Hauptstadtbrief

Die Kunst blüht, trotz alledem

Berlin wirkt wie eine Stadt, die nicht regiert wird. Zum Glück besitzt sie mit der Kultur ein Zugpferd mit Eigendynamik.

Foto: pa

Jahresende – Jahreswende, traditionell der Zeitraum, in dem man zurück- und nach vorne blickt. Schauen wir, wir Berliner, auf diese Stadt, kommt zunächst einmal wenig „Oh, du fröhliche“-Stimmung auf. Die Stadt erfreut sich zwar nach wie vor großer Beliebtheit beim häufig etwas despektierlich so genannten, für ihre Attraktivität aber unerlässlichen „Künstlervolk“, und sie ist für Start-up-Unternehmen ein „place to be“. Die Anziehungskraft auf die internationale Jugend scheint ungebrochen – obwohl vieles eben gar nicht gut läuft in der Hauptstadt. Würde man von mir verlangen, die seit Jahren anhaltende politische Situation in Berlin in einem einzigen Satz zu beschreiben, so würde ich sagen: „Diese weltoffene Stadt wird einfach nicht regiert.“

Es gibt kaum einen Bereich, in dem der Berliner sagen könnte: „Det looft jut“. Google verabschiedete sich blitzartig von dem Gedanken, in Kreuzberg einen Start-up-Campus zu eröffnen. In den Schulen herrscht derartiger Lehrermangel, dass man die Kinder, die heute eingeschult werden, nur bedauern kann. Es ist fast schon zur Regel geworden, dass die Kinder nicht von ausgebildeten Fachkräften, sondern von engagierten Laien unterrichtet werden. Die Nichtverbeamtung der Lehrer, die im Vergleich zu anderen Bundesländern miserable Bezahlung, das mangelnde Angebot an Studienplätzen für Lehramtsanwärter sind nur einige der Ursachen für das Bildungsdesaster in Berlin.

Fahrradwege: ein Gerücht. U- und S-Bahn: ein Desaster! Der Baubereich: auch nicht lustiger. Wo sonst als in Berlin würde einem Bauunternehmer eine Baugenehmigung erteilt, die es erlaubt, so nah an die Friedrichswerdersche Kirche heranzubauen, dass man vom Fenster der Gebäude glaubt, diese Kirche berühren zu können – und niemand daran gedacht hat, dass eintreten könnte, was naturgemäß eingetreten ist: dass diese großartige, von der Nationalgalerie als Ausstellungsort genutzte Kirche dadurch irreparabel – irreparabel! – beschädigt wurde. Zentrale kulturelle Gebäude oder Grundstücke – Postfuhramt, Theater am Kurfürstendamm, Checkpoint Charlie – werden verscherbelt, ohne kulturerhaltende Auflagen, oft an Investoren, die keiner kennt.

Der Alexanderplatz dürfte wohl auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung der hässlichste zentrale Platz Europas sein. Die Bebauung nördlich des Hauptbahnhofs lässt ein lebendiges Bürgerleben gar nicht erst aufkommen. „Berlin ist eine Stadt, die funktioniert...“, so wurde der grundsympathische „Regierende“ Michael Müller dieser Tage in der Presse zitiert. Mit der Ergänzung „...in einigen Punkten noch nicht genug – aber sie funktioniert“. Funktionieren ist aber zu wenig. Eine Stadt wie Berlin soll nicht „funktionieren“ wie ein Aufzug oder eine Telefonanlage, sie muss von den politisch Verantwortlichen gestaltet, sie muss regiert werden.

Der Verfasser dieser Zeilen, der des kulturellen Umfelds wegen Berliner ist, in Berlin geblieben ist und bleiben will, weiß, wie stark allen Widrigkeiten zum Trotz die kulturelle Szene der Stadt ist – und wie hoch nicht zuletzt ihre touristische Attraktivität. „In welche Ausstellung muss ich denn gehen?“, wird der Berliner von Besuchern unweigerlich gefragt. Nun ja, die großen, attraktiven Ausstellungen finden in erster Linie natürlich im Ausland statt – in London beispielsweise konnte man in diesem Sommer parallel David Hockney, Robert Rauschenberg und Wolfgang Tillmans sehen. Aber längst laufen uns bei den großen Ausstellungen auch Städte wie Hamburg, Köln, Frankfurt und München den Rang ab. Es sind zurzeit vor allem die kleineren Häuser wie die Berlinische Galerie, das Bröhan-Museum oder das Max Liebermann Haus am Brandenburger Tor, die mit intelligenten, neugierig machenden Ausstellungen punkten.

Dennoch gibt es Grund, optimistisch zu sein: Die radikale Renovierung der Neuen Nationalgalerie – der Mies-van-der-Rohe-Ikone der Klassischen Moderne – neigt sich dem Ende zu, spätestens 2020 wird das Haus seine Pforten mit einem großen Ausstellungsereignis eröffnen: alles neu, und alles wird aussehen wie zur Eröffnung vor 50 Jahren! Die James-Simon-Galerie – benannt nach dem größten (und, da jüdisch, weithin vergessenen) Mäzen, den Berlin je hatte – bereitet sich auf die Öffnung für das Publikum vor, nachdem der Architekt David Chipperfield und seine Mannschaft vor kurzem feierlich den Schlüssel dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz übergeben haben. Und skeptisch gebannt schauen wir alle auf das Humboldt-Forum, das schon jetzt ein Berliner Wunder ist: Im Zeit- und Kostenrahmen geht es seiner Eröffnung entgegen, und mit Hartmut Dorgerloh hat das Haus einen Chef bekommen, der die Zügel straff in der Hand hält.

Aber die Attraktivität der Stadt gründet sich nicht nur auf den großen Häusern, es sind die zahlreichen Galerien, es sind Künstler und Künstlerinnen, die nach Berlin strömen, den produktiven Humus dieser Stadt bilden und das Clubleben so einmalig machen. Aus meiner Sicht liegen jedoch immer noch keine klaren Konzepte vor, wie man diese Szene erhalten, wie man bezahlbaren Wohnraum, bezahlbare Ateliers sicherstellen kann. Gibt es bezahlbare Wohnungen und Atelierräume nur noch in den Berliner Randgebieten, wird die Karawane weiterziehen, einen anderen Ort suchen und auch finden. Hier muss gegengesteuert werden.

Blickt man zurück auf das vergangene Berliner Theaterjahr, sticht die Causa Volksbühne heraus, die nach dem Ende der schiefgegangenen Chris-Dercon-Intendanz in den letzten Wochen gerade wieder zu sich selbst findet. Die erste eigene Premiere unter dem neuen Intendanten Klaus Dörr mit Leander Haußmanns „Staatssicherheitstheater“ fand soeben vor ausverkauftem Haus statt. Auf das, was die Schaubühne – wohl immer noch die erste Bühne dieser Stadt – im Westen und die etablierten Häuser Deutsches Theater und Berliner Ensemble im Osten bieten werden, können wir gespannt sein! Sie haben über Besuchermangel nicht zu klagen, ebenso wenig wie die kleineren Häuser HAU, Radialsystem, Maxim-Gorki-, Renaissance- und Schlosspark Theater.

Und was die Musik angeht: Keine Stadt in Europa hat eine so lebendige und grandiose Musikszene wie Berlin. Die drei großen Opernhäuser haben es endlich geschafft, ein jeweils eigenes Profil zu entwickeln. Das verdankt sich wohl der Tatsache, dass die drei Intendanten miteinander reden, sich austauschen und so ihre Profile stärken. Das Weltorchester der Berliner Philharmoniker kann sich auf den Dirigenten Kirill Petrenko freuen, das Deutsche Symphonie-Orchester reüssiert mit seinem mitreißenden und immer wieder faszinierenden jungen Chefdirigenten Robin Ticciati. Auch das Konzerthausorchester unter seinem Intendanten Sebastian Nordmann hat einen festen, gesicherten Platz im Berliner Konzertleben. Und die mit hervorragenden Lehrern besetzten Musikhochschulen der Stadt tragen ebenfalls dazu bei, dass in Sachen musikalisches Berlin ein lautes „In dulci jubilo“ erlaubt ist.

In Klaus Lederer als zuständigem Senator hat die Kulturszene Berlins einen klugen, mitdenkenden Ansprechpartner gefunden. Die Finanzmittel für Kultur sind 2018 erhöht worden. Die Jahresende-Bilanz könnte also lauten: Berlin funktioniert in vielen Bereichen nicht genug, aber immerhin ein bisschen – und zwar in der Kulturszene. Es gibt freilich keinen Grund, sich darauf auszuruhen. Auch auf dem Kultursektor braucht die Stadt für 2019 und darüber hinaus ein überzeugendes und engagiertes Regierungskonzept!

Prof. Dr. Peter Raue ist Rechtsanwalt und Notar. Von 1977 bis 2008 war der Kunstliebhaber und -förderer Vorsitzender des Vereins der Freunde der Nationalgalerie. Für den HAUPTSTADTBRIEF lässt er das Jahr 2018 Revue passieren und stellt fest: Wenn etwas in Berlin funktioniert, dann ist es die Kultur.