Berufliche Qualifizierung

Nach dem Auslandspraktikum motiviert in den Beruf

Das Projekt „jobdestination airport“ schult junge Arbeitslose für Tätigkeiten im internationalen Dienstleistungssektor. Dafür geht es zum Praktikum nach Marseille, Stockholm oder Rotterdam.

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Der Bau des neuen Flughafens war ausschlaggebend. Rund 20.000 Mitarbeiter sollten dort beschäftigt sein. Der Flughafen BER galt als Jobmotor für die Region. Das Projekt "job destination aiport" wurde aus der Taufe gehoben. Der Titel transportiert die Idee, für den neuen Airport BER Fachkräfte auszubilden – Flughafenpersonal und Fachkräfte für Tätigkeiten im Non-Aviation-Sektor, also für all die Branchen, die zwar am Flughafen angesiedelt sind, aber nicht unbedingt mit Luftverkehr zu tun haben.

Der Flughafen lässt zwar auf sich warten, doch Berlin hat sich auch ohne ihn zu einer Touristenstadt entwickelt. Mit internationalen Gästen und Bedarf an Personal in den entsprechenden Branchen. "Hier sind Sprachkenntnisse und interkulturelle Erfahrung gefragt", sagt Madelonne von Schrenck, Projektverantwortliche des Qualifizierungsprogramms "job destination airport". "In der Gastronomie, im Hotel, auf Messen und Konferenzen zum Beispiel." Auch für diese Jobs im internationalen Dienstleistungsbereich werden die Projekt-Teilnehmer qualifiziert.

Doch was versteckt sich hinter dem Begriff, der nach Abheben, Ferne und Abenteuer klingt? "Es ist ein Qualifizierungs- und Vermittlungsprojekt für junge Arbeitsuchende, das 2010 vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales initiiert wurde", erläutert Madelonne von Schrenck. "Finanziert wird es aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales und es gehört zum Programm 'Integration durch Austausch'".

Drei Monate ins Ausland

Das Tolle daran: Die jungen Menschen können im Rahmen der sechmonatigen Qualifizierung drei Monate für ein Praktikum ins Ausland gehen – nach Frankreich, Skandinavien oder in die Niederlande. Im Gastland leben die junge Menschen selbstständig in einer Wohngemeinschaft, sind oft das erste Mal über eine längere Zeit weg aus der gewohnten Umgebung, gehen täglich zur Arbeit und müssen sich in dem fremden Land behaupten.

In den zweimonatigen Vorbereitungskursen werden die 18- bis 30-Jährigen auf den Auslandseinsatz vorbereitet: interkulturelles Training, Englisch oder Französisch und Landeskunde stehen auf dem Stundenplan. Voraussetzung, um überhaupt teilnehmen zu können: Sie müssen bei der Arbeitsagentur gemeldet sein und Arbeitslosengeld II empfangen. "Unsere typische Zielgruppe ist 25 Jahre, weiblich, arbeitslos trotz Berufsausbildung, Migrationshintergrund", sagt Katrin Hutmacher, Bildungsbegleiterin des Internationalen Bundes e.V. "Aber der Bildungshintergrund ist nicht entscheidend für die Teilnahme. Wir haben junge Leute ohne Abschluss bis hin zum Master."

Zurzeit werden beim Bildungsmarkt in den Schulungsräumen eines alten Weddinger Straßenbahndepots junge Menschen – meist sind es Frauen, die sich für das Qualifizierungsprogramm interessieren – auf Aufenthalte in Marseille und Stockholm vorbereitet. Unterschiedlicher können Klassen nicht sein. Während sich in der Frankreichklasse junge Menschen mit gutem Bildungsabschluss, aber dennoch ohne Job, auf ihren Marseille-Aufenthalt vorbereiten, kämpfen in der Schweden-Klasse die Schüler mit einfachen englischen Sätzen.

Leben und Arbeiten in Marseille

15 Stunden Sprachunterricht stehen auf dem Wochenplan, 2,5 Stunden Landeskunde, Teambildung, zudem Komptenz- und Bewerbungstraining. Bei den Frankophilen steht Landeskunde auf dem Programm. "Tipps zum Leben und Arbeiten in Marseille" unterrichtet Dozent Julien Acquatella, Sozialwissenschaftler und Muttersprachler. "Ich vermittele historische Kenntnisse, die Geschichte der Stadt, aber auch soziologische Erklärungsmuster, warum zum Beispiel die Stadt so kontrastreich ist", sagt er. Auch ein paar Kneipentipps für die Freizeitgestaltung fehlen nicht. Gerade erklärt er seinen aufmerksamen Schülerinnen den Marseiller Dialekt. "Sie lassen die Wörter mit einem leichten "g" ausklingen." Und nennt Beispiele. Also weg von den im Schulunterricht antrainierten Hörgewohnheiten, rein in die Realität.

Die Klasse: Unter ihnen Silke*, 28, Geisteswissenschaftlerin, die irgendwann mal in die Schweiz möchte zum Arbeiten, Yvonne, 26, Diplom-Biologin, die ihre Sprachkenntnisse verbessern möchte "um auf dem von Männern dominierten Markt konkurrenzfähig zu sein" und die jüngste unter ihnen: die 19-jährige Masha. "Ich habe nach der 11. Klasse die Schule geschmissen", sagt sie. "Ich wollte aber nicht faul rumhängen, deswegen habe ich mich hier beworben." Bald geht es für sie nach Frankreich und wenn sie zurückkommt, möchte sie auf jeden Fall ihr Abitur nachholen. Motiviert genug ist sie jetzt - und das schon vor ihrem Auslandseinsatz. Der Motivationsschub ist einer der wichtigsten Effekte der Qualifizierungsmaßnahme. "Wer sich im Ausland behauptet, kommt gestärkt zurück", sagt Katrin Hutmacher. Der hätte gelernt, sich durchzusetzen.

Auf nach Stockholm

In der Parallelklasse üben währenddessen Aishe, Alexander und Sybel Englisch, Grundkenntnisse. Dozent Hank ermuntert sie zu sprechen, Fragen zu stellen. Formulierungen stehen als Orientierungshilfe an der Tafel. An der Pinnwand hängen motivierende Slogans "Es ist dein Leben, verpass es nicht" oder "Jede große Reise beginnt mit kleinen Schritten". Ihre Reise wird sie nach Stockholm führen.

Sybel ist Kauffrau für Bürokommunikation und möchte später an einem Check-In Schalter an einem Flughafen arbeiten. Sie will ihre Englischkenntnisse verbessern, deswegen sitzt sie hier. Und einen Job finden. In Stockholm wird sie ihr Praktikum in einer Modeboutique machen. Hier lernt sie den Umgang mit Kunden, kann ihre Scheu überwinden, in einer fremden Sprache zu sprechen. Die 24-jährige Aishe hingegen wird in einem Stockholmer Café arbeiten. Auch sie möchte später an einen Check-In-Schalter. Doch erstmal muss das Englisch besser flutschen. "I have a question", sagt sie. Der Dozent lauscht aufmerksam.

"Wir vermitteln unseren Teilnehmern in praktisch jeder Branche einen Praktikumsplatz, je nach Berufserfahrung oder Neuorientierung. Gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern vor Ort finden wir Arbeitsmöglichkeiten in Hotels, Cafés, Reisebüro, Kulturvereinen oder Eventorganisationen", sagt Madelonne von Schrenck. Wenn die jungen Menschen dann mit einem Sack neuer Erfahrungen zurückkommen, kümmern sie sich gemeinsam mit ihren Bildungsbetreuern um einen Job.

Ziel: Jobvermittlung

"Ziel und Mittelpunkt ist ja die Arbeitsplatzvermittlung." Nun steht Bewerbungstraining auf dem Programm. "Wir haben ein Auge auf den Stellenmarkt und geben das den Teilnehmern weiter", sagt die Projektkoordinatorin. "Die Teilnehmer müssen dann lernen, mit dem Markt umzugehen."

Im Einzelcoaching filtern die Bildungsbegleiterinnen heraus, welcher Job zu wem passen könnte. Mit Erfolg, denn rund 65 Prozent der Teilnehmer finden nach der Qualifizierung eine Festanstellung, oft auch in ihrem Zielberuf. 20 Prozent satteln eine Ausbildung auf, weitere acht Prozent gehen in andere Qualifizierungsmaßnahmen. Sie sind am gebuchten Ziel angekommen.

* Namen aller Teilnehmer geändert.

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