Radsport

Kristina Vogel: "Ich fühle mich jetzt frei"

Offen geht Kristina Vogel mit ihrem Schicksal um - und erntet viel Anerkennung. Sie will Leuten Mut machen und ihr Leben meistern.

Die querschnittsgelähmte Radsport-Olympiasiegerin Kristina Vogel kommt zum Bahnrad-Weltcup, um die Ehrung "Radsportler des Jahres" zu erhalten.

Die querschnittsgelähmte Radsport-Olympiasiegerin Kristina Vogel kommt zum Bahnrad-Weltcup, um die Ehrung "Radsportler des Jahres" zu erhalten.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Kristina Vogel war die beste Bahnradsportlerin der Welt, bis sich ihr Leben am 26. Juni auf brutalste Weise verändert. Bei einem Trainingsunfall prallt sie mit einem niederländischen Nachwuchsfahrer zusammen und ist seitdem vom siebten Brustwirbel abwärts gelähmt. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht sie über ihr neues Leben, ihre Ziele und ihre Sorgen.

Kristina Vogel, nach ihrem schlimmen Unfall im Juni können Sie zu Weihnachten endlich nach Hause. Wie groß ist die Vorfreude?

Ich bin einfach nur froh, dass ich entlassen werde. Ich war sechs Monate im Krankenhaus. Es reicht jetzt langsam. Ich freue mich auf so Kleinigkeiten, wie das eigene Bad, mal etwas kochen oder ein wenig Ruhe. Wenn ich hier mit Michael (Seidenbecher, der Lebensgefährte, Anm. d. Red.) mal kuscheln wollte, kam natürlich gleich die Schwester rein. Ich bin aber auch angespannt und nervös, was 2019 draußen in der freien, echten Welt so ist.

Sie sind sehr offen mit ihrem Schicksal umgegangen. Warum?

Es tut der Sache etwas Gutes. Ich will raus, meine Story erzählen, die Leute motivieren und auf der Reise mitnehmen.

Wie haben Sie die große Anteilnahme empfunden?

Die Sportler-Gala war sehr emotional für mich. Es war ein schönes 'Willkommen zurück'. Ich bin unheimlich beeindruckt von der Resonanz. Es ist Wahnsinn, wie Sport-Deutschland zusammenrücken kann. Es ist ein wenig blöd, dass ich erst jetzt verstanden habe, wie wichtig ich dem deutschen Sport bin. Ich bin geschätzter gewesen, als ich dachte. Ich habe immer gedacht, dass ich die kleine Kristina bin, die Fahrrad fährt und den ganzen Tag macht, was ihr Spaß macht. Vielleicht war ich privat nicht so selbstbewusst wie als Sportler.

Wie fielen denn die Reaktionen aus?

99,9 Prozent waren nur positiv. Viele Menschen schreiben mir, dass ich sie motiviert habe. Dabei mache ich eigentlich nicht viel. Ich versuche nur, ins Leben zurückzukommen. Die Reaktionen machen mir auch Mut. Ich denke, dass ich nicht alleine kämpfe, ich kämpfe für ganz Deutschland. Dass man an mir sieht: Wenn man dran glaubt, kann man es auch schaffen.

Ist es denn nicht auch traurig, dass Sie erst nach Ihrem schlimmen Unfall eine derartige Aufmerksamkeit bekommen haben, die Sie als Weltklasse-Sportlerin nie erhielten?

Es ist halt schwierig in Deutschland. Manchmal braucht es erst etwas Krasses. Ich finde aber, dass ein Umschwung da ist und man merkt, dass die großen Sportarten nicht alles sind. Und wenn es meiner Sportart was Gutes tut, dann mache ich das und nehme es mit.

Tut es heute weh, Radsport im TV zu sehen?

Ich war 18 Jahre lang Leistungssportlerin. Das Feuer für den Radsport kommt nicht von ungefähr. Es bleibt mir nach wie vor. Ich habe auch die Bahnrad-EM geguckt, mitgefiebert und die Daumen gedrückt. Ich will die Expertise, die ich habe, an junge Sportler zurückgeben. Ich bin nicht weg, ich bin immer noch da. Ich kann nicht mehr mitmachen, aber es ist nicht so, dass ich etwas schmerzlich vermisse. Ich kann zurückblicken auf 18 wunderschöne, extrem erfolgreiche Jahre. Ich will da einfach nur dankbar sein.

Sie sagten, dass Sie sich schon lange einen Hund wünschen. Wie sieht es denn mit der Familienplanung aus?

Das ist noch nicht konkret. Ich muss erst einmal ankommen, mit mir und auch mit der Behinderung klarkommen. Fakt ist, es funktioniert auch auf natürlichem Weg. Wir müssen dann sehen, wie die Geburt stattfindet. Es ist schon in Planung, eine Familie zu gründen, aber nicht morgen und auch nicht übermorgen.

Ihr Arbeitgeber ist die Bundespolizei. Steigen Sie wieder ein?

Ja, aber natürlich nicht im Streifendienst. Ich kann auch operative Sachen machen. Was Observation und Fahndung betrifft, bin ich wohl verbrannt. Ich denke, man würde mich erkennen. Die Bundespolizei lässt mir unheimlich viel Freiraum und setzt mich nicht unter Druck. Das schafft viel Vertrauen. Ich könnte auch Bundespolizei-Trainerin werden für den Bereich Radsport.

Wie geht es im neuen Jahr für Sie weiter?

Ich werde die Reha hier fortführen. Michael arbeitet noch bis September als Fachlehrer in der Sportschule. Ich werde dann für die Zeit zu ihm nach Kienbaum ziehen und dann drei- bis fünfmal in der Woche nach Berlin pendeln. Die Reha geht noch weit bis ins nächste Jahr hinein, voraussichtlich bis August oder September.

Die Frage nach einer paralympischen Karriere mögen Sie nicht.

Die Frage nervt mich, weil es mich wieder unter Druck setzt, was ich nicht mehr möchte. Dann geht es ja wieder von vorne los. Ich bin froh, dass ich mich jetzt frei fühle und dass sich mein Leben entschleunigt hat. Natürlich war, ist und wird der Sport immer Teil meines Lebens sein. Ich bin aber körperlich soweit weg, um überhaupt zu überlegen, was ich machen kann. Ich habe gerade mit der 0,5-Kilogramm-Hantel trainiert, und das war nicht gut. Wie kann ich da an Leistungssport denken? Ich komme nicht zurück und verliere. Wenn ich zurückkomme, will ich auch gewinnen. Das ist eine Sache von mindestens vier Jahren. Und dann muss ich etwas finden, was ich so gut kann, wo ich genauso brenne.

Zum holländischen Juniorenfahrer, mit dem Sie zusammengeprallt sind, gab es keinen Kontakt. Werden Sie das Gespräch noch suchen?

Mir ist es nicht wichtig. Andererseits denke ich auch an den Jungen. Wenn ich wüsste, dass ich eine Kristina Vogel in den Rollstuhl gebracht habe, würde es mir auch nicht gut gehen. Der wird ein, zwei schlaflose Nächte gehabt haben.

Ist die Schuldfrage geklärt?

Das wird noch von der Staatsanwaltschaft untersucht.

Mal angenommen, Sie könnten die Zeit zurückdrehen. Würden Sie alles wieder so machen?

Ja. Eine Querschnittslähmung kann auch beim Äpfelpflücken oder beim Aufhängen der Weihnachtskugeln am Christbaum passieren. Klar ist es auch ein hohes Risiko gewesen. Ich finde aber, dass Leistungssport unheimlich persönlichkeitsprägend ist. Man muss es vielleicht nicht so verrückt machen wie ich. Es war eine wunderschöne Zeit, ich habe jeden Moment genossen. Ich würde es ganz genau wieder so machen.

Haben Sie im Krankenhaus mehr über sich selbst gelernt?

Ich musste mehr erlernen. Ich war nie jemand, der viel geweint und viele Gefühle gezeigt hat. Vielleicht nur, wenn ich eine olympische Goldmedaille geholt habe.

Was sind die schlimmsten Momente?

Wenn ich mal wieder ungeduldig bin und etwas nicht klappt. Dann nervt mich das. Das ist mein Wort 2018: Geduld.

Was bereitet Ihnen Sorge?

Was mir Angst macht und wo mich alle auslachen, ist die Planung der Zukunft. Die Fünf-Jahres-Pläne sind weg. Ich bin jemand, der klassisch überversichert ist. Planung und Struktur gibt mir Ruhe. Und jetzt habe ich nur eine grobe Planung für das nächste halbe Jahr, das ist verrückt.

Werden Sie weiter verrückte Sachen machen?

So oft wie ich aus dem Rollstuhl rausgefallen bin, mache ich das immer noch. Die haben alle Angst hier. Und klar: Ein Tandemsprung wäre ganz cool.

Wie sieht es mit alltäglichen Dingen aus wie etwa dem Autofahren?

Ich habe die Fahrüberprüfung geschafft. Ich hatte ein paar Fahrstunden hier in Berlin und musste dem Prüfer zeigen, dass ich mit dem Handgas umgehen kann. Jetzt warte ich, dass mein Auto fertig ist. Dann kann es losgehen. Und ich habe den Vorteil, dass ich große Parklücken habe. Ich darf jetzt auf dem Behindertenparkplatz stehen.

Es gab viel Wirbel um die Frage einer möglichen Bein-Amputation im Sportstudio.

Ich habe die Frage ehrlich beantwortet. Es war okay, ich war darauf vorbereitet. Es war mal kurz ein Thema. Ich wäre aber bescheuert, es zu machen. Es gibt ja auch immer die Hoffnung. Außerdem habe ich so viele Schuhe, wohin denn damit?