Jenseits von Berlin

Stadt, Land, Arbeitsfluss – ab ins Grüne

Günstige Mieten, Fördertöpfe oder Personal – Gründe, seine Firma jenseits der Metropole anzusiedeln, gibt es viele. Drei Unternehmer erzählen, warum sie sich für die Provinz entschieden haben.

Foto: Christian Kielmann

Berlin ist sexy – und wird auch wirtschaftlich immer attraktiver. Holzminden ist – immerhin seit 2003 offiziell die „Stadt der Düfte und Aromen“. Während es viele Unternehmer in die Hauptstadt treibt, gerade weil sie mit der Marke Berlin bei ihren Kunden punkten können, hat sich Carolin Grünig dagegen entschieden.

Vor etwa zehn Jahren hat sie Berlin den Rücken gekehrt und ist in die niedersächsische Kleinstadt gezogen, um dort zu leben und zu arbeiten. Stadtflucht als Karrierekiller? Keineswegs, sagt die Mutter von zwei Kindern und die Geschäftsführerin der kleinen Personalberatung „Movendo Consulting“.

Rotary nur für Männer

„Die Provinz ist auf jeden Fall ein gutes Smalltalk-Thema“, sagt Carolin Grünig und fügt hinzu, „Wenn sich jemand über die schlechte Autobahnanbindung lustig macht, stelle ich die Gate-Frage!“ Rechne man die Zeit vom Schritt aus der Haustür rein ins Flugzeug, sei sie nämlich schneller als die meisten anderen, so klein sei der Flughafen Paderborn und so kurz die Wege bis zum Gate. „Die Zeit, die ich in Berlin im Stau verbringen würde, verbringe ich jetzt auf der Strecke. Letztlich kommen einfach mehr Kilometer hinten raus“, sagt Grünig.

Sie hat zuvor bei Kienbaum in Berlin gearbeitet und dann ihre eigene Personalberatung aufgebaut, deren Arbeit auf dem Konzept des systemischen Denkens fußt. Sie hilft ihren Kunden bei der Umsetzung großer Change-Projekte, Führungskräfteprogramme oder Workshops, mit denen Ideen Leben eingehaucht und in die DNA des Unternehmens implementiert werden sollen. Auch aus der Provinz agiert sie erfolgreich in den Metropolen: Movendo hat Kunden in Berlin, München und Zürich bis hin zu deren Dependancen in Argentinien.

Erste Zweifel: Kreative Ideen aus der Provinz?

Letztlich sind es auch die modernen Medien, die die Standortfrage immer nebensächlicher werden lassen: Grünig und ihre Kollegen begleiten ihre Kunden nicht nur vor Ort, sondern auch über virtuelle Meetings, telefonisch oder auch mithilfe von mymovendo, einer virtuellen Lernplattform.

Die Entscheidung für Holzminden war für Carolin Grünig die richtige, aber auch sie hatte am Anfang ihre Bedenken: Die Berliner Get-Togethers waren weit weg, an ein Netzwerken im örtlichen Rotarier-Club war nicht zu denken, denn der nimmt nur Männer in seine Reihen auf. Freunde sagten: „Mach Dir doch jetzt nicht alles kaputt.“ Grünig selbst zweifelte: „Können in der Provinz kreative Ideen geboren werden? Kann ich dort gute Mitarbeiter finden?“

Es war möglich. 15 Menschen arbeiten heute für Movendo Consulting: „Zu uns kommen die tollen Leute, vielleicht gerade weil es hier nicht so viele interessante Arbeitgeber gibt. In Berlin müssten wir mit den großen Personalberatungen um die Mitarbeiter konkurrieren.“ Nur dass die großen Hochschulen, bei denen sie Praktikanten und Nachwuchs akquirieren könnte, so weit entfernt sind, sei ein Nachteil.

Grüne Müllabfuhr aus Neustadt/Dosse

Genau diese große Nähe zu Universitäten und Forschungseinrichtungen ist es, die Stephan von Schwander so schätzt. Er ist Geschäftsführer bei Hüffermann Transportsysteme, einem Unternehmen, das seinen Verwaltungssitz und die Produktionsstätten in Neustadt/Dosse hat – etwa 100 Kilometer nordwestlich von Berlin. Gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik, der Stadtentsorgung Potsdam, den Berliner Stadtreinigungsbetrieben (BSR) und der Abfallwirtschafts-Union Oberhavel erforscht sein Unternehmen gerade umweltfreundliche elektrische Antriebskonzepte für die Müllentsorgung.

Hüffermann Transportsysteme ist Marktführer für Anhänger mit Wechselbehältersystemen und beliefert aus der Prignitz den Weltmarkt – beispielsweise in Kanada, Japan, Skandinavien oder Saudi Arabien. Gerade erst hat das Unternehmen wieder 3,5 Millionen Euro in den Standort investiert. Jede Schweißnaht, jeder Lack wird hier angefertigt. 2014 wurde das Unternehmen mit dem Zukunftspreis Brandenburg 2014 ausgezeichnet – unter anderem deshalb, weil man auch an die Zukunft der Belegschaft und an Aus- und Weiterbildung denkt: von 190 Mitarbeitern sind 30 Azubis. „Je nach familiärer Situation fördern wir die Kollegen bei der Fortbildung zum Meister oder beim Abend-, Fern- oder Wochenendstudium.“

Hüffermann hat das Werk rückwirkend zu 1990 von der Treuhand erworben – und damit auch das Fachpersonal, das jahrzehntelang in Neustadt gearbeitet hat – „der Pluspunkt schlechthin“ sagt Stephan von Schwander über die damals übernommene Belegschaft, die Nutzfahrzeuge und LKW-Anhänger aus dem Effeff kannte und auch bauen konnte. Auch logistisch biete der Standort Vorteile: Neustadt/Dosse liegt an der A24 und damit zwischen den Metropolregionen Hamburg und Berlin. „Es gibt zwei, drei Leute, die haben einen täglichen Anfahrtsweg von 120 Kilometern – das sind einige Stunden am Tag. Einer davon bin ich. Aber sonst hat das keine Nachteile: Die Menschen dort sind toll. Sie wissen genau, was sie tun – und wofür sie es tun“, sagt von Schwander.

Kooperation statt runinösem Wettbewerb

Längst ist die Region zu einem gemeinsamen Wirtschaftsraum zusammengewachsen. Mithilfe sogenannter Cluster (siehe Kasten). Seit etwa zehn Jahren stellen sich Berlin und Brandenburg gemeinsam international auf und konnten so zum Beispiel auch Rolls Royce dazu bewegen, sein Triebwerks-Testcenter für den gesamten Konzern hier anzusiedeln – sehr zum Missfallen der Briten. „Ob ein Unternehmen links oder rechts der Landesgrenze sitzt, ist zweitrangig“, sagt Alexander Gallrein von der Zukunftsagentur Brandenburg (ZAB), „Heute ist das Verhältnis entspannt. In den 90ern gab es einen ruinösen Wettbewerb zwischen den Ländern: Kleine Etappensiege für eine Seite haben oft einen Flurschaden für beide nach sich gezogen.“

Brigitte Schirmer erinnert sich noch gut an diese Zeit. Der Förderwettbewerb hätte damals fast ihr Unternehmen „Allresist“ in den Ruin getrieben, das sie und ihr Mann Matthias gemeinsam nach der Wende aufgebaut hatten: „Ich war lange ziemlich wütend: Wir hatten einen Kredit über 72.000 DM von der Bürgschaftsbank Berlin bekommen – und mussten ihn zurückzahlen, als wir von Köpenick nach Strausberg gezogen sind“, sagt Schirmer. Ein leichter Geruch von Lösemitteln und Harzen liegt in der Luft. „Allresist“ stellt lichtempfindliche Speziallacke her, die vor allem in der Mikroelektronik eingesetzt werden.

Tun, was in der DDR nicht möglich war

Seine Wurzeln hat das Unternehmen in Berlin, genau genommen in Köpenick, wo Matthias und Brigitte Schirmer bis 1992 bei den Fotochemischen Werken (FCW) beschäftigt waren, einem ehemaligen Ostbetrieb: er als kreativer Kopf in der Forschung, sie in der Produktion. Doch die Strukturen damals waren starr, neue Ideen wurden im Keim erstickt – die Schirmers waren jung und frustriert: „Anstatt neue Produkte zu entwickeln, zählten manche Kollegen lieber die Jahre bis zur Pensionierung“, erzählt Brigitte Schirmer.

Dann kam die Wende, aus dem Volk wurde ein Volk und aus den beiden FCW-Angestellten ein Unternehmerpaar. Endlich konnten die Schirmers das machen, was sie während DDR-Zeiten nicht konnten – kreativ sein und Verantwortung übernehmen. „Die Situation, die Kunden und das Wissen waren da. Wir haben uns das zugetraut und es einfach gemacht. Wir waren hungrig.“

Die beiden hatten die Vision, eine Firma aufzubauen, die noch auf den alten Traditionen fußte, aber ergänzt wurde durch eine hohe Leistungsbereitschaft und Know-how. „Wir wollten etwas schaffen – auf dem Gebiet der ehemaligen DDR –, was von der Leistung her mit dem Westen mithält. Wir wollten Qualität, Service und Kundenfreundlichkeit. Wie man Kunden verprellt, haben wir ja früh lernen können“, sagt Schirmer.

Den Weltmarkt bedienen

Kundenfreundlich und flexibel sind sie noch heute: Allresist bietet maßgeschneiderte Produkte an – auch in Kleinstmengen. Der Ableger des ehemaligen Ostbetriebes hat sich zu einer Firma gemausert, die den Weltmarkt bedient: Etwa 35 Prozent der Erzeugnisse werden exportiert – zu Kunden, die nicht nur in Österreich und der Schweiz sitzen, sondern ebenso in China und zunehmend auch im Silicon Valley.

Rückblickend wissen die Schirmers, dass aus betriebswirtschaftlicher Sicht vieles verrückt war. Auf dem Weg nach oben haben sie lukrative Angebote potenzieller Arbeitgeber ausgeschlagen, lange mussten sie mit dem Geld knapsen, da sie mit zu vielen Mitarbeitern gestartet waren. Heute sind sie der ZAB und der Investitionsbank des Landes Brandenburg dankbar für die Fördermittel, die sie etwa für Forschungsprojekte gegeben haben.

Es hat sich ausgezahlt. 2007 war nach der Gründung 1992 das erste stabile Jahr des Unternehmens. Seit sechs Jahren ist kaum eines vergangen, in dem Allresist keinen Preis gewonnen hat. Elf Mitarbeiter hat das Unternehmen heute, vier von der alten Garde sind noch dabei. Für sie war beim Umzug nach Strausberg eines wichtig – eine gute S-Bahnverbindung von Berlin nach Brandenburg.