Wilmersdorfer Straße

Überzeugen ohne Chic und Luxus in Berlins Fußgängerzonen

40 Jahre besteht die Fußgängerzone Wilmersdorfer Straße. Doch funktioniert ihr Konzept eigentlich noch? Ein Besuch.

Die Fußgängerzone Wilmersdorfer Straße

Die Fußgängerzone Wilmersdorfer Straße

Foto: Maurizio Gambarini

Ein Obsthändler baut auf der Kreuzung Wilmersdorfer und Goethestraße seinen Stand auf. Auf einer Bank sitzt ein Mann im Unterhemd und liest Zeitung. Zwei Damen umarmen sich. „Wir treffen uns fast jeden Morgen hier, um gemeinsam zu frühstücken“, sagt Annette Schmid. Ihre Freundin Margarethe Timmermanns nickt. Während die beiden zu einem Backshop schlendern, sprechen sie über die Wilmersdorfer Straße, in deren Nachbarschaft sie aufgewachsen sind. „Wir wissen noch, wie hier die Kohlen mit Pferdewagen ausgeliefert worden sind“, sagt Timmermanns.

In ihrer Kindheit war die Wilmersdorfer Straße eine einfache Kiezstraße. Entworfen hat sie Hofbaumeister Johann Friedrich Eosander von Göthe in seinem Wegesystem zu Beginn des 18. Jahrhunderts für die junge Stadt Charlottenburg als Verbindung nach Wilmersdorf. Prominenter Besucher war der Schriftsteller Franz Kafka. Er verbrachte 1912 an diesem Ort viel Zeit, als er sich in die hier wohnende Felice Bauer verliebte. Nobelpreisträger Albert Einstein wohnte ab 1912 in der Wilmersdorfer Straße 93 bei seinem Onkel Jakob Koch, wenn er sich in Berlin aufhielt.

Heute führt die Wilmersdorfer Straße von der Otto-Suhr-Allee bis zum Adenauerplatz am Kurfürstendamm. Sie als eine einzige Straße wahrzunehmen, ist nicht leicht. Brüche kennzeichnen ihren Weg. Wer heute von der Wilmersdorfer Straße spricht, meint meist die Fußgängerzone zwischen S-Bahnhof Charlottenburg und Schillerstraße. Deren Eröffnung jährt sich in diesem Jahr zum 40. Mal. Das wird an diesem Wochenende gefeiert. Seit den 50er-Jahren entstanden solche Zonen überall in Deutschland, besonders in den 70ern erlebte das Konzept einen Boom Doch funktioniert das Prinzip Fußgängerzone noch in Zeiten des Shoppens im Internet und der Zunahme von Filialgeschäften großer Ketten? Sind Geschäftsinhaber zu Investitionen bereit, um die Wilmersdorfer Straße unverwechselbar zu machen? Und was wünschen sich Kunden? Die Berliner Morgenpost hat sich umgesehen und umgehört.

Nördlich der Fußgängerzone ist die Wilmersdorfer Straße immer noch von alten Mietshäusern und kleinen Läden geprägt. Erhalten haben sich dort Institutionen wie das alte „Gasthaus Hoeck“, in dem der Maler und Fotograf Heinrich Zille gezeichnet, Rudi Dutschke Teebeutel an die Decke geworfen haben soll und Filme wie „Jakob und Adele“ gedreht worden sind. Oder das weithin bekannte Feinkostgeschäft Rogacki. Südlich der S-Bahn macht sich mit repräsentativen Wohnhäusern und schicken Boutiquen die Nähe zum Kurfürstendamm bemerkbar.

Doch dazwischen ist wenig von der Welt geblieben, die Schmid und Timmermanns aus ihrer Kindheit kannten. Vieles wurde bei den Bombardierungen 1943 zerstört, musste Neubauten weichen, die besser ins Konzept einer Fußgängerzone passten. Der Abschnitt zwischen Krumme Straße und Schillerstraße wurde 1978 im Rahmen des Umbaus West-Berlins zur autogerechten Stadt zu einer verkehrsfreien Zone umgestaltet. Hier konzentrieren sich seither Einzelhandel und Warenhäuser. An der Wilmersdorfer Straße 118 steht das älteste Kaufhaus der Stadt: 1906 unter dem Namen „Graff und Heyn“ an der Pestalozzistraße gegründet, beherbergt es heute eine Karstadt-Filiale. „Nach dem Krieg wurden hier aber schon noch ein paar wenige interessante Häuser gebaut“, sagt Annette Schmid und zeigt auf das fünfgeschossige „Schirmständerhaus“ an der Nummer 58, das seinen Namen von den runden Löchern in seinem überkragenden Dach bekommen hat. Doch wie vieles in der Fußgängerzone fiel das denkmalgeschützte Geschäftshaus dem optischen Niedergang in den 80er- und 90er-Jahren zum Opfer. Unabhängiger Einzelhandel, Kneipen und Restaurants konnten sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten und zogen weg.

Die Wilmersdorfer Straße wurde ein Abbild dessen, was in den meisten deutschen Fußgängerzonen passierte: Die autofreie Zone verwandelte sich mit Filialgeschäften und Discountern von einer unverwechselbaren Straße in einen Klon, austauschbar und zumeist zubetoniert. Auch wenn immer wieder neue Experimente gestartet, Brunnen angelegt und Bänke aufgestellt wurden: Nach Geschäftsschluss locken weder Kinos noch Kneipen Besucher an.

Einkaufscenter leiden oft unter Leerstand von Geschäftsräumen

Erst zu Beginn der Nullerjahre bekam die Straße neue Impulse. 2000 modernisierte Karstadt sein Kaufhaus, ein Jahr darauf verschwanden Verkaufspavillons und Dächer über den Eingängen des U-Bahnhofs. Auch das Schirmständerhaus wurde 2002 denkmalgerecht saniert. 2005 eröffnete das Kant Center an der Ecke Kantstraße, 2007 folgten die Wilmersdorfer Arcaden, in die auch ein Bürgeramt Besucher zieht. Selbst die Buchhandelskette Hugendubel, die sich aus vielen Einkaufsstraßen zurückgezogen hat, schätzt die Straße und hat ihre Buchhandlung behalten.

Einer der letzten selbstständigen Einzelhändler in der Charlottenburger Fußgängerzone ist Thomas Bong. Als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Wilmersdorfer Straße kämpft er seit 20 Jahren mit einer sinkenden Zahl von Geschäftsleuten gegen die Verwahrlosung der Fußgängerzone. Trotz ihrer Größe handle es sich noch immer um eine Kiezstraße für Charlottenburger, sagt der Apotheker. Sie sei weder eine Luxus- noch eine Ramschmeile. Ihre Nahversorgungsfunktion erkläre, warum sie unter der Woche andere Toplagen wie den Tauentzien oder die Friedrichstraße überrundet – diese lebten von den Touristenströmen am Wochenende. Bong sieht die Wilmersdorfer Straße im Aufwind: „Ich mache das nicht nur an den Kundenfrequenzen fest, sondern auch an der Nachfrage nach Läden, die direkt an der Fußgängerzone liegen. Der Leerstand ist fast weg“, sagt er.

"Die Fußgängerzone ist ein Familienerlebnis“

Der Idee des Stadtplaners Harald Bodenschatz, die Fußgängerzone aufzubrechen, um wieder mäßig Verkehr zu ermöglichen, erteilt Bong eine Absage. „Das wäre nach meiner langjährigen Erfahrung genau der falsche Weg. Die Fußgängerzone ist ein Familienerlebnis.“ Er begrüße zwar neue Ideen zur Mobilität, wünsche sich aber mehr Parkplätze im Umfeld und eine Verlängerung der Fußgängerzone bis zur Bismarckstraße. Aus der nördlichen Wilmersdorfer Straße würde Bong den Verkehr zwar nicht gänzlich verbannen wollen, hofft aber auf eine bessere Anbindung an die Fußgängerzone in Form einer verkehrsberuhigten Begegnungszone. Besonders zu schaffen macht dem AG-Vorsitzenden die mangelnde Bereitschaft seiner Nachbarn, ihren Beitrag wie für eine gemeinsame Weihnachtsbeleuchtung zu leisten.

„Als ich vor 20 Jahren hier angefangen habe, engagierten sich die meisten Filialleiter noch persönlich. Heute sind sie alle, egal, ob es Peek & Cloppenburg, C & A oder Karstadt ist, derart zen­tral gesteuert, dass die nicht mal mehr Geld für eine Briefmarke haben“, klagt Bong. Eine Chance für eine Fortentwicklung der Wilmersdorfer Straße sieht er deshalb in einer Konstruktion wie dem Business Improvement District, wie er von Geschäftsleuten am Tauentzien und Teilen des Kurfürstendamms gegründet worden ist. Damit würden alle Anlieger verpflichtet, sich an Gemeinschaftsaufgaben zu beteiligen, sagt der Apotheker. „Nur dann können wir auch gemeinsam der Herausforderung des wachsenden Online-Handels die Stirn bieten“, sagt Bong.

Die Wilmersdorfer Arcaden sollen umgebaut werden

In den Wilmersdorfer Arcaden, die wie fast alle Einkaufscenter unter Leerstand leiden, nimmt man sich den Appell Bongs offenbar zu Herzen. Viola Molzen, die neue Chefin der Shoppingmall, will noch in diesem Sommer beginnen, die Arcaden umzugestalten, damit Kunden sich länger darin aufhalten. „Im Moment haben wir noch auf jeder Etage einen Mix aus Gastronomie und Einzelhandel. Das wollen wir besser strukturieren und die Funktion des Kiez-Centers, in dem sich die Menschen treffen, ausbauen“, sagt sie. Für den ersten Stock konnte sie als Ankermieter die Post und eine Thalia-Buchhandlung gewinnen. „In diesem Umfeld wollen wir einen ,Community-Bereich‘ mit Café und einer Coworking-Area schaffen, in den man sich auch mal länger mit seinem Laptop hinsetzen kann.“ Im Untergeschoss soll eine Markthalle entstehen.

Annette Schmid und Margarethe Timmermanns haben inzwischen vor dem Backshop gefrühstückt und genießen die Sonne. „Auf ein Tässchen bleiben wir noch, Leute gucken“, sagt Schmid. Sei ja schön, dass hier keine Autos führen. Und irgendwas tue sich ja immer.

Bis Sonntag: Straßenfest in der Wilmersdorfer Straße mit Bungee-Jumping, Karussell und Imbissständen. Unter dem Motto „Gemeinsam feiern, gemeinsam helfen“ haben die Wilmersdorfer Arcaden und Karstadt eine Spendenaktion ins Leben gerufen, um den Verein für Knochenmark- und Stammzellenspenden zu unterstützen und haben dafür insgesamt 30 Spendenboxen an den Kassen teilnehmender Geschäfte aufgestellt. Die Geschäfte sind am Sonntag von 13 bis 18 Uhr geöffnet.

Feriengefühle in Alt-Tegel

In der Straße Alt-Tegel entstand schon 1976 die erste Fußgängerzone Berlins – trotz des Protests von Händlern:

Am Anfang war der Streit. Alt-Tegel ohne Autos? Für die Geschäftsleute kaum vorstellbar. Als 1976 der damalige Baustadtrat Hans-Joachim Gardain an der Endstation der U-Bahnlinie 6 eine Fußgängerzone ausweisen wollte, waren Michael Grimm und seine Mitstreiter von der Arbeitsgemeinschaft Tegel City strikt dagegen. „Wir Kaufleute waren sehr skeptisch und fühlten uns von der Politik übergangen“, erinnert sich der Goldschmied und Kiezhistoriker an den Streit. Als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft warnte Grimm davor, Geschäfte von der autoaffinen Kundschaft aus Heiligensee, Hermsdorf und Frohnau abzuschneiden.

Es überwog die Befürchtung der Händler, dass bei einer Schließung der belebten Straße Alt-Tegel für den Autoverkehr ein Verkehrskollaps droht. „Tegel war Autoland“, sagt Grimm. Der Zeitgeist im Norden Berlins – er stand der Idee eine Fußgängerzone entgegen. Für Frieden sorgte schließlich ein Kompromiss: Autofahrer durften das Parkhaus des neuen Tegel Centers an der Gorki­straße eine Stunde lang kostenlos nutzen.

Erst als klar war, wo man sein Auto abstellen darf, war der Weg für Flaneure in Alt-Tegel frei. Passanten und Gewerbetreibende entdeckten die Vorzüge eines Geschäftszentrums ohne motorisierten Verkehr. Die Fußgängerzone und ihr Umfeld waren gemeint, wenn man sagte „wir fahren in die Stadt“, erzählt Grimm. Das galt erst recht, als 1978 der zweite Teil der autofreien Passage in der Gorkistraße eröffnete.

Heute befindet sich dieser Abschnitt erneut im Umbruch. Investor Harald Huth lässt das Tegel Center bis 2019 komplett modernisieren. Im Rahmen des 200-Millionen-Euro-Projekts werden alte Hausfronten aus Beton neuen Glas- und Natursteinfassaden weichen. Es entsteht nach drei Jahrzehnten die erste neue Karstadt-Filiale Berlins.

Im älteren Teil der Fußgängerzone in Alt-Tegel dominieren weiter Gründerzeitbauten mit Kiezgeschäften und Gas­tronomie. Nicht nur Einheimische nutzen die Passage als Scharnier zwischen U-Bahn und dem Schiffsanleger an der Greenwichpromenade. Wenn es nach dem Bezirksamt geht, sollen auch vermehrt Touristen in Richtung Tegeler See schlendern. An einem Informationskiosk des Bezirks erhalten sie entsprechende Ausflugstipps.

Architektonische Perlen in Alt-Tegel sind das 1839 erbaute Gebäude des „Café Wetterstein“ und das „Hax’nhaus“, wo deftige Speisen auf den Teller kommen. Gegenüber versorgt Dominico von der Eisdiele „L’Angolo Del Gelato“ Gäste mit einem kalten Dessert. Er sagt: „Aus der Stadt in fünf Minuten zum See spazieren, das ist etwas Besonderes. An einem warmem Sommerabend bekommt man in dieser Fußgängerzone Feriengefühle.“

Entspannen in Spandau

Pflastersteinstraßen, Fachwerkhäuser, Wochenmärkte – die Altstadt Spandau kommt urig daher. Aber der Schein trügt: Denn zwischen 1978 und 1990 ist die sogenannte Altstadtinsel zur größten Fußgängerzone Berlins umgewandelt worden. Unglaubliche 250.000 Quadratmeter – umgerechnet rund 35 Fußballfeldern entsprechend – umfasst das Gebiet. Hier, wo Spree und Havel zusammenfließen, schlendern jeden Tag rund 30.000 Menschen durch die Straßen und Gassen.

Dennoch ist das Treiben in der Altstadt eher gemütlich. Man sitzt bei Kaffee und Kuchen auf der Terrasse der Konditorei „Fester“, die gerade 90. Jubiläum feiert. Uhren und Schmuck werden in Spandau seit 130 Jahren beim Juwelier Brose gekauft. Und seit 80 Jahren sorgt die Optikerfamilie Bode für den Durchblick in der Wasserstadt. 500 Gewerbeeinheiten aus allen Bereichen sowie mehr als 70 Bars, Cafés, Restaurants, Bäckereien und Co. sind in der Altstadt zu finden, teilt das Bezirksamt Spandau mit.

Von der Einkaufsstraße sind es nur wenige Meter zur Seelandschaft mit Inseln, grünen Ufern und Zugang zur Havel. Der Spandauer See, unmittelbar nördlich von der Altstadt gelegen, lädt zum Träumen ein. Shoppen und entspannen – wer träumt nicht davon?

Powershoppen am Alex

„Bonjour. Buenos dias. Hello.“ Dreisprachig ist die Begrüßung der Stadtführer, die Tickets für Busrundfahrten am Alexanderplatz verkaufen. „Klar, am Alex ist immer was los. Viele Touristen steigen hier in unsere Busse ein“, erklärt ein Ticketverkäufer. Tatsächlich: Der Alexanderplatz in Mitte – seit den 60er-Jahren Fußgängerzone – ist ein Platz der Superlative. Jeden Tag laufen mehr als 360.000 Besucher über den „Alex“, wie der Platz auch genannt wird. Rund 250.000 von ihnen nutzen auch den Bahnhof.

Damit ist der Alexanderplatz mit seinen 80.000 Quadratmetern der viertbelebteste Platz in Europa – und laut einer Studie die meistbesuchte Gegend von Berlin, noch vor der City West rund um Kurfürstendamm und Tauentzien­straße. Außer einer ruhigen Ecke scheint es hier alles zu geben. Dicht an dicht drängen sich Powershopper, schicke Geschäftsleute, Reisende mit Gepäck oder Touristen über den Platz. Sie strömen in die unzähligen Bekleidungsgeschäfte, Büros, Cafés oder Currywurstbuden, die sich rund um den Alex niedergelassen haben – oder in das Mega-Einkaufszentrum „Alexa“.

Schätzungsweise eine Million Menschen kaufen hier jedes Jahr in einem der 180 Shops ein. Rekord. Die enorme Beliebtheit des Platzes hat allerdings zur Folge, dass sich kleine Geschäfte hier kaum noch halten können. Der Alexanderplatz ist fest in der Hand von internationalen Modeketten. Primark, Esprit, Hallhuber, C&A – ein Tante-Emma-Laden ist hier weit und breit nicht zu sehen.

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