamtprojekts völlig ungewiss. „Die großartige Idee, auf dem wichtigsten Platz der Hauptstadt die außereuropäischen Kulturen zu präsentieren, wird jetzt kurzsichtiger Sparsymbolik geopfert.“ Wowereit hatte am Wochenende noch gesagt, der Schlossbau dürfe nicht "im schwarz-gelben Spargeschacher untergehen". Wowereit sagt weiter: "Ich kann vor einem solchen Beschluss nur dringend warnen. Es wäre ein kulturpolitischer Offenbarungseid des Bundes.“ Berlin erwarte vom Bund Verlässlichkeit statt einer „kurzsichtigen Kürzungspolitik, die sich noch nicht mal finanziell auszahlen wird“. Berlins Kultursstaatssekretär André Schmitz reagierte enttäuscht auf die Entscheidung. „Das ist reine Symbolpolitik“, sagte er. Der Bund könne mit der Verschiebung nichts sparen, sondern müsse im Gegenteil nun das „völlig marode Museum“ im Stadtteil Dahlem sanieren. Die Sanierungskosten für den Dahlemer Museumskomplex wären nach Schätzung von Schmitz fast so hoch wie die Summe für das Humboldt-Forum.

Vorerst ist völlig unklar, wie die Zwangspause in der Praxis umgesetzt werden soll. Die Vorarbeiten sind bereits so weit gediehen, dass mancher Experte eine Vollbremsung für unmöglich hält. So arbeitet der beauftragte italienische Architekt Franco Stella seit langem mit einem Team von 60 Zeichnern und Planern mit Hochdruck an der Feinplanung des Entwurfs - bis Ende des Jahres ist sie fertig. Nach Angaben des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, haben die bisherigen Vorarbeiten bereits erhebliche Summen gefordert. „Die Verschiebung verschlingt nun weitere Mittel. Ob man bei alldem von Sparen sprechen kann, weiß ich nicht.“

Betroffen reagierte der Vorsitzende der Fördervereins, Wilhelm von Boddien, der seit Jahren Spenden für das Projekt sammelt. „Die Frage des Spendervertrauens und der Zuverlässigkeit steht jetzt im Raum“, sagte er. Bauhaus-Direktor Philipp Oswalt, ein langjähriger Kritiker des Projekts, reagierte erfreut auf die Entscheidung. „Das ist ein spätes Eingeständnis, dass ein politisch gewolltes Projekt bei der Bevölkerung keine Rückendeckung bekommen hat“, sagte er auf Anfrage. In einer Forsa-Umfrage hatten sich kürzlich 80 Prozent der Berliner dafür ausgesprochen, auf den Bau ganz zu verzichten.