Internet

Arbeiten in der digitalen Wirtschaft

Ob Technik, Design, Marketing, Kommunikation oder Verkauf – die Aufgabenfelder in der Online-Branche sind äußerst vielfältig. Vor allem schnelles Arbeiten, Neugier und Kreativität sind gefragt.

Foto: Christian Kielmann

Am Anfang hat jemand eine Idee. Ob es wohl möglich ist, innerhalb von fünf Minuten nach einer Online-Bestellung ein warmes Mittagessen für sieben Euro auszuliefern?

Neben der technischen Seite sind auch offline-Komponenten zu beachten. Welche Auswahl an Gerichten möchte der Kunde wohl haben? Die Verkehrssituation muss bedacht werden, welche Lokale gibt es wo? Und wer würde das kochen?

„Fünf Minuten? Das geht nicht“, sagt Dan Bender. Auch nach äußerst wohlwollenden Kalkulationen muss der hungrige Kunde etwa 15 Minuten Wartezeit einplanen. Aber ein warmes Essen in 15 Minuten, das ist drin. So kam es zum Online-Lieferdienst „EatFirst“ – zuerst in London und seit September auch in Berlin.

Dan Bender arbeitet als CPO (Einkaufsleiter)in residence bei Rocket Internet. Seine Aufgabe: „Ein Geschäftsmodell sehr schnell auf den Markt zu bringen, das funktioniert – mit einer Webseite und Apps, die dem Nutzer Spaß machen.“

Geschäftsmodelle fürs Internet

Wo taucht das neue Produkt, wie die verschiedenen Rocket-Geschäftsmodelle genannt werden, im Listing bei den Suchmaschinen auf? Was soll passieren, wenn der Nutzer wo klickt? Wie soll das Design aussehen? Wie können wir eine gute User Experience sicherstellen?

Dan Bender ist ein echter Allrounder: Web-Designer, leidenschaftlicher Programmierer und immer neugierig auf Neues: Nach dem Abi gönnt er sich ein Jahr in Los Angeles und absolviert eine Schauspielausbildung.

„Es war eine tolle Zeit, aber ich wollte nie wirklich Schauspieler werden.“ Und nicht vom guten Willen anderer abhängig, sondern selbst für seinen Erfolg verantwortlich sein. Dennoch war die Ausbildung nützlich.

Keine Scheu vor der Kamera

„Ich fühle mich auch dann wohl, wenn Kameras auf mich gerichtet sind und bin ruhig und selbstbewusst bei Präsentationen. Es macht mir nichts aus, vor vielen Leuten zu sprechen.“

Zurück in Deutschland studiert Dan Politik und Kommunikationswissenschaften, gefolgt von einem Executive MBA an der TU München und der UC Berkeley in den USA. Geschichten und das Geschichtenerzählen reizen ihn, also gründet er noch neben dem Studium das eigene Start-up MySkoob, das Design-eBooks produziert und eine Software für Autoren und Verlage entwickelt.

Klassiker, wie Romeo und Julia oder der gute alte Faust in einem schicken, modernen und digitalen Gewand – dafür gibt es verschiedene Auszeichnungen wie etwa den Red Dot Award.

Mit zwölf Jahren die erste Website gestaltet

Doch irgendwann möchte der Web-Designer wieder als Entwickler arbeiten. „Du startest mit einer leeren Seite und näherst dich Zeile für Zeile deiner Traum-App – faszinierend!“, sagt der 28-Jährige. Also begibt er sich wieder nach Kalifornien, diesmal in ein „Dev Bootcamp“, wo alle pausenlos vor ihren Rechnern hocken und „coden“.

Seit einem knappen Jahr arbeitet er bei Rocket Internet in Berlin. Drei Projekte hat er schon auf den Weg gebracht, in Südostasien und diversen Ländern Europas. In der Regel dauert es hundert Tage, bis Dan Bender und sein Team mit einer Geschäftsidee online gehen. „Dann heißt es loslassen“, sagt er. Aber die nächste Idee wartet schon.

Dan Benders Kollegin Jacqueline Abel kümmert sich darum, dass die Online-Unternehmen, die er technisch entwirft, auch die richtige Optik bekommen. Mit zwölf Jahren hat sie ihre erste Website gestaltet, bereits in der siebten Klasse wusste sie mit einem Computer umzugehen. „Es war schon früh klar, dass ich später in diesem Bereich arbeiten möchte“, sagt die 27-jährige.

Schon als Kind zeigt sich ihre kreative Ader, sie zeichnet leidenschaftlich gerne. In der Realschule absolviert sie ein Praktikum in einer Werbeagentur. Gleich im Anschluss beginnt eine zweijährige Ausbildung als Gestaltungstechnische Assistentin im Bereich Grafik und arbeitet fortan im Bereich Grafik.

Webseiten für andere Kulturen entwerfen

Später investiert sie noch in eine weitere Ausbildung als Mediengestalterin, weil sie in der digitalen Wirtschaft arbeiten möchte. Nun entwirft die Webdesignerin für Rocket Werbematerial für Offline- und Onlinemarketing.

Sie gestaltet Webseiten, mobile Designs für iOS- und Android-Plattformen und erstellt Infografiken. „Das Schöne an meinem Beruf ist, dass ich jeden Tag sehe, was ich geschafft habe“, sagt Jacqueline Abel.

Dafür muss sie sich auch immer wieder fachfremdes Wissen aneignen. Letztens entwarf sie ein Banner für ein Online-Unternehmen in Nigeria. Es sollte um Weihnachten gehen.

„Wie feiert man das dort“, fragte sie sich und begann zu recherchieren, um den Kulturkreis visuell passend ansprechen zu können. Für einen arabischen Kunden musste sie eine für sie ungewohnte Bildsprache nutzen. „Dort schreibt man alles von rechts nach links, dementsprechend musste der Flyer anders gestaltet werden.“

Vielfältige Aufgabenfelder in der Online-Branche

All das findet Jacqueline Abel spannend. Gerne möchte sie dieses Wissen, das ja stetig weiter wächst, einmal an neue Kollegen im Team weitergeben. Was sie als herausfordernd empfindet? „Den eigenen Anspruch, mit meinen Entwürfen alle Beteiligten glücklich machen zu wollen. Man muss immer wieder Kompromisse schließen.“

Ob in der Technik, in Marketing und Kommunikation, im Verkauf oder Design – die Aufgabenfelder in der Online-Branche sind sehr vielfältig. „Alle unsere Mitarbeiter eint das Thema Entrepreneurship: die Leidenschaft schnell und unbürokratisch etwas aufbauen und umsetzen zu können“, sagt Alexander Klepel, Sprecher von Rocket Internet.

Es sei nicht immer so leicht, gute Mitarbeiter zu finden, sagt Julia von Winterfeldt. Die 44-Jährige ist Geschäftsführerin des Kreativ- und Kommunikationsunternehmens AKQA Deutschland. „Wir suchen immer wieder junge Leute mit einem weiten, globalen Denken und einer aufgeweckten Persönlichkeit, die die Zukunft mitgestalten wollen.“

Bewerber sollten am Ball bleiben wollen – auch wenn sich manchmal Herausforderungen auftun – und mit Dissonanzen umgehen können. „Sie sollten englisch sprechen“, sagt sie. Gearbeitet wird weitestgehend auf Englisch, schließlich kommen die Mitarbeiter im Berliner Sitz aus nicht weniger als 14 Nationen.

Auch Geisteswissenschaftler finden einen Platz

Aber muss man nicht auch eine besondere technische Begabung haben, wenn man in der digitalen Wirtschaft was werden will? Julia von Winterfeldt lächelt. „Nicht unbedingt“.

Es komme auf die Rolle im Job an. Der Wille, etwas zu lernen und die Begeisterung seien wichtiger als Fachwissen. Selbst Geisteswissenschaftler mit offenem Sinn können einen Platz in der Branche finden.

Besonders gute Möglichkeiten und Zukunftschancen sieht Julia von Winterfeldt jedoch vor allem für Mathematiker, Physiker, Ökonomen und Statistiker. „Die immense digitale Datenerfassung ermöglicht es uns Menschen, mehr über unsere Verhaltensweisen zu lernen.“

Um in der Datenflut den Durchblick zu behalten, braucht es Data Scientists, die tüfteln zum Beispiel aus, wie man ein Produkt noch relevanter und personalisierter für den Nutzer gestalten kann, damit es möglichst oft sinnvoll genutzt wird.

AKQA arbeitet nicht alleine für das Digital-Business. Denn auch etablierte Unternehmen müssen sich etwas einfallen lassen, wenn sie gegen die Konkurrenz aus dem Internet bestehen wollen.

Vorbild für die alte Ökonomie

Der Textilhandel ist sicher besonders gefordert. Auch Montblanc, der Hersteller von Edelstiften und Uhren, wollte neue Wege gehen. Wer schreibt heute noch mit einem teuren Füllfederhalter? Nicht mehr so viele. Nun hat das Berliner AKQA Team eine iPad App entwickelt, um die Einführung des neuen Touchpen von Montblanc zu unterstützen.

„Von der Vorgehensweise und den Leistungen der Start-Up Branche sollte sich die alte Ökonomie ein wenig abgucken, denn transformieren müssen sich im digitalen Zeitalter jetzt alle Unternehmen“, sagt die Geschäftsführerin.

„Wir arbeiten ähnlich wie Unternehmensberater. Allerdings bleiben wir nicht nur in der Prozessgestaltung. Wir bringen Kreation, Business-Intelligence und Technologie zusammen, um für die Konsumenten nützliche Lösungen zu entwickeln.“

Deshalb sollten junge Leute heute nicht nur die großen wie McKinsey oder Roland Berger im Sinn haben, viele unbekanntere Unternehmen der digitalen Wirtschaft bieten ebenfalls interessante Aufgaben. Und die finden sich auch jenseits der IT.

Sie selbst hatte nach dem Abitur BWL und Angewandte Kulturwissenschaften in Lüneburg studiert. Es war das Jahr 1995. Das Internet kannte sie, auch welchen Nutzen E-Mails haben. Sie kannte sich im Marketing aus und arbeitete gerne konzeptionell.

Im Ausland den Horizont erweitern

Eigentlich wollte sie immer zum Fernsehen, ihre Bachelor-Arbeit befasste sich mit einem neuen Konzept fürs Kinderfernsehen. Nach ihrer Bewerbung bei Bertelsmann wurde sie eingeladen. Ihr Konzept sei prima, hatte der Personaler gesagt, aber tauge leider nicht für das Fernsehen.

„Sie müssen in die Neuen Medien gehen“, sagt der freundliche Personaler und schickt sie zu Pixelpark, einem der ersten Unternehmen jener Branche. Dort bleibt Julia von Winterfeldt rund fünf Jahre. Sie arbeitet erst in Berlin, setzte dann das Pixelpark Büro in München auf, bevor sie zu Sapient überwechselt.

Nach zwölf Jahren Sapient in München, New York und London, kehrte sie vor zwei Jahren wieder nach Berlin zurück. Das ist auch etwas, das sie ihren Mitarbeitern heute nahelegt und ermöglicht: ein Aufenthalt im Ausland, zu sehen, wie es woanders so läuft.

Eine Läuferin hat gerade etwas in einer der Facebook Communities von Nike gepostet. Sieben Kilometer sei sie am gestrigen Sonntag gelaufen, ein Foto hat sie gleich mitgeliefert. „Großartig“, schreibt Tim Gerbrecht zurück, „vielleicht schaffst du nächstes Wochenende ja sogar acht Kilometer.“

Kontakt pflegen mit Kunden und Nutzern

Der 29-Jährige ist Community Manager bei AKQA und betreut verschiedene deutsche Facebook-Seiten für den Kunden Nike. Er interagiert mit den Nutzern, unterstützt sie bei Fragen rund um die Produkte und motiviert sie bei ihren sportlichen Herausforderungen.

Auch Tim hat keine Ausbildung im technischen Bereich der Branche. Nach dem Abi studiert er Sport- und Gesundheitsmanagement in Holland, seine Bachelorarbeit befasst sich mit der Frage, wie man den Breitensport über die Social Media populärer machen kann.

Vor allem der Laufsport hat es ihm angetan, natürlich joggt er selbst regelmäßig seine Runden durch den Park. Nach dem Studium absolviert er eine Traineeship beim Sportschuhhersteller New Balance in Düsseldorf und spezialisiert sich auf das Marketing in sozialen Netzwerken.

Marketing über soziale Netzwerke

Tim Gerbrecht ist mit seinem Team in den sozialen Medien dabei, wenn eine neue Kampagne deutschlandweit ausgerollt wird. Etwa zwei bis dreimal in der Woche trifft er sich mit dem Kunden.

„Kundenkontakt ist sehr wichtig, wenn man in für die Kommunikation zuständig ist“, sagt er. Er erstellt Redaktionspläne für das ganze Jahr im voraus. „Die müssen allerdings immer wieder angepasst werden“, sagt er, „die sozialen Medien sind so schnell, Änderungen jederzeit möglich – und manchmal eben auch nötig.“

Man muss schon flexibel sein in diesem Job, auch was die Arbeitszeiten angeht. Andererseits: „Bei mir ist kein Tag wie der andere, langweilig wird mir nie.“