Es hat natürlich was für sich: Mit dem Spätiverkäufer per Du sein, jeden Pflasterstein kennen, und der Nachbar ist der beste Freund geworden. Wenn man die Zeiten der U-Bahn auswendig weiß und die Klingelschilder an der eigenen Haustür auch. Der Mensch strebt nach Orientierung und Identifikation, es währt, was gewohnt ist, und das gilt natürlich vor allem in einer Metropole wie Berlin, in der es nicht nur für Zugezogene aus Kleinkleckersdorf dauern kann, bis man im Strudel der Großstadt mit dem Strom schwimmt. Für viele in Berlin ist der eigene Kiez deshalb mehr als ein geografischer Bezugspunkt.
Ein gängiges Credo dabei: Hauptsache innerhalb der Ringbahn. Nah dran sein. Und wer einmal seinen Platz in der Stadt gefunden hat, gibt ihn nicht wieder her. So war es vor ein paar Jahren – so anders ist es heute. Die Menschen in Berlin sind mehr und mehr dazu bereit, ihren Bezirk zu verlassen, wenn sie umziehen. Gezwungenermaßen, zugegeben. Die Berliner Bank, die mit einer Umfrage das neue Umzugsverhalten statistisch ermittelt hat, sieht darin zwar einen „Beleg dafür, dass die Berliner immer mehr die Stadt als Ganzes begreifen. Berlin wächst weiter zusammen“. Doch das ist eine hübsche Umschreibung dafür, dass, anders als noch vor ein paar Jahren, die perfekte Wohnung eben nicht mehr an der nächsten Straßenecke frei ist. Sondern eher in einem Bezirk, dessen Coolnessgrad nicht auf Kreuzberger Level liegt – und wo die Miete noch bezahlbar ist.
Reinickendorf und Marzahn legen zu
Ist das schlimm? Überhaupt nicht. Denn Friedrichshain, Prenzlauer Berg und, wie sie alle heißen, sind nicht mehr der Nabel der Berliner Welt. Während diese Bezirke zuletzt mehr Fort- als Zuzüge zu verzeichnen hatten, stiegen die Bewohnerzahlen in Reinickendorf und Marzahn, in Steglitz und Lichtenberg – auch wenn man hier außerhalb der Ringbahn wohnt. Für diese Bezirke ist die Gentrifizierung eine Chance. Mehr Bewohner bringen mehr Angebote: Freizeit und Kultur, Bildung, öffentlichen Nahverkehr.
Der Sozialwissenschaftler Andrej Holm vergleicht diesen Prozess mit einer „Pumpe“: Die Innenstadt saugt die Menschen auf und spuckt sie wieder aus – auf die Außenbezirke. Auch wenn es unappetitlich klingt: Auf diese Weise wächst Berlin tatsächlich zusammen.



