Konzertkritik

Boyband BTS bringt die Fans zum Kreischen

Die südkoreanische Band BTS spielte vor 17.000 Leuten in der Mercedes-Benz Arena. Am Mittwoch folgt das zweite Konzert.

Symbolfoto

Symbolfoto

Foto: pa

Berlin. So in der Mitte des Konzerts, gegen 21 Uhr stehen sie alle auf der Bühne, die sieben Sänger von BTS: Jin, Suga, j-Hope, RM, Jimin, V und Jungkook. Sie brüllen, dass sie am liebsten „alles niederbrennen“ würden, dass doch jeder „selbst über sein Leben entscheiden solle“ und dass es „völlig okay sei, zu verlieren“.

Das klingt alles nach typischer Musik für Heranwachsende. Obwohl die Mercedes-Benz-Halle bis zum letzten der 17.000 Plätze ausverkauft ist und wirklich nur Fans auf diesen Plätzen sitzen, kann niemand mitsingen. Denn der Text ist auf Koreanisch und wird von den sieben Jungen auf der Bühne abwechselnd sehr schnell gesungen. Aber dann passiert das, was bei jedem BTS-Song irgendwann passiert und ein Teil des Geheimnisses ihres weltweiten Erfolgs ist: Sie wechseln ins Englische und der Saal brüllt mit: „Fire! Fire! Fire!“

Die südkoreanische Band BTS hat am Dienstagabend das erste von zwei Konzerten in Berlin gegeben und wenn alles am zweiten Abend (am Mittwoch) genauso glatt läuft, können Sie sehr zufrieden sein. Die Band hat gerade ohnehin einen guten Lauf: sie waren auf dem Cover des TIME-Magazins, haben vor der UN-Vollversammlung eine Rede gehalten und in einem Monat läuft ein Film über ihren Erfolg in den Kinos weltweit. Und erst am Tag des Konzerts hat BTS hat einen Rekord auf der Videoplattform YouTube gebrochen. Der Clip zur neuen Single „Idol“ wurde binnen der ersten 24 Stunden weltweit 45 Millionen Mal abgerufen. Damit stießen sie Pop-Superstar Taylor Swift vom Thron.

Vielleicht begannen sie deshalb auch das Konzert mit diesem Lied: „Idol“. In einem glitzernden Matrosenanzug kommen alle sieben auf die Bühne und die meist jugendlichen und weiblichen Fans begrüßen jeden einzelnen mit einem einzelnen Kreischen. Denn letztlich hat sich seit den Zeiten von NKOTB, N-Sync oder den Backstreet Boys nur wenig am Rezept geändert: Mehrere gut aussehende Jungen tanzen in Formationen, bedienen mit ihren aufgebauten „Images“ verschiedene Jungs-Typen, sind meist ledig und sind gleichzeitig unglaublich unschuldig. Singen müssen sie dabei wie die Boybands in den 90ern auch meist nicht live, weil schon ihre Tanzeinlagen dafür zu kompliziert und schweißtreibend sind. Und so reicht es auch, dass BTS zwischendurch immer wieder das Publikum fragen: „Are you alright?“ oder „Are you ready?“.

Aber der Hype ist real und größer denn je: Sämtliche Europa-Konzerte waren in 9 Minuten ausverkauft und draußen, vor der Mercedes-Benz-Arena Fans, kampierten seit Montagmorgen Fans, um die besten Plätze vor der Bühne zu bekommen. Dass die Nischen-Musiksparte „K-Pop“, also koreanischer Pop, das einmal schaffen würde, hatte keiner gerechnet. Es hat auch damit zu tun, dass die Band BTS seine Fans vom ersten Album an immer direkt anspricht und sogar mit einem eigenen Namen bezeichnet: Army. Und diese Armee kann nachweislich sehr laut sein.

Bei den Liedern „Dope“, „I‘m Fine“ und „Run“ sind sie so laut, dass man BTS auf der Bühne kaum verstehen kann. Das sind laute Dance-Nummern, die entfernt an DJ Bobo oder Missy Elliot erinnern. Zwischen den beiden Beispielen liegen zwar Welten, aber besser lässt sich die Breite der Musik nicht beschreiben. BTS kann Hip-Hop, Rap, aber auch softe R&B-Balladen, wie „Euphoria“, „Singularity“ oder den Super-Hit „Magic Shop“. Wie in vielen der Liedern geht es um dunkle Gefühle wie Selbstzweifel oder Liebeskummer. „Wenn ich mich selbst hasse und am liebsten für immer verschwinden möchte“, heißt es, „öffne ich eine Tür und bin für immer in dir.“

Und irgendwann ist es auch egal, dass die Band fast vollständig auf Koreanisch singt. Das Publikum kann zumindest die Englischen Passagen mitsingen und fühlt sich schon deshalb eins miteinander, weil jeder ein Licht in der Hand hält, dessen Farbe zentral gesteuert wird. So entsteht ein blaues, rotes oder grünes Lichtermeer, je nachdem, was die BTS Bühnenshow vorsieht. Inszeniert aber sind die Songs dann doch oft gleich: Große Gesten auf einer Bühne, Kamerazoom auf einen der Sänger und eine Choreografie, die man zuhause mit etwas Mühe nachtanzen kann. Aber all das funktioniert in Berlin an diesem Dienstag perfekt und die Band verspricht unter Jubel, im nächsten Jahr wieder zu kommen.

Bis dahin können Sie vielleicht auch noch besser Englisch. Einige der BTS-Boys ließen sich am Ende, bei der recht ausführlichen Verabschiedung noch von einem Dolmetscher übersetzen. „Die Firma meines Vaters ist in Deutschland“, sagt RM, der ernste Rapper von BTS. „Deswegen liebe ich das Land sehr und ich liebe euch.“ Dann verdrückte er eine (in Großaufnahme) Träne. Jongkook fasst sich am schnellste und ruft auf Deutsch: „Bis wir uns Wiedersehen – Bleibt happy!“

Aber bevor es zu sentimental wurde, legten die Sieben noch einmal nach und forderten die Army auf: „Macht Krach!“ Sie spielten einen ihrer größten Hits, der ausgerechnet „So What“ heißt. Und erst ganz am Ende das Lied, dass sie auch in Deutschland bekannt machte: „Love Myself“. Das Konfetti war noch in der Luft, als das Kreischen schon so abrupt endete, wie es begonnen hat. Und alle nehmen einen Zettel mit nach Hause auf denen ganz groß steht: „BTS ist unsere blaue Oase in der Wüste.“ Natürlich auf Koreanisch.

Mehr zum Thema:

Erst belächelt, jetzt gefeiert: Wie BTS die Welt eroberte

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.