Selten hat Moskau derart scharfe rhetorische Geschütze gegen den Westen aufgefahren wie in diesen Tagen. Bei der Münchner Sicherheitskonferenz am Wochenende diagnostizierte der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew einen „neuen Kalten Krieg“. Und er warnte vor einem „dritten Weltschock“, eine Metapher für einen dritten Weltkrieg. Es handelt sich um den tiefsten ost-westlichen Klimasturz seit Langem.

Mit den massiven Vorwürfen versucht Moskau, vom eigenen rabiaten Kurs in der Ukraine und in Syrien abzulenken. Die Krim wurde annektiert, die prorussischen Separatisten im Osten des Landes bekamen Waffen und personelle Unterstützung. In Syrien fliegt der Kreml seit September brutale Luftangriffe und nimmt dabei zivile Opfer in Kauf. Der traurige Höhepunkt ist die Bombardierung der alten Handelsmetropole Aleppo, einer Hochburg der Gegner des syrischen Machthabers Baschar al-Assad.

Damit lösen die Russen nicht nur eine neue Flüchtlingswelle aus. Dies ist auch eine schwere Belastung für die internationalen Bemühungen, beim Ukraine-Konflikt und beim Bürgerkrieg in Syrien politische Lösungen zu finden. Die laut schallende Verteufelung des Westens ist scheinheilig. So etwas nennt man Doppelmoral.

Vor allem in Osteuropa wächst daher die Befürchtung, dass Russland eines Tages nach dem Modell der Krimannexion territoriale Ansprüche stellt. Die Signale aus Polen und aus dem Baltikum sind klar: Die dortigen Regierungen fordern eine Stärkung der Nato in Osteuropa.

Das zarte Pflänzchen der Münchner Syrien-Vereinbarung droht damit einzugehen, bevor es Wurzeln schlug. Russland und seine Verbündeten Iran sowie die syrische Regierung haben andere Interessen als wichtige Akteure in der US-geführten Koalition gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Wenn Ministerpräsident Medwedew und sein Außenminister Sergej Lawrow sagen: „Keine Vorbedingung“ für die Syriengespräche, dann stützen sie damit Assad – zumindest auf absehbare Zeit.

Der russische Präsident Wladimir Putin sieht sich als Hüter des Status quo im Nahen Osten. Stabilität der bestehenden Ordnung ist für ihn oberstes Gebot. Als Paradebeispiel für missglückte Interventionen geißelt er die Militärinvasionen des Westens in Libyen, im Irak sowie in Afghanistan. Die Quittung hierfür seien zerfallende Staaten, Bandenkriege und Chaos, so Putin.

Ganz unrecht hat der Kremlchef mit seiner Analyse nicht. Viele im Westen haben sich der Illusion hingegeben, dass mit dem Sturz des libyschen Autokraten Muammar al-Gaddafi eine demokratische Nachkriegsordnung praktisch auf Knopfdruck entsteht. Das war ein Irrtum. Auch in Syrien hatte der Westen zu spät reagiert und lange Zeit keine Strategie für die Zeit nach Assad parat. Viel zu früh wurde die Forderung erhoben, Assad zu vertreiben, ohne zu fragen, was danach kommt.

Die Amerikaner zeigen sich hier mittlerweile flexibler. Der syrische Präsident kann nach dieser Lesart zumindest für eine längere Übergangszeit eine Rolle spielen. Frankreich, Saudi-Arabien und die Türkei machen hingegen Dampf: Assad muss weg, heißt es apodiktisch.

Diese Verhärtung der Fronten und die neue Rhetorik des Kalten Krieges in Russland lassen befürchten, dass die in München festgezurrte Waffenruhe und humanitäre Versorgung für Syrien nicht greifen wird. Dabei bietet die Umsetzung dieses brüchigen Kompromisses die einzige Chance, die größte Flüchtlingskrise seit Ende des Zeiten Weltkrieges einzudämmen.

Einen Königsplan für die politische Lösung des Syrienkrieges gibt es nicht. Nur mit vielen kleinen Zwischenschritten kann eine allmähliche Beruhigung der Lage erreicht werden. Der Verhandlungsweg ist schmerzhaft, oft unbefriedigend und mit vielen Rückschlägen gepflastert.

Aber was wäre die Alternative?