Platzprobleme

Fraunhofer-Institute auf Standortsuche rund um die TU

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Joachim Fahrun

Foto: Christian Charisius / dpa

Die Organisation für angewandte Forschung baut ihre Aktivitäten in Berlin aus, braucht aber Hilfe vom Land.

Die Wissenschaft in Berlin wird in den kommenden Jahren weiteren Rückenwind durch Deutschlands wichtigste Organisation für angewandte Forschung erhalten. Die Fraunhofer-Gesellschaft wird ihre Aktivitäten in der Hauptstadt deutlich ausweiten und zwei neue Institute in der Stadt aufbauen. Gleichzeitig brauchen aber die vier bestehenden Fraunhofer-Institute in Berlin Hilfe beim Ausbau ihrer Standorte und zum Teil neue Gebäude.

Details dazu nannten am Montag im Wissenschaftsausschuss des Abgeordnetenhauses der Generalsekretär bei Fraunhofer für Institutionelle Förderung und Forschungsinvestitionen Joan Bosch und der Generalsekretär für Wissenschaftspolitik Patrick Dieckhoff. Der Bundestag hatte im November insgesamt 70 Millionen Euro zugesagt, um ein Zentrum für öffentliche Sicherheit und ein Institut zur Erforschung von allergischen Erkrankungen zu schaffen.

Für das Sicherheitsthema stehe man noch am Anfang der Überlegungen, sagte Bosch. Zwei Optionen stünden im Raum. Das Zentrum könnte komplett in Berlin entstehen, oder aber auch in einer "föderalen" Aufteilung mit Standorten in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Es solle in dem neuen Institut weniger um die Frage gehen, wie viel Polizei auf der Straße benötigt werde, sondern eher um die technischen Aspekte der Sicherheit. Berlin könne aus dem bestehenden Fraunhofer Fokus-Institut das Know-How für E-Government und IT-Sicherheit einbringen.

Das Institut für Allergologie soll in Kooperation mit der Charité auf dem Campus des Universitätsklinikums in Steglitz entstehen. Es soll ein Teil werden des bereits bestehenden Fraunhofer-Institutes für Translationale Medizin und Pharmakologie mit Hauptsitz in Frankfurt am Main. Die Leitung des Berliner Ablegers mit 50 Mitarbeitern soll der Charité-Allergologe Torsten Zuberbier übernehmen. Die neue Initiative passe "perfekt in die Gesamtstrategie der Charité für den Campus in Steglitz", sagte Wissenschafts-Staatssekretär Steffen Krach.

Forschung für die Industrie

Für den Aufbau und die Anschubfinanzierung über die ersten fünf Jahre rechnen die Fraunhofer-Experten mit 60 Millionen Euro. Der Bund hat die Hälfte zugesagt, die Berliner Wissenschaftsverwaltung ist nach den Worten von Staatssekretär Krach bestrebt, die andere Hälfte beisteuern zu können. "Langfristig sind Fraunhofer-Institute das Beste, was einem Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort passieren kann", sagte Krach. Denn der Bund trägt im Regelbetrieb 90 Prozent der Kosten. Das Sitz-Land muss nur zehn Prozent beitragen.

Fraunhofer-Institute sind gehalten, sehr eng mit der Industrie zusammen zu arbeiten und Erkenntnisse der Grundlagenforschung in die Anwendung zu transferieren. Normalerweise kommt nur ein Drittel des Geldes als Grundfinanzierung aus öffentlichen Kassen. Der Rest wird zu gleichen Teilen für konkrete Forschungsprojekte von öffentlichen Investoren eingeworben und von der Industrie übernommen. Bosch sagte, erfahrungsgemäß dauere es bei einer neuen Aktivität fünf Jahre, bis dieses Verhältnis erreicht werde.

Die Fraunhofer-Vertreter stellten die vier bestehenden Berliner Institute als sehr erfolgreich dar. Sie müssten nicht befürchten, im Zuge der regelmäßigen Überprüfungen negativ aufzufallen. Denn Fraunhofer kontrolliere ständig, ob Forschungsaktivitäten noch vom Markt nachgefragt würden oder nicht.

Die Berliner Institute haben aber Probleme mit ihren Räumlichkeiten. So brauche das Heinrich-Hertz-Institut für Nachrichtentechnik mittelfristig ein neues Gebäude in der Nähe der Technischen Universität. Die Forscher dort seien in vielen Feldern der Halbleiter- und Funknetztechnik führend. Auch das Fraunhofer Fokus-Institut mit Sitz an der Kaiserin-Augusta-Allee sucht einen neuen Standort. Der Vermieter möchte die heute schon bei vier Millionen Euro pro Jahr liegende Miete in einem neuen Vertrag ab 2022 um das Zweieinhalbfache anheben, berichtete Bosch. Es belaste die Forschungsvorhaben, wenn diese hohen Mieten auf die Kosten umgelegt werden müssten. Daher brauche auch Fokus ein neues Gebäude in der Nähe der TU.

Fraunhofer will sich nicht für Standortpolitik ergeben

Auch der Mietvertrag des Instituts für Zuverlässigkeit und Mikrointegration in Wedding laufe aus. Der Bau des Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik an der Pascalstraße müsse saniert und aufgestockt werden, denkbar sei auch ein Neubau. Die Ausschussvertreter kündigten Unterstützung für die Bau- und Umzugspläne an. Es sei "sehr schwierig, wenn Landesmittel für Mieten ausgegeben würden", sagte Catherina Pieroth von den Grünen.

Der Regierende Bürgermeister und Wissenschaftssenator Michael Müller (SPD) warb auch für andere Standorte. "Alle wollen in die City-West oder nach Mitte", sagte Müller, "das ist unser Problem". Interessenten sollten "den Kopf hoch nehmen" und schauen, welche Möglichkeiten neben den Technologieparks in Adlershof und Buch etwa der Siemens-Campus in Siemensstadt oder das Gelände auf dem Flughafen Tegel böten. Dort sei eine enge Kooperation mit der Wirtschaft möglich.

Diese Ideen behagen den Fraunhofer-Leuten aber nicht. "Fraunhofer Institute eignen sich nicht, um Standortpolitik zu machen", sagte Joan Bosch: "Wir sind eine Forschungsgesellschaft." Deshalb sei die Nähe zu den Hochschulen entscheidend.

So dürfte sich die Standortsuche für die technologieorientierten Berliner Institute sich wohl auf Charlottenburg um die TU konzentrieren. "Das TU-Gelände ist riesig", sagte der FDP-Abgeordnete Stefan Förster. Dort stünden Flachbauten aus den 60-er Jahren. Es sei möglich, hier mit Hochbauten viel mehr Platz zu schaffen.