Freie Gesundheitsberufe

„Individualität und spannende Methoden sind Zugpferde“

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Foto: Christian Kielmann

In den freien Gesundheitsberufen ist Anerkennung ein zentrales Thema. Warum, das erläutert Ina Gutsch, Vorsitzende des Deutschen Berufsverbandes für Freie Gesundheitsberufe, in folgendem Interview.

Ina Gutsch arbeitet als Heilpraktikerin und Seminarleiterin in Berlin und ist Vorsitzende des Deutschen Berufsverbandes für Freie Gesundheitsberufe (DBFG e.V.), der für die Praktizierenden der freien Gesundheitsberufe sowie deren schulen- und methodenbezogenen Verbände zuständig ist. Mit ihr sprach Andreas Monning über die richtigen Strategien für Freiberufler, die sich im Gesundheitsbereich selbstständig machen möchten.

Berliner Morgenpost: Warum ist es für Praktiker der freien Gesundheitsberufe eine besondere Herausforderung, als Anbieter anerkannt zu werden?

Ina Gutsch: Für die freien Gesundheitsberufe gibt es kein Berufsgesetz. Bereits nach einem Wochenendkursus in Wellness-Massage kann man grundsätzlich gleich anfangen zu praktizieren. Das ist verlockend, denn besonders der Bereich Prävention bietet von Ernährung und Sport über gesunde Lebensführung und Körperarbeit bis zu Energiearbeit und Geistheilung ein sehr breites und attraktives Betätigungsfeld. Übrigens mit wachsender Nachfrage. Durch die große Freiheit in der Zusammenstellung des eigenen Angebotes bietet der freie Gesundheitsberuf die Möglichkeit, Methoden auszuüben, die in anderen Berufen nicht üblich oder akzeptiert sind.

Als Praktiker der freien Gesundheitsberufe kann man also schnell starten – aber das hat nicht nur Vorteile, oder?

Der Vorteil, mit geringen Investitionen an Zeit und Geld gleich praktizieren können, ist untrennbar damit verknüpft, mehr Überzeugungsarbeit leisten zu müssen. Wer mehr Ausbildung durchlaufen hat, ist in der Regel überzeugender in der Selbstdarstellung, und die meisten Klienten wissen: auch versierter in seiner Tätigkeit. Allen, die professionell arbeiten möchten, empfehle ich deshalb eine professionelle Berufs- und Methodenausbildung. Berufskundliche Basisausbildungen sind beispielsweise der Gesundheitsberater, der Gesundheitspraktiker, der Biopraktiker, der Wellnesstherapeut oder der Vital-Therapeut. Anschließend oder auch im Vorfeld kann man dann die Methode, wie beispielsweise den Yoga-Lehrer, Shiatsu-Praktiker oder das Geistige Heilen aufsatteln.

Was raten Sie denn jemandem, der in Festanstellung arbeiten oder mit etablierten Anbietern wie Ärzten, Kliniken oder Reha-Einrichtungen zusammenarbeiten möchte?

Dann sollte man sich überlegen, ob man nicht noch mehr Zeit und Geld investiert und einen anerkannten Berufsabschluss mit staatlicher Prüfung dazu nimmt. Hier bieten sich vor allem die Ausbildung zum Physiotherapeuten, zum kleinen Heilpraktiker mit der Erlaubnis zu psychotherapeutischer Behandlung oder zum großen Heilpraktiker an. Der große Heilpraktiker ist nach dem Arzt der anerkannteste selbstständige Heilberuf. Bis auf spezielle Einschränkungen – wie beispielsweise Chirurgie oder Zahnheilkunde – besteht hier weitestgehend Therapiefreiheit. Diese Entscheidung sollte aber immer davon abhängig gemacht werden, welche Tätigkeit man später ausüben möchte: Bei den weisungsgebundenen Tätigkeiten kann auch eine methodenbezogene Ausbildung ausreichen, etwa in Wellness-Massage.

Wie sieht es denn auf dem Berliner Gesundheitsmarkt in Bezug auf freie Gesundheitsberufe aus?

Durch den leichten Einstieg gibt es hier eine große und stetig wachsende Zahl an Anbietern. Viele, die durch gesundheitsfördernde Maßnahmen Hilfe erhalten haben, sehen hier eine Chance für eine leichte berufliche Neuorientierung oder den Wiedereinstieg. Auf der anderen Seite ist aber auch der Bedarf enorm. Um sich hier eine berufliche Existenz aufzubauen, braucht es ein tragfähiges Konzept und eine solide Basis. Dazu gehören neben der Methodenausbildung auch die bereits erwähnte Berufsausbildung und eine Existenzgründungsberatung.

Ist die Herausforderung, seinen Platz zu finden, umso größer, je exotischer das Angebot ist?

Ja und nein. Einerseits wünscht sich der Klient etwas, das er kennt und einschätzen kann, andererseits sind Individualität und neue spannende Methoden immer Zugpferde. Von daher rate ich, Bekanntes und Neues geschickt zu kombinieren. Da viele Hilfesuchende gar nicht wissen, welche Methoden ihnen helfen könnten, schafft besonders Aufklärung durch Beiträge in Zeitschriften oder einem Blog Vertrauen.