Umstrittene Personalentscheidungen sind in der Politik Sternstunden für die Opposition. Da kann man mal zeigen, was man alles besser gemacht hätte, wenn man denn gedurft hätte. So haben die Berliner Grünen den Unmut des Staatsballetts aufgenommen und die Entscheidung für eine Intendanz ab 2019 mit Sasha Waltz und Johannes Öhman kritisiert. Im Prinzip sei der Wechsel richtig, er sei nur elendig kommuniziert. Erneut würden es die Beschäftigten als Letzte erfahren.

Der Hinweis auf die schlechte Kommunikation hängt dem Regierenden Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller und seinem Staatssekretär Tim Renner (beide SPD) nach, seit sie im vergangenen Frühjahr Frank Castorf verabschiedet und den Übergang zu Chris Dercon verkündet haben. Es brach ein Sturm der Entrüstung los, wie man so einen verdienstvollen Theaterhelden vor die Tür setzen könne. Würde man es nicht besser wissen, hätte man denken können, Frank Castorf gehöre die Volksbühne und man sei gerade Zeuge seiner Enteignung. Und um den Dreiklang der schwierigen Personalentscheidungen zu vervollständigen, wird Claus Peymann diesen Mittwoch zum letzten Mal als Intendant des Berliner Ensembles seine Spielzeitpläne vorstellen. Peymann verlässt sein Haus unfreiwillig und wird wohl wieder darüber klagen, dass er nur noch von Dilettanten umzingelt sei.

Alle finden sich ungerecht behandelt. Das ist auch ihr gutes Recht. Es ist kein schönes Gefühl, wenn die eigene Arbeit nicht mehr wertgeschätzt wird. Es ist wie bei jeder Trennung, in der Liebe wie am Arbeitsplatz. Ohne Schmerzen wird es nicht gehen, und die Zeit heilt nicht jede Wunde. Die Beteiligten wissen das. Und sie wissen auch: Einen optimalen Zeitpunkt für die Trennung gibt es nicht.

Jede Personalentscheidung, die nicht lediglich Kontinuität verspricht, ist automatisch mit Ärger verbunden. Will ein Politiker auf Empfängen hofiert werden, belässt er alles beim Alten und verlängert bei Bedarf die Verträge. Diese Politik hat man in der Berliner Kultur jahrelang gefahren und war mit dieser umbruchlosen Zeit auf eine selbstgenügsame Weise zufrieden.

Für Michael Müller und Tim Renner ist Veränderung kein Selbstzweck. Matthias Schulz folgt an der Staatsoper Jürgen Flimm und übernimmt nach und nach dessen Aufgaben. Der Wechsel erfolgte geräuschlos. Denn Priorität des Senats war es, Daniel Barenboim zu halten und nicht zu verärgern. Diesem Ziel hatte sich anderes unterzuordnen.

Probleme, Lösungen, Entscheidungen

Beim Staatsballett, Berliner Ensemble und der Volksbühne liegt der Fall anders. Bei den beiden Erstgenannten war der Senat unzufrieden mit der künstlerischen Leistung, beim Letztgenannten fürchtete er ein Weiter-So eines Castorf-Epigonen. Gerade die letzte Entscheidung ist so radikal, dass sie schmerzt. Castorfs letzte Saison hat noch nicht einmal begonnen, und schon betritt man mit Wehmut die Volksbühne.

Das Gespann Müller-Renner hat eingelöst, was in Sonntagsreden von der Politik gefordert wird: Probleme benennen, Lösungen formulieren, Entscheidungen umsetzen. Dass die Betroffenen darüber entsetzt sind, ist unvermeidlich. Nicht beachtet in der Debatte werden die Intendanten, Tänzer und Schauspieler, die künftig auf den Berliner Bühnen die Geschicke führen werden. Vielleicht wird ihre Arbeit großartig. Vielleicht auch miserabel. Man weiß es nicht. Und keiner sollte so tun, als wisse er es. Dem Gebot der Fairness entspricht es, ihre Arbeit nicht im Voraus zu verdammen und ihnen eine Chance auf einen künstlerischen Neuanfang zu geben.