„Classic Open Air“ mal ganz ohne Klassik. Und ganz ohne Sinfonieorchester. Beim Abschlusskonzert auf dem Gendarmenmarkt wird am Montagabend bei angenehmen Temperaturen einem ganz anderen Klassiker gehuldigt, dem König des Entertainments, der den Stil einer ganzen Epoche geprägt hat: Frank Sinatra.
100 Jahre alt wäre Sinatra in diesem Jahr geworden, Anlass für den Sänger Roger Cicero, einen ganzen Abend den Liedern von „Ol' Blue Eyes“ zu widmen. Und der Gendarmenmarkt ist mit knapp 6000 Besuchern nahezu ausverkauft.
Lässig-leger in schniekem Anzug und frechem Pork-Pie Hat erscheint Roger Cicero auf der großflächigen Bühne samt Showtreppe vor der imposanten Kulisse des Konzerthauses. Seine 13 Musiker starke Big-Band unter musikalischer Leitung von Posaunist Uwe Granitza hat er mitgebracht. Und mit „Come Flly With Me“ geht die versierte Truppe gleich in die Vollen.
Sinatras Klassiker mit neuer Sichtweise
Schnell weicht die anfängliche leichte Nervosität und die swingverliebten Musiker gehen mit "I've Got You Under My Skin" ganz auf in Sinatras Welt. Wobei sie sich keineswegs stoisch an die einmal vorgegebenen Arrangements halten. Die Band macht sich die Klassiker mit neuer Sichtweise zu eigen.
Roger Cicero ist ein kreativer Grenzüberschreiter im deutschen Pop. Der Sohn des Pianisten Eugen Cicero wurde geprägt vom Jazz, den er erfolgreich für seine deutschen Songs nutzte. Auch wenn er seit seinem Doppelplatin-Album „Männersachen“ 2006 sein musikalisches Spektrum erweitert hat und auf seinem aktuellen Album „Was immer auch kommt“ auch mal leisere Töne anschlägt, überrascht Cicero nun doch mit einer konsequenten Rückkehr zum Swing. Schon lange hat er Sinatras „Fly Me To The Moon“ im Repertoire, allerdings in der deutschen Version „Schieß mich doch zum Mond“.
Doch heute wird vorzugsweise Englisch gesungen. So nah bleibt Cicero dem Original dann doch. Die Liebe zu Sinatra hat ihn geprägt, seit ihm ein Kommilitone während des Studiums an der Amsterdamer Hochschule für Musik Anfang der Neunziger Sinatras Album „Live At The Sands“ vorgespielt hat. Ein Konzert von 1966 war das, aufgenommen im Copa Room des Sands Hotels in Las Vegas. Begleitet wurde Sinatra da von Count Basie und seinem Orchester. Die auf das wunderbar Wesentliche reduzierte Bigband-Umsetzung der Stücke hat ihn stark beeindruckt, die virtuosen Phrasierungen, das exzellente Timing.
Roger Cicero feiert 45. Geburtstag
Roger Cicero, der mit diesem Heimspiel in Berlin seinen 45. Geburtstag feiert, schwimmt mit immer kraftvolleren Zügen durch das unermesslich reichhaltige Repertoire von „The Voice“, singt Songs wie „The Best Is Yet To Come“ oder „I've Got A Crush Over You" oder „Mack The Knife". Es gehört schon ein gute Stück Mut dazu, sich mit einer Legende wie Sinatra zu messen. Cicero schafft das mit burschikosem Charme und kompetenter Repertoirekenntnis.
Und er ist nicht allein. Roger Cicero hat sich Musikerfreunde eingeladen, die ihm bei dieser Tour-de-force durch das Werk Sinatras unter die Arme greifen. So ist Sasha dabei, der durch die Rat-Pack-Show „Alive And Swingin'“ bereits Sinatra-Erfahrung gesammelt hat. Er singt mit Cicero etwa "Luck Be A Lady". Und auch Sarah Connor ist gekommen, um sich gemeinsam mit Roger Cicero „Something Stupid?“ zu widmen, jenem Duett, das Sinatra einst mit Tochter Nancy aufgenommen hatte.
Das sind Lieder, die die Zeit überdauern. Auch wenn es mitunter den Anschein hat, dass dieses Programm schneller fertig sein musste als geprobt werden konnte, ist Roger Cicero und seiner herausragenden Big Band ein imponierender Coup gelungen. Das Publikum ist selig, wippt im Takt und schnippt mit den Fingern.
Und trocken bleibt es an diesem Abend auch noch, keine Selbstverständlichkeit bei „Classic Open Air“.


