Der aktuelle und der vorherige Wohnort von Anna Taneva lassen sich schwer miteinander vergleichen. Von der pulsierenden Schönhauser Allee ging es ins ruhige Hakenfelde. Statt U-Bahn-Station, Imbiss und Spätkauf vor der Tür, hat Taneva nun Havelblick und den Spandauer Forst um die Ecke. Vor vier Wochen ist die 46-Jährige mit Mann, Sohn und zwei Hunden in die Pepitahöfe gezogen.

Mit 1024 Wohnungen sind sie eines der großen Neubauprojekte in Spandau, die dazu beitragen, dass der Bezirk sich wandelt und wächst. Das Spandauer Stadtentwicklungsamt listet Projekte mit insgesamt mehr als 15.000 Wohnungen auf, die in den kommenden fünf Jahren fertig werden sollen. Nicht eingerechnet ist der Siemenscampus, auf dem knapp 3000 Wohnungen bis 2030 entstehen sollen. „Es wird in Spandau voller und städtischer werden“, sagt Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank (SPD). Nicht nur Wohnraum, auch Gewerbe und Büros sollen entstehen. Vor allem aber wird Spandaus Bevölkerung zunehmen. Kleebank geht davon aus, dass die Einwohnerzahl bis 2030 auf 280.000 steigen wird. Das wären knapp 40.000 mehr, als aktuell dort leben.

Neu-Spandauerin Taneva hat ein halbes Jahr nach einer Wohnung gesucht, bevor sie die Pepitahöfe fand. Ihr altes Wohnhaus sei in ein Bürogebäude umgewandelt worden. Es blieb nur der Auszug. Hat sie der Kontrast zwischen Prenzlauer Berg und Spandau nicht abgeschreckt? „Nein, gar nicht“, sagt Taneva. Sie schätzt die Ruhe, spricht von „Urlaubsflair“. Fast 100 Quadratmeter Wohnfläche, zwei Dachterrassen, bezahlbare Miete – das hat sie überzeugt.

Die Pepitahöfe gehören zur „Wasserstadt Oberhavel“, die sich an den Havelufern um die Insel Eiswerder erstreckt. In dem Gebiet geht es beim Wohnungsbau Schlag auf Schlag. Von den Pepitahöfen aus muss man nur die Straßenseite wechseln, um die nächsten neuen Häuser zu finden. Die Haake Höfe umfassen 70 Eigentumswohnungen, die bis Ende Januar 2019 übergeben sein sollen und laut Bauträger Project Immobilien alle schon verkauft sind. Die Firma hat noch zwei Bauprojekte in Spandau, darunter einen ebenfalls in Hakenfelde liegenden, 50 Meter hohen Turm: die „Havelperle“. Auch dort sind alle Wohnungen verkauft.

Das nächste große, geplante Quartier erreicht man von den Pepitahöfen mit dem Bus – anderen öffentlichen Nahverkehr gibt es in dem Gebiet nicht – nach gerade einmal vier Stationen. Fünf Minuten dauert die Fahrt, dann steht man vor dem, was einmal die „Waterkant Berlin“ werden soll. Im Sommer gab es dort noch ein einsames Reihenhaus. Inzwischen wird links, rechts und vor dem Haus gebaut. Sechs Baukräne sind aufgebaut. Und mit der Ruhe ist es, fürs Erste, vorbei: Auf dem Baufeld poltert es, Bohrgeräusche sind zu hören, ein Hammer schlägt auf Metall. Von einem angrenzenden Gebäude wird das dreigeschossige Reihenhaus inzwischen um ein Stockwerk überragt.

45 Minuten Fahrt für fünf Busstationen

Die Anwohner sind erwartungsgemäß nicht nur begeistert von den Veränderungen. Mitglieder der Bürgerinitiative „Spandau Haveleck“ sorgen sich, dass das neue Quartier sozial zu wenig durchmischt wird, Schulen und Kitas nicht ausreichend mitwachsen und vor allem, dass Lösungen für den Verkehr fehlen. Erst vor wenigen Wochen sorgten zwei Baustellen für Chaos. „Busse und Autos haben morgens gemeinsam im Stau gestanden“, berichten zwei Anwohnerinnen. „Für die fünf Stationen zum U-Bahnhof Haselhorst hat der Bus circa 45 Minuten gebraucht.“

Und auch Gewerbetreibende aus der Rhenaniastraße sorgen sich. Ihre Werkstätten gehen durch den Wohnungsbau wohl verloren, Ende 2019 sollen sie raus. „Ich verstehe, dass Wohnungen gebraucht werden“, sagt Marco Skala, der auf dem alten Industriegelände einen Imkereibedarf betreibt. „Aber es wird vergessen, dass die Firmen auch irgendwo arbeiten müssen.“ Skala sucht bereits seit einer Weile nach einem Alternativstandort, aber wenn er überhaupt etwas fände, sei die Miete „unglaublich teuer“. Als letzter Ausweg bleibt ein Umzug ins Umland. „Brandenburg freut sich, wenn die Unternehmen kommen“, meint er. Berlin verliere dagegen Arbeitsplätze und Steuerzahler.

Marco Skalas Betrieb wird vom Wohnungsbau verdrängt.
Marco Skalas Betrieb wird vom Wohnungsbau verdrängt. © Jessica Hanack

Wie viele Wohnungen in der Wasserstadt entstehen – und wie viele Menschen damit dorthin ziehen werden – kann man gut vom Havelufer an der „Waterkant“ aus erkennen. Wer dort steht, sieht die Insel Eiswerder, auf der acht Mehrfamilienhäuser gebaut werden, die „Havelperle“ und die drei alten Speicher, die Wohnhäuser werden sollen. Sie sollen das Zentrum eines weiteren neuen Quartiers mit rund 600 Wohnungen werden. Spandaus Potenzial in Sachen Wohnungsbau sei im Bezirkevergleich „überdurchschnittlich“, heißt es aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Der Bezirk habe „eine zentrale Stellung für das Land“, weil es dort noch Bauland gebe.

So sind es wieder nur fünf Stationen, bis der Bus vor dem nächsten geplanten Quartier hält. An der Paulsternstraße in Haselhorst soll eine Siedlung mit 480 Wohnungen entstehen. Nach einer weiteren Station erreicht der Bus die Insel Gartenfeld. Noch rauschen hier Flugzeuge rüber, der Flughafen Tegel ist gerade einmal zwei Kilometer Luftlinie entfernt. Auf der Insel, wo sich ein Businesspark und Fabrikhallen befinden, ist das größte Projekt Spandaus geplant: 3700 Wohnungen sieht „Das Neue Gartenfeld“ vor.

Aber es ist nicht nur Spandaus Norden und Osten, der sich wandelt. Bauprojekte finden sich auch in Staaken, in Kladow oder dem Zentrum. Prägend wird die Veränderung auf dem alten Postgelände, wenige Meter vom Spandauer Bahnhof entfernt. Wo sich bis vor Kurzem Karussells drehten, bunte Lichter blinkten und Glühwein getrunken wurde, laufen nächstes Jahr die Vorbereitungen für das „Spandauer Ufer“ weiter.

Statt einer Weihnachtskirmes soll es dort dann Büros, Hotels, Gastronomie und Wohnungen geben. 2019 stehe der Abriss zweier verbliebener Hallen an, außerdem werde eine Abwasserdruckleitung verlegt, sagt Investor Agilolf Bachner. Für 2020 ist der eigentliche Baubeginn geplant. Damit Spandaus neue Quartiere lebenswert werden, müsse man Schulen und Kitas entwickeln, die Stadtteilarbeit verstärken, am Thema Mobilität dranbleiben, sagt Bürgermeister Kleebank. „Die Infrastruktur herzustellen ist unser Job.“ Sie sei, zusammen mit Eigeninitiative der neuen Bewohner, entscheidend, damit diese sich im Bezirk wohlfühlen. So wie Anna Taneva in den Pepitahöfen.

Bauvorhaben

44 Wohnungsbauvorhaben listet das Spandauer Stadtentwicklungsamt, die entweder bereits in der Realisierung sind oder als kurz- bis mittelfristige Potenzialfläche eingestuft werden. Insgesamt sollen bei diesen Projekten in den kommenden fünf Jahren über 15.000 Wohnungen entstehen. Eine Auswahl:

Albrechtshof, 271 Wohnungen, im Bau.

Grünhofer Weg 30, 167 Wohnungen, im Bau.

Erweiterung Parkviertel Kladow, 112 Wohnungen, im Bau.

Carossaquartier Süd, 1200 Wohnungen, kurzfristiges Vorhaben.

Parkstraße-Ost, 800 Wohnungen, kurzfristiges Vorhaben.

Ehemaliges Krankenhaus Staaken, 742 Wohnungen, kurzfristiges Vorhaben.

Rauchstraße 34-40, 250 Wohnungen, kurzfristiges Vorhaben.

Am Maselakepark, 235 Wohnungen, kurzfristiges Vorhaben.

Staakener Feldstraße/ Nennhauser Damm, 500 Wohnungen, mittelfristiges Vorhaben.

Kleingartenanlage Alter Exerzierplatz, 480 Wohnungen, mittelfristiges Vorhaben.

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