Business English

Deutsche werden oft missverstanden

Die Trainerin und ehemalige UN-Dolmetscherin Susanne Kilian erzählt, was in internationalen Geschäftsbeziehungen oft schief läuft und welche Business Codes Deutsche unbedingt beherrschen sollten

Foto: privat

Deutsch ist eine der wenigen Direktsprachen dieser Welt. Für uns ist Sprache primär Informationsaustausch. Wenn jemand redet und nicht zum Punkt kommt, macht uns das wahnsinnig. Viele denken, dass gutes Englisch das sichere Beherrschen der Grammatik und ein reicher Vokabelschatz bedeutet. Dabei ist in den meisten Kulturen dieser Welt das freundliche Verpacken von Informationen entscheidend.

Deshalb beginne ich meine Seminare mit einem Gedankenspiel: Stellen Sie sich vor, wir sind beim Wiener Opernball und es ist Damenwahl. Ich lächele Sie an, gehe auf Sie zu und was erwarten Sie? Ein paar freundliche Worte. Ich aber gehe auf einen der Kursteilnehmer zu und sage: „Schönen guten Abend, mein Name ist Susanne Kilian und ich bin eine wirklich gute Dolmetscherin.“ Dann müssen alle lachen, während derjenige, dem ich die Hand schüttele, verdattert guckt.

Und das ist der Eindruck, den wir international hinterlassen. Uns ist nicht klar, dass im Business zunächst eine Runde Wiener Opernball angesagt ist: „Guten Tag, schön, Sie zu sehen, was für ein schöner Tag, hatten Sie eine gute Anreise?“ Wir gehen oft in Meetings rein und sagen: „So, wir sind da. Jetzt können wir anfangen.“ Der andere ist dann meist überfordert und braucht richtig lang, bis er diesen ersten Eindruck verdaut hat.

Positive Atmosphäre schaffen

Viele Deutsche sind ja wunderbare Menschen. Deshalb habe ich als Dolmetscherin bei der Uno häufig gesagt: „We are not naturally born rude. We just have a very different communication culture“. Weil unser Englisch technisch gut ist, haben wir nicht unbedingt den Exotenbonus, den etwa Japaner genießen. Wir erfüllen die Erwartungshaltung nicht, da wir die Soft Skills kaum beherrschen: Den anderen abholen, eine positive Atmosphäre schaffen, damit er sich gut fühlt und bereit für die Informationsaufnahme ist. Die Finnen haben übrigens die gleichen Probleme wie wir, denn auch sie sagen sehr direkt, was Sache ist.

Für Deutsche bedeutetet Smalltalk Stress. Wir können doch nicht zehn Sätze über das Wetter sagen. Aber man kann ja auch Komplimente machen: über das schöne Büro, über das angenehme Ambiente. Oft fühlen wir uns dabei unwohl.

Bei uns tickt ständig die Uhr. Wir denken: „Der andere will noch zum Flieger, will noch zum Zug. Also kommen wir so schnell wie möglich zur Sache.“ Aber das ist der entscheidende Punkt, an dem es hakt. Wir geben unserem Gegenüber nicht genug Zeit, mit uns warm zu werden, sich ein Bild von uns zu machen. Erst dann sollten Verhandlungen beginnen.

Gekonnter Smalltalk

Alle Smalltalk-Themen, die Anerkennung zeigen, sind zielführend. „Danke, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, hierher zu kommen. Wie war die Fahrt? Es ist doch ein langer Flug aus Amerika. Haben Sie noch Jetlag? Fühlen Sie sich wohl? Trinken Sie Tee oder Kaffee? Ach, Sie trinken auch Tee!“ Wichtig ist, herauszufinden: Was haben wir gemeinsam?

Wenn meine Mitarbeiterin am Telefon sagt: „I am so terribly sorry, Mrs. Kilian is not in“, gilt das überall auf der Welt als höflicher Satz. Wir aber werden misstrauisch, sobald wir das Gefühl haben, Sprache sei zu floskelhaft. Umgekehrt braucht aber der Rest der Welt die Floskeln. „I so much appreciate you came all the way from New York.“ Was im Deutschen schnell übertrieben und schmeichlerisch wirkt, ist international der Schlüssel für eine gute Gesprächsatmosphäre. Bei Mails hat es sich als internationale Etikette etabliert, Menschen zu duzen. Mit dem Ziel: Keep it simple. Das ist für uns oft ungewohnt, aber nicht respektlos gemeint.

Amerikaner benötigen in Gesprächen ein paar freundliche Worte, die für uns schnell übertrieben klingen mögen. In Staaten wie Brasilien, Indien, China oder Südafrika dauert das Warmwerden länger. In China ist es zwischen Männern Gang und Gäbe, sich Komplimente zu machen. Deshalb muss ich Chinesen immer sagen: „Machen Sie beim ersten Treffen mit einem deutschen Mann bloß keine Komplimente. Der kriegt Angst.“

Schwierige Themen sind tabu

Andere Themen sind für Smalltalk tabu – etwa Religion, Politik und schwierige soziale Themen. Erst kürzlich ist eine Mexikanerin in meinem Seminar vor den Augen aller in Tränen ausgebrochen. Sie berichtete, dass sie regelmäßig auf den mexikanischen Drogenkrieg angesprochen wird. Wir Deutschen meinen das natürlich nicht so und wollen vielmehr etwas über ein Land lernen. So haben wir das Gefühl, der Smalltalk sei nicht komplett sinnentleert. „Mensch, in Mexiko habt ihr momentan ein echtes Problem mit der Drogenmafia“, stellen wir fest. Solche Bemerkungen können unser Gegenüber sehr verletzen.

Südafrikaner werden auch nicht gerne angesprochen auf die Gewalt in ihrem Land. Ebenso wenig Inder auf die Vergewaltigungen. Es ist so, als würde man uns ständig an Hitler und den Zweiten Weltkrieg erinnern.

Schwärmen Sie ruhig ein bisschen: „Mexiko hat eine spannende Kultur und 5000 Jahre Geschichte.“Oder „Die indische Küche ist unglaublich lecker. Was essen Sie den besonders gerne?“ Jeder redet furchtbar gerne über sein Land – warum fangen wir nicht bei den schönen Dingen an?

Protokoll: Anne Onken