Stichwahl in der Türkei

Berliner Reaktionen auf Erdogan Sieg: Autokorsos und Tränen

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Im Wortlaut: Erdogan erklärt sich zum Wahlsieger

Im Wortlaut: Erdogan erklärt sich zum Wahlsieger

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan hat sich zum Sieger der Stichwahl um das Präsidentenamt erklärt. Er dankte "jedem einzelnen Mitglied unseres Volkes" dafür, das Land in den kommenden fünf Jahren weiter regieren zu können, wie Erdogan vor Anhängern in Istanbul sagte.

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Seit 20 Jahren regiert Erdogan die Türkei. Türkischstämmige Berliner blicken mit gemischten Gefühlen auf seinen Sieg in der Stichwahl.

Berlin. Erneut steht der Türkei eine Amtszeit des langjährigen Präsidenten Erdogan bevor. In der Stichwahl sicherte sich der amtierenden Präsident Recep Tayyip Erdogan den Sieg – in Berliner Kneipen wurden die vorläufigen Ergebnisse innerhalb der türkischen Gemeinschaft bereits am Nachmittag kontrovers diskutiert. „Wir sind nicht glücklich“, sagten die Türkinnen Cansa und Billur (beide 30) in einer Kneipe am Kottbusser Tor am Sonntagabend. „Wir hatten große Hoffnungen für die Opposition.“ Beide leben nach eigenen Angaben in Berlin und gingen zur Wahl.

Die 46-jährige Berna ist überzeugt, dass der absehbare Sieg Erdogans über seinen Herausforderer Kemal Kilicdaroglu die türkische Gemeinschaft in der Hauptstadt weiter spalten wird. „Die Fronten sind sehr verhärtet“, sagte sie am Sonntagabend der Deutschen Presse-Agentur. „Es gibt wenig Empathie für die jeweils andere Seite.“ Gleichwohl sieht sie es als hoffnungsvolles Zeichen, dass Kilicdaroglu als Angehöriger der alevitischen Minderheit in der Türkei zunächst in der ersten und dann in der Stichwahl so gut abgeschnitten habe.

Tränen um die Demokratie: Oppositions-Anhänger sehen düstere Zukunft

Auch Gast Fatih Celik äußerte sich enttäuscht über die ersten Zahlen. Er sei Kurde, in der Türkei Lehrer gewesen, habe dann seinen Job verloren und schließlich das Land verlassen müssen. Seit zwei Jahren lebe er nun in Deutschland. „Ich habe bei der ersten Wahl geweint“, sagt er. „Nicht um mich, sondern um die Demokratie in der Türkei.“

Andere Türken feierten hingegen den Sieg des amtierenden Präsidenten. Rund um das Kottbusser Tor gab es am Abend vereinzelte kleinere Autokorsos von Unterstützern. Auch vor der Gedächtniskirche gingen Erdogan-Anhänger auf die Straße – ebenso wie in diversen anderen deutschen Städten. Zu Verkehrsbehinderungen kam es infolge der Feierlichkeiten der AKP-Wähler auch am Kudamm. Die Berliner Polizei rief dazu auf, das Auto stehen zu lassen und sich zu Fuß dem Korso anzuschließen.

Autokorso inklusive: Erdogan-Fans feiern nächste Amtszeit

Die Wahlbehörde hatte den 69-jährigen Erdogan zum Sieger der Stichwahl erklärt. Laut vorläufigen Ergebnissen erhielt der islamisch-konservative Amtsinhaber gut 52 Prozent der Stimmen, sein sozialdemokratischer Herausforderer Kilicdaroglu knapp 48 Prozent.

Erdogan galt bereits vor der zweiten Runde im Inland wie im Ausland als Favorit, nachdem er die absolute Mehrheit in der ersten Runde am 14. Mai knapp verpasst hatte.

Die Wahl gilt als richtungsweisend. Erdogan ist seit 20 Jahren an der Macht. Seit der Einführung eines Präsidialsystems 2018 hat er so viel Macht wie nie zuvor. Kritiker befürchten, dass das Land mit rund 85 Millionen Einwohnern nach dem erneuten Sieg Erdogans vollends in die Autokratie abgleiten könnte. Kilicdaroglu tritt für eine Allianz aus sechs Parteien unterschiedlicher Lager an und verspricht, das Land zu demokratisieren. Nicht nur in der Region, sondern auch international wird die Abstimmung in dem Nato-Land aufmerksam beobachtet.

( dpa )