Berlinale-Jobs: Viel Arbeit und ein wenig Glamour

Für einige Mitarbeiter dauert die Berlinale zwölf Monate, andere arbeiten nur vor und während des Festivals. Wer einmal dabei ist, wird vom Berlinale-Fieber gepackt.

Foto: Christian Kielmann

Wenn am 5. Februar am Potsdamer Platz in den Kinos schon am frühen Morgen die Lichter an- und ausgehen, der Festivaltrailer über die Leinwand flimmert und sich zur gleichen Zeit Schlangen vor den Ticket-Countern in den Arkaden bilden, ist in Berlin die 5. Jahreszeit angebrochen – die Berlinale. Was die Besucher anlockt sind gute Filme und das Berlinale-Feeling, das nur die nachvollziehen können, die sich von der Atmosphäre mitreißen lassen.

Vom Berlinale-Feeling reden auch die mehr als 1400 Menschen, die hinter den Kulissen dafür sorgen, dass das Festival ein Erfolg wird. Die Jobs auf der Berlinale sind anstrengend, aber heiß begehrt. Schon Monate vor dem Festival laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Zur Festivalzeit kommen neue Mitarbeiter hinzu. Alle gemeinsam versuchen sie, ein anspruchsvolles, reibungslos verlaufendes Festival auf die Beine zu stellen. Sie kümmern sich um volle Kinosäle, die Betreuung der Stars und Sternchen, den geordneten Einlass in die Kinosäle, die Programmkoordination, und darum, dass die Filme zur rechten Zeit am richtigen Ort gespielt und anschließend fachkundig im Publikumsgespräch diskutiert werden können.

Das Programm organisieren

Viele der Mitarbeiter fühlen sich der Berlinale-Familie zugehörig. „Am Tag der Eröffnung ist das Gemeinschaftsgefühl sehr stark“, sagt Daniela Weber, zuständig für die Wettbewerbs-Programmorganisation. „Man fühlt sich als Teil der Familie, die so ein Riesen-Event stemmt. Aber die Familie ist so groß geworden, dass man den Cousin dritten Grades mittlerweile nicht mehr kennt.“

Wenn das Publikum neugierig in die Kinos strömt, ist die ganz heiße Phase für Daniela Weber jedoch schon gelaufen. Für sie beginnt das Festival bereits im September – und dauert mit Vor- und Nachbereitung neun Monate. Als Programmorganisatorin hat sie festgesteckte Aufgaben, andere ergeben sich im Laufe der Arbeit und überschneiden sich fließend mit anderen Bereichen. Ihr Arbeitsplatz ist ein Büro am Potsdamer Platz, in Rufnähe von Festivalchef Dieter Kosslick, sieben weitere Kolleginnen und Kollegen arbeiten während der „Peak-Time“ im Team der Programmorganisation.

Sobald sie ihre Arbeit aufnimmt, steckt sie auch schon mittendrin. „Anfang September startet schon die Online-Filmanmeldung“, sagt sie. Das heißt, bis dahin müssen die Richtlinien und die entsprechenden Formulare für die Filmeinreichung aktualisiert und online gestellt werden. „Und dann geht es auch schon bald los, die eingereichten Filme zu bearbeiten und vor allem: zu sichten“, sagt Daniela Weber, die seit 25 Jahren für die Berlinale arbeitet. Rund 6800 Titel gehen durch die Hände der Programmorganisation.

Gekonntes Multitasking

„Ich organisiere die Auswahlsichtungen für den Wettbewerb“, sagt Daniela Weber. Zudem kümmert sich die Abteilung um die Kinobelegung, also darum, „welche Sektion in welchem Kino in welchem Zeitrahmen Einzug hält“. Die hier zu koordinierenden Sektionen sind Wettbewerb, Panorama, Forum, Generation, Berlinale Shorts, Perspektive Deutsches Kino, Berlinale Special, Kulinarisches Kino, die Retrospektive, aber auch der European Film Market. „Zudem kümmere ich mich in Absprache mit dem Festivaldirektor und dem Berlinale Kurator um die Programmierung der Wettbewerbsfilme und der Berlinale Specials.“ Damit nicht genug, liest sie – immer die Deadline im Blick – die Korrektur vom Programmraster.

Während des Festivals treffen sie und ihre Kollegen sich mit Vertretern von Filminstituten, Produzenten und Verleihern, um sich über die Zusammenarbeit auszutauschen, sie sind Ansprechpartner für die Filmschaffenden und informieren die Preisträger. Dennoch findet Daniela Weber Zeit, sich ab und zu mal einen Film anzusehen. „Und nach dem Festival ist schon wieder vor dem Festival“, sagt sie.

Filme verwalten

Strukturiert, konzentriert und Schlag auf Schlag geht es auch im Film Office zu. „Alles, was beim Festival mit Film zu tun hat, ist unser Metier“, sagt André Stever. Seit 1995 ist er im Team der Berlinale, kennt noch die Arbeit mit 35 mm-Filmen, ein Filmvorführer der alten Schule. Zwar hat der studierte Geisteswissenschaftler und bekennende Filmfan immer noch mit diesem Filmformat zu tun – „Filme für die Retrospektive und die Hommage sind noch auf 35 oder 16 Millimeter“. Aber mittlerweile würden die Filme als DCP (Digital Cinema Package) oder ProRes-Datei auf Festplatten sowie auf HDCAM-Kassetten kommen, oder auch über File-Transfer in Empfang genommen.

„Rückblickend war der langsame Übergang zwischen analog und digital sehr anstrengend“, beschreibt André Stever die veränderten Anforderungen an seine Tätigkeit. „Aber mittlerweile sind wir angekommen, die Kinos sind entsprechend ausgestattet und wir haben einen bewährten Prozess für die Kontrolle der Filme.“ 400 Filme werden von der Berlinale ins öffentliche Programm eingeladen.

Alle eingereichten Produktionen werden in der Festivaldatenbank erfasst. Und das sind viele. Über 6800 Filme werden hochgeladen, zugeschickt oder vorbeigebracht. „Wir organisieren dann die Auswahlsichtungen für die verschiedenen Sektionen. Das heißt, wir überprüfen die Filme, ob sie technisch in Ordnung sind und ob zum Beispiel die Untertitel drin sind. Wenn alles stimmt, geben wir die Filme für die Sichtung frei und bereiten sie im Kino vor.“

Zurzeit sind im Film Office zehn Mitarbeiter beschäftigt, je näher das Festival rückt, umso stärker wird das Team. In der Hochzeit kümmern sich rund 40 Mitarbeiter – Filmvorführer nicht eingerechnet – um den reibungslosen Ablauf und sorgen dafür, dass die Filme technisch einwandfrei zur richtigen Zeit im richtigen Kino laufen. Ein hoher logistischer Aufwand, denn in über 60 Kinos – Festival-, Film Market-, und den Kiez-Kinos – werden in 3500 Vorstellungen rund 1200 Filme gezeigt. Zusätzlich zu den 400 Festivalfilmen werden auf dem European Film Market, dem Business-Zentrum der Berlinale, noch 700 bis 800 Filme gezeigt.

Das Herz des Festivals

Das Film Office ist das Herz des Festivals. „Ohne Filme wäre es nicht so spannend“, sagt André Stever und lacht. Er bezeichnet seinen Arbeitsplatz auch als Querschnittsabteilung. „Wir arbeiten eng mit der Programmorganisation, mit allen Sektionen, den Spielstätten, aber auch mit der Sponsoring- und der IT-Abteilung zusammen, um Vorführungen zu organisieren.“ André Stever weiß gar nicht, wo er anfangen soll, wenn er davon erzählen will, was das Film Office Team so alles stemmt. „Zwölf Monate im Jahr beschäftigen wir uns mit der Berlinale, und findet sie statt, bekommen wir sie kaum mit“, sagt er.

Schon im Sommer gebe es erste Sommersichtungen zu arrangieren, die technischen Richtlinien zu aktualisieren und die internen Datenbankanwendungen auf die Filmeinreichungen vorzubereiten. Zudem gebe es immer noch etwas zu verbessern. „Mindestens die Hälfte unserer Arbeitszeit fokussieren sich nur darauf, die technischen Bedingungen für die zehn Tage Festival zu schaffen“, sagt er. „Wir haben Hunderte Produktionen, jede Produktion ist gleich wichtig und alles muss klappen.“

Die anstrengendste Zeit ist kurz vor der Eröffnung, bis dann in einer einzigen Nacht alle Kinos zugleich von der Berlinale übernommen werden. Ist das Festival erst einmal gestartet, kehrt bereits ein wenig Ruhe ein. Die Technik steht, die Filme sind geprüft, „dann wissen wir, dass alles läuft“, sagt Stever.

Die Presse betreuen

Richtig los geht es für Claudia Rische im Januar. Die Frau, die in Kreuzberg eine Presseagentur für die Filmbranche und Kulturakteure leitet, ist für die Pressearbeit der Sektion Panorama zuständig. Für rund sechs Wochen hat die Berlinale Priorität für sie, alle anderen Projekte laufen dennoch weiter. „Die werden dann hauptsächlich von meiner Angestellten betreut“, sagt sie. Sie mache dann noch Supervision und kläre aufkommende Fragen, alles andere hätte sie mit Blick auf den Berlinale-Einsatz schon im Dezember geplant.

„Gleich im Januar geht es schon mit den Panorama-Pressevorführungen los“, erzählt sie. Das bedeutet: Die Kinos müssen gebucht werden, die Filme vor Ort sein, die Pressehefte ausliegen und der Kaffee bereit stehen. Und sie müsse gewappnet sein und kommunikativ – als Ansprechpartnerin für die Journalisten.

Claudia Rische ist den ganzen Tag vor Ort, nur während der Vorführungen hat sie Zeit, kurz in ihr temporäres Büro am Potsdamer Platz zu huschen, das sie mit Wieland Speck, dem Kurator des Panoramas, teilt. Sie checkt Mails, beantwortet Presseanfragen, koordiniert Interviews für „Wieland“ – die Hierarchien sind flach. Gerade in der Anfangsphase sei ihr Adrenalinspiegel sehr hoch, sagt die Pressefrau. Zumal sie auch immer die Deadlines im Auge habe: Der Panoramatext für das Pressekonferenz-Dossier und das Berlinale Journal müssen vorbereitet werden. Dazu müssten die Filmtitel auf Richtigkeit geprüft und Bilder ausgesucht werden.

Nach- und Vorbereitung

Ihren Einstieg bei der Berlinale hatte sie 2003, als sie die Pressearbeit für den Teddy-Award, den schwul-lesbischen Filmpreis, übernahm. 2005 wurde sie Presseverantwortliche der Sektion Panorama. Sie ist Ansprechpartnerin für Produzenten, Filmemacher und Journalisten. Die einen wollen wissen, wie so ein Festival funktioniert, die anderen erwarten Panorama-Empfehlungen für den Themenschwerpunkt ihrer Publikation. „Ich interessiere mich für Lateinamerika, Umwelt, Frauenfilme – welche habt ihr im Programm?“ Um die Fragen fachgerecht beantworten zu können, sichtet Claudia Rische viele der Filme. Denn sie müsse die Stimmung erfassen, Farben sehen und die Dialoge hören, erst dann könne sie einen Film guten Gewissens empfehlen.

Kurz vor dem Festival wird es etwas ruhiger. Doch kaum geht es los, stürmen Presseanfragen rein, der rote Teppich muss betreut, Interviews koordiniert, Pressekonferenzen organisiert werden. Zudem fängt am ersten Festivaltag schon die Nachbereitung an – mit der Erstellung des Pressespiegels: Wie ist die Resonanz der Panorama-Filme in den Medien?

Flimmert am 15. Februar im Berlinale-Palast am Potsdamer Platz das letzte Mal der Festival-Trailer über die Leinwand, ist die intensive Zeit auch für die meisten der rund 1400 Mitarbeiter vorbei. Nur 40 Festangestellte werden bleiben – zur Nachbereitung des gerade zu Ende gegangenen und zur Vorbereitung des kommenden Filmfestivals.