Die rechte Hand

Medizinisch-technische Assistentinnen übernehmen ganz neue Aufgaben

Neue Technik, Ferndiagnostik, Qualitäts- und Risikomanagement: Der Qualifizierungsbedarf steigt. Eine Helferin nimmt Ärzten viel Arbeit ab.

Foto: Christian Kielmann

In der Praxis von Kinderärztin Luise Schröter wird dieses Jahr ein Jubiläum gefeiert: Derya Tiftik, eine der vier Medizinischen Fachangestellten (MFA), stieg vor zehn Jahren nach ihrem Realschulabschluss als Auszubildende ins Weddinger Praxisteam ein. Heute übernimmt die 27-Jährige hier rotierend mit ihren Kolleginnen vielfältige Aufgaben der Patientenversorgung, außerdem den umfassenden Einsatzbereich der Anmeldung, zu dem von der Terminvergabe über Materialbestellungen bis zu Telefonsprechstunden und der Abwicklung von Hausarztverträgen mit den Krankenkassen zahlreiche Aufgaben gehören.

„Im Zentrum der Arbeit mit unseren in der Regel sehr jungen Patienten stehen Vorsorgeuntersuchungen“, gibt die Medizinische Fachangestellte Einblick. Dabei spiele Funktionsdiagnostik eine herausragende Rolle: Neben Sprachtests und Untersuchungen zur Fein- und Grobmotorik seien vor allem gerätebasierte Hör-, Seh- und Lungenfunktionstests sowie Elektrokardiogramme (EKG) häufig an der Tagesordnung.

Den Umgang mit den entsprechenden Geräten hat Derya Tiftik während ihrer Ausbildung gelernt, bei Neuanschaffungen muss sie sich neue Bedienungsweisen aneignen. „Zu den größten Herausforderungen meines Jobs gehören aber Gespräche mit Eltern, bei deren Kindern ich Fehlentwicklungen beobachte“, verrät sie.

Fachwissen und Sozialkompetenz

Dann gälte es einfühlsam zu vermitteln, dass Unterstützung durch Logopäden, Ergotherapeuten oder Erziehungsberater angeraten sei. Auch wenn im Beruf der Medizinischen Fachangestellten Freundlichkeit gegenüber Patienten und Angehörigen, der Sinn für das kollegiale Miteinander und eigenständiges Arbeiten zu den wichtigsten Voraussetzungen gehören: Neben Sozialkompetenz ist Fachwissen Trumpf.

Um für ihre Arbeitgeberin möglichst breit einsetzbar zu sein, hat Derya Tiftik nach ihrer Ausbildung deshalb zahlreiche Zusatz-Zertifikate erworben – darunter eines zur Wundversorgung, zur Blutabnahme sowie zur Impfassistentin. „Und als nächstes werde ich eine Fortbildung zur Präventionsassistentin machen“, sagt die engagierte Fachkraft, voraussichtlich würden weitere Fortbildungen folgen.

Von Ernährungsmedizin bis zu elektronischer Praxiskommunikation könnten sie ganz verschiedene Zusatzqualifikationen auf ihrem Berufsweg erheblich weiterbringen.

Weiterbildung

„Wer sich weiterbildet, hat bessere Berufschancen und kann auch über die tarifliche Vergütung hinaus verdienen“, weiß Sabine Ridder, Präsidentin des Verbandes medizinischer Fachberufe. Besonders gefragt sei heutzutage beispielsweise die Qualifikation zur Praxisassistentin, die den Arzt bei Hausbesuchen entlasten könne.

Die Berufschancen für MFA seien grundsätzlich gut: Nicht zuletzt durch die demografische Entwicklung würden insgesamt mehr medizinische Leistungen nachgefragt, außer bei niedergelassenen Ärzten entstünden so auch in Klinken neue Arbeitsplätze für MFA: Dort vor allem zur Entlastung der Ärzte in den Ambulanzen, in denen ganz ähnliche Aufgaben anfielen wie in einer Praxis.

„In manchen Regionen können diese Stellen schon nicht mehr besetzt werden“, weist die Verbandssprecherin auf zunehmenden Fachkräftemangel hin. Berlin allerdings sei sowohl an Ärzten als auch an MFA bisher gut versorgt.

Das wird verdient

Die Ausbildungsvergütung liegt im ersten Jahr im Bundesdurchschnitt bei 670 Euro und steigt bis zum dritten Jahr auf 760 Euro. Das Einstiegsgehalt reicht von 1683,14 Euro in der Tarifgruppe 1 bis zu 2524,71 Euro in der Tarifgruppe 6. 2014 sind in Berlin 202 Stellen für MFA unbesetzt, in 2011 waren es erst 103.

Sicheres physikalisches, anatomisches und physiologisches Know-how sind in Cindy Behnkes Berufsleben von zentraler Bedeutung. Mit mittlerer Reife absolvierte die gebürtige Mecklenburgerin eine dreijährige Ausbildung zur Medizinisch-Technischen Radiologieassistentin (MTRA) an der höheren Berufsfachschule Schwerin. Anschließend holte sie am Abendgymnasium ihr Abitur nach und bildete sich am Deutschen Institut zur Weiterbildung für Technologen und Analytiker in der Medizin (DIW-MTA) in Berlin zur MRT-Spezialistin weiter.

Zu ihren Berufsstationen und Einsatzbereichen gehörte in den folgenden Jahren unter anderem die Radiologie und Nuklearmedizin des Lehrkrankenhauses der Universität Freiburg, außerdem ein Einsatz am Klinikum Neustadt in Holstein, wo sie beim Aufbau der Wirbelsäulenchirurgie mitwirkte und als Ausbilderin im Bereich Radiologische Diagnostik und Computertomographie (CT) zum Einsatz kam. „In der Zeit habe ich zudem Gelegenheit gehabt, im Hause noch nicht bekannte Untersuchungsmethoden einzuführen“, schildert die 37-Jährige ihren Berufsweg.

MRT-Spezialistin

Seit 2009 arbeitet Cindy Behnke als MTRA am Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie des Helios Klinikums Emil von Behring in Zehlendorf: Als Spezialistin für Magnetresonanztomografien (MRT) verantwortet sie die Teilbereichsleitung des entsprechenden Fachbereichs, arbeitet gemeinsam mit dem Team neue Kollegen in das gesamte MRT-Untersuchungsspektrum ein und kümmert sich in Absprache mit dem jeweiligen Radiologen um die tägliche Programmplanung.

Durch ihr Zertifikat Kardio-MRT ist sie als Spezialistin für Herzuntersuchungen gefragt. „Darüber hinaus bin ich bei einer im Haus eingemietete MRT Praxis im Einsatz, die das Gerät gemeinsam mit der Klinik nutzt“, gibt die Fachkraft den Einblick.

Keine Frage, dass Cindy Behnke sich regelmäßig auf dem neusten technischen Stand halten muss: „Als MRT-Spezialistin muss ich mich zweimal im Jahr im Fachbereich MRT fortbilden“, erklärt sie. Das sei wichtig, um den täglich wachsenden Anforderungen im Berufsleben und im Umgang mit den Patienten gerecht zu werden. Der Dienst am Menschen liege ihr am Herzen. „Und wenn ich mithelfen kann, Untersuchungsmethoden weiterzuentwickeln, mit denen Kranken geholfen werden kann, macht mir das immer viel Freude.“

Viele unbesetzte Stellen

Für das diagnostische Institut sind außer Cindy Behnke mehr als 20 weitere MTRA tätig, jede von ihnen untersucht täglich durchschnittlich 20 bis 30 Patienten. An den Berliner Helios-Standorten ist der Bedarf an MRTA aktuell gedeckt, doch „bundesweit sind rund 20 Prozent der Stellen in Kliniken nicht besetzt“, weiß Anke Ohmstede, Präsidentin für den Bereich Radiologie und Funktionsdiagnostik des Dachverbandes für Technologen und Analytiker in der Medizin Deutschland (DVTA).

Auch Berliner Kliniken sind unterbesetzt. Da immer mehr Krankenhäuser Computer- und Kernspintomographen einsetzen, die Bevölkerung nachts und am Wochenende teleradiologisch – das heißt per ärztlicher Ferndiagnose – versorgen und der Bereich Mammographie-Screening (Untersuchungen zur Früherkennung von Brustkrebs) stetig ausgebaut werde, steige der Bedarf an MTRA rasant. „Und dem wachsenden Bedarf wird die Ausbildungssituation nicht gerecht“, kritisiert die Expertin.

Jedes zusätzliche Gerät bedeute auch neue Arbeitsplätze, nicht zuletzt deswegen seien die Berufsaussichten für MTRA sehr gut. Zukünftige Arbeitgeber sichern sich ihren Nachwuchs bereits während der praktischen Ausbildung, so dass viele bereits im fünften Semester einen Arbeitsplatz garantiert haben.

Mehr Technik in der Medizin

Die stetig zunehmende Technisierung der Medizin bekommen auch Medizinisch Technische Laborassistenten (MTLA) zu spüren: In manchen Kliniken sind mittlerweile nahezu sämtliche Geräte IT-gesteuert. Als MTLA arbeitet Reno Konzack.

Nach dem Abitur und einem Einsatz als Zivildienstleistender absolvierte er eine Ausbildung im Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam. Seit seinem Abschluss 2012 ist er bei der Labor Berlin – Charité Vivantes beschäftigt, die von Toxikologie bis Immunologie in neun Fachbereichen lebensnotwendige Diagnostik für die Patienten von Charité, Vivantes und weiteren Kliniken und niedergelassenen Ärzten erbringt.

„Ich bin im zentralen Qualitätsmanagement für die Betreuung von Laborgeräten zuständig, die in der patientennahen Sofortdiagnostik, dem so genannten Point of Care Testing (POCT), eingesetzt werden“, erklärt der 27-Jährige.

Automatische Überwachung

Dazu gehöre unter anderem eine permanente Onlineüberwachung der in den angeschlossenen Kliniken eingesetzten Geräte, beispielsweise solcher zur Blutzuckermessung oder Blutgasanalysatoren.

Die Überwachung werde zum Teil automatisiert, zum Teil durch ihn selbst durchgeführt. „Sehe ich etwa bei einem Blutzuckermessgerät Unregelmäßigkeiten bei der Messgenauigkeit, sperre ich dieses Gerät aus der Ferne, nehme Kontakt mit den Mitarbeitern auf der Station auf und erörtere mit ihnen das Problem“, sagt Reno Konzack.

Messgenauigkeit ist wichtig

Sobald der Fehler behoben sei, könne er das Gerät wieder entsperren. Da der MTLA ständiger Ansprechpartner für die Mitarbeiter auf den Stationen ist und regelmäßig an Sitzungen verschiedenster Bereiche teilnimmt, ist von ihm sowohl Kommunikationsstärke als auch sicheres Fachwissen gefragt. „Und genau diese Herausforderungen machen mir große Freude“, schwärmt der Berliner.

Die dafür nötigen fachbezogenen Fortbildungen sowie Fortbildungen zu Sozialkompetenz, Gesundheitsförderung oder Englischkurse finanziere ihm sein Arbeitgeber Labor Berlin. Denn es sei wichtig, stets auf dem aktuellen Stand der oft technisch anspruchsvollen Laborgeräte zu sein.