Marktsicht

Abbau der Staatsschulden durch finanzielle Repression

Daniel Schär, Senior-Portfoliomanager der Weberbank, über finanzielle Repression und die möglichen Auswirkungen der aktuellen Niedrigzinsen.

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Kennen Sie den Begriff „finanzielle Repression“? Nein? Dann wird es höchste Zeit, die Bedeutung zu erklären, da Sie den Wortlaut künftig öfter in der Finanzpresse lesen werden und er deutlichen Einfluss auf Vermögenswerte und deren Erträge hat. Repression ist ein Synonym für Unterdrückung, Hemmung oder Zurückdrängung. Von einer finanziellen Repression spricht man, wenn Regulierungsvorschriften und Kapitalverkehrskontrollen von Regierungen und Zentralbanken dem Finanzsystem auferlegt und dadurch Finanzmarktpreise verzerrt werden.

Was bedeutet das in der Praxis?

Dabei werden beispielsweise Zinssätze und Anleiherenditen über mehrere Jahre niedrig gehalten und eine leicht erhöhte Inflation angestrebt. Die Folge sind negative oder sehr niedrige Realrenditen, durch die der Anleiheinvestor an Kaufkraft verliert. Häufig werden diese Maßnahmen eingesetzt, um den Schuldenabbau der öffentlichen Hand zu erleichtern.

Das Problem ist nur, dass man Inflation nicht erzwingen kann, wie das Beispiel Japan verdeutlicht: Hier führte nach dem Platzen der Immobilienblase Anfang der 90er-Jahre der Kreislauf aus Entschuldung, Konsumverzicht und Nachfragerückgang zu fallenden Preisen. Selbst ein lang anhaltendes Zinsniveau nahe Null konnte nur eine begrenzte Wirkung entfalten. Die Staatsverschuldung stieg in dieser Phase sogar deutlich an, da die öffentliche Hand den Konsum beleben wollte.

Die USA praktizierten jedoch in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich diesen Mechanismus und konnten die Verschuldung von 120 Prozent auf 35 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) senken. In unserer globalisierten, modernen und transparenten Welt sind solche Entwicklungen nur schwer vorstellbar - und doch gibt es aktuell viele Anzeichen, die für den Versuch der Staaten sprechen, ihre Verschuldungsprobleme auf diesem Weg in den Griff zu bekommen.

Leitzinsen im Tief

In allen großen Industrienationen befinden sich die Leitzinsen nahe oder auf der Null-Linie. Die Notenbanken haben explizit oder implizit angekündigt, dieses Niveau über einen längeren Zeitraum zu halten. Durch die Zentralbanken werden kräftig Staatsanleihen aufgekauft und somit die Renditen künstlich niedrig gehalten. Die britische Notenbank hat beispielsweise mittlerweile ca. 1/3 der ausstehenden britischen Staatsanleihen aufgekauft. Auch die Ankündigung der Europäischen Zentralbank (EZB), unter gewissen Bedingungen, Anleihenkäufe in unbegrenzter Höhe vorzunehmen und damit die Renditen italienischer und spanischer Staatsanleihen nach oben zu begrenzen, ist typisch für eine Phase finanzieller Repression.

Unorthodoxe Maßnahmen wie Zwangsanleihen für Wohlhabende sind auf längere Sicht nicht mehr vollkommen auszuschließen. Nicht nur Italien könnte so beispielsweise problemlos seine Staatsfinanzen in den Griff bekommen. Für den Anleger sind in einem solchen Umfeld Staatsanleihen nicht mehr attraktiv. Stattdessen sollte je nach Risikoneigung ein Mix aus Unternehmens- und Schwellenländeranleihen, Aktien, Immobilien und Rohstoffen angestrebt werden.

Haftungsausschluss:

Diese Darstellung der aktuellen Marktsituation hat die Weberbank entweder selbst angestellt oder aus von der Weberbank als zuverlässig angesehenen Quellen bezogen. Trotz Anwendung größter Sorgfalt kann die Weberbank für die Richtigkeit ihrer Einschätzungen keine Haftung übernehmen. Diese Darstellung ist nicht als Aufforderung zum Erwerb, Verkauf oder Halten bestimmter Wertpapiere intendiert.

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Daniel Schär

Daniel Schär,
Senior-Portfoliomanager der Weberbank


Daniel Schär arbeitet seit 2005 in der Vermögensverwaltung der Weberbank. Der Bankbetriebswirt und Chartered Financial Analyst analysiert die internationalen Kapitalmärkte und entwickelt Anlagestrategien.