Am Dienstag hielt Deutschland kurz die Luft an, sogar Horst Seehofer. Was hatte die Kanzlerin gesagt? „Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ Das war gefühlshaltiger als die üblichen Floskeln mit Ausstiegsoption. So klar haben wir Angela Merkel selten erlebt. Die begnadete Nicht-Festlegerin, die protestantische Emotionskontrolleurin zeigte zum ersten Mal in ihrem politischen Leben, wie sie Patriotismus definiert, und zwar durchaus pragmatisch. Merkel-Deutschland hilft Menschen, die in Panik über Autobahnen irren. Merkel-Deutschland versucht aber zugleich, jene zu stoppen, die ohne Asylgrund oder Einwanderungserlaubnis kommen.
Ja, Menschlichkeit und Rechtsstaat stehen sich manchmal unvereinbar gegenüber. Ja, es gehört zur Arbeitsplatzbeschreibung des Regierungschefs, diese Widersprüche auszuhalten. Und ja, Angela Merkel hat auch diesmal entschieden, die Krise von vorn zu managen, auch um den Preis der Widersprüchlichkeit. „Mein Land“ hat sie gesagt, und so gemeint. Wie immer in der Not pocht Angela Merkel auf ihre Richtlinienkompetenz, diesmal brutaler als je zuvor.
Das ist auch nötig. Kein Politikfeld birgt mehr Komplexität als die globale Migration: Kriege, Katastrophen, Diktatoren, die Soloauftritte einzelner Südfürsten, Kriminelle, die mit Pässen, Menschen, Hoffnungen dealen, Brüssels Schwächen, das globale Wohlstandsgefälle, dazu eklige Nebenthemen wie Organhändler, Terroristen, Dummglatzen – alle und alles geht dieser Tage durcheinander. Nur zweierlei ist gewiss. Erstens: Es gibt keine einfache, schnelle, billige Lösung. Zweitens: Menschen, denen es schlechter geht als uns, wollen in Deutschland leben, und sei es für ein paar Wochen, sei es für ein Selfie mit einer Handvoll Euro Taschengeld, die in vielen Gegenden dieser Welt von unermesslichem Wert sind.
Bockbeinige EU-Partner, gehässiger Seehofer
Was kann eine Bundesregierung ausrichten in Tagen wie diesen, wenn sich sogenannte EU-Partner als bockbeinig erweisen, wenn Oberbayer Seehofer voller Gehässigkeit den ungarischen Kühlschrank Orban zur CSU-Klausur einlädt, wenn andere Unionisten tun, was im Gegensatz zum Parteinamen steht: opportunistisch daher schwatzen. Wenn Angela Merkel sagt, dass dies „nicht mehr mein Land“ sei, dann meint sie zuallererst: das ist nicht mein Politikverständnis, nicht meine Schwesterpartei, nicht meine Medienwelt, nicht meine Werteskala, nicht mein plattes Rattenfängergerede. Politische Schläue endet für die Protestantin Merkel, wo Menschenleben gegen Wählerstimmen ausgespielt werden.
Man muss weder Angela Merkel noch ihre Politik schätzen. Aber ihr Ausbruch ist verständlich. In den vergangenen Jahren war die Kanzlerin durchweg mit Großkrisen beschäftigt: Finanzen, Fukushima, Ukraine, NSA, Griechenland, jetzt Flüchtlinge. Atempause? Fast nie. Ihre Mitarbeiter fassen kaum, mit wie wenig Schlaf die Chefin auskommt, wie präsent sie jeden Tag wieder in Brüssel, Paris, Minsk, Washington, Athen oder gestern eben in Wien verhandelt und selten um Kleinigkeiten.
Merkel spielt in der Champions League, jeden Tag
Von der physisch-psychischen Leistung her spielt Merkel jeden Tag Champions League, auch wenn die Gewinne oft nur im Millimeterbereich liegen. Wer in diesem Land sieht sich in der Lage, dieses Pensum besser zu bewältigen? Freiwillige vor! Na gut, Seehofer. War klar.
Umso grantiger wird Merkel, wenn ihre durchaus bewährte Politik der kleinen Schritte von großen Klappen begleitet werden. Wie ihre Amtsvorgänger Kohl und Schröder hat sich die Kanzlerin über die Jahre mit einem kleinen Kreis von Vertrauten umgeben, die ihren Gedanken und Strategien folgen. Umso tiefer ist zugleich der Graben zum großen Rest geworden. Mit jedem Regierungsjahr verschärft sich die Bunkermentalität, dieses Gefühl, dass dort draußen vor allem undankbare Heckenschützen lauern, ohne Ahnung, aber mit immens viel Häme und Missgunst ausgestattet.
Die entscheidende Frage lautet: War Merkels Mahnwort nur ein hartes Signal an die Seehofers? Oder deutet sich da erstmals Wundsein an, dieses schleichende Verzweifeln an einem Land, dem man es nie recht machen kann? Bitterkeit ist eine Krankheit, die neben der Einsamkeit noch jeden Kanzler befallen hat. Auch bei Angela Merkel ist es irgendwann soweit. Aber wann?



