Reinigungsbranche

Mit Abitur und Wischmopp auf dem Weg zur Führungskraft

Gebäudereiniger wandeln sich zu Multifunktions-Dienstleistern und Online-Plattformen wirbeln den Schwarzmarkt für private Putzkräfte durcheinander. Die Branche kämpft um gute Mitarbeiter

Foto: Christian Kielmann

Flecken, Dreck und Staub – auf diesen drei unscheinbaren Säulen fußt eine ganze Industrie. Königreiche vergehen, Tierarten verschwinden, Spielekonsolen sind schon überholt, kaum dass sie auf dem Markt sind. Aber der Fettfleck auf der Fensterscheibe, die Staubfussel in der Zimmerecke und die Kalkränder im Waschbecken entstehen immer wieder.

So zuverlässig wie der stets neue Schmutz ist auch die Notwendigkeit seines Widersachers: das Reinigungsgewerbe. Doch die Branche der Staubwedelakrobaten ist in Bewegung geraten.

„Früher waren wir nur für die Reinigung von Gebäuden zuständig, heute bieten wir vielfältige Dienstleistungen an – das können auch Winterdienst, Hausmeistertätigkeiten oder etwa Catering-Service sein“, sagt Tanja Cujic-Koch, stellvertretende Obermeisterin der Gebäudereinigerinnung Berlin. „Eigentlich leisten wir alle Arten von Service, mit denen wir unseren Kunden das Leben einfacher machen können.“

Steigender Umsatz

Die Auftragslage sei weitgehend konstant, „schließlich müssen alle Gebäude, egal ob Kindergärten, Kanzleien, Schulen oder Geschäfte regelmäßig gereinigt werden“, so Tanja Cujic-Koch. 2013 verzeichneten die 118 Berliner Innungsbetriebe nach Angaben des Statistischen Bundesamtes Umsätze von rund 540 Millionen Euro – drei Prozent mehr als 2012.

Problematisch sei nicht die Auftragslage, sondern die Personalnot der Branche, sagt die Expertin. Zwar stieg die Zahl der Mitarbeiter im Berliner Reinigungsgewerbe bis Ende 2013 um 500 auf 27.500 Menschen – aber der Bedarf ist weitaus größer.

„Es gibt einen echten Kampf um gute Mitarbeiter“, bestätigt Gregor Friedrich, der bei Cujic unter anderem für die Einstellung von neuen Kräften zuständig ist. „Ausgebildete Gesellen werden schon seit Jahren umworben. Aber auch ungelernte Arbeiter, die gründlich und vertrauenswürdig sind, sind sehr schwierig zu bekommen. Unzuverlässigen Leuten können wir schließlich nicht die Schlüssel zu den Räumen unserer Kunden geben.“

Zu wenig Azubis

Das Problem hat einige Brisanz. Kein anderes Handwerk hat mehr Mitarbeiter, derzeit sind es bundesweit rund 580.000 Beschäftigte, die vom Bodensee bis Flensburg für Sauberkeit sorgen. Doch die Zahl der Auszubildenden, welche die dreijährige Lehrzeit absolvieren, ist vergleichsweise niedrig – 2839 waren es bundesweit 2013, rund 500 davon in Berlin, Tendenz sinkend. „Wir werben an den Schulen um Azubis, bieten Praktika an“, sagt Tanja Cujic-Koch. „Vieles läuft über den persönlichen Kontakt. Trotzdem ist es nicht einfach, die Lehrstellen zu besetzen.“

Ein Grund für das bescheidene Abschneiden im Wettbewerb um gute Mitarbeiter ist der nicht eben makellose Ruf des Reinigungsgewerbes – ein Knochenjob mit schlechten Löhne, so das Vorurteil.

Tanja Cujic-Koch ärgert dieses Bild: „Wenn im Fernsehen ein Beitrag über miese Arbeitsbedingungen und schlechte Bezahlung läuft, müssen Putzkräfte oft als Beispiel herhalten. Dabei gilt in der Branche laut Entsendegesetz schon seit 2007 ein gesetzlicher Mindestlohn.“ Meist sind es Migranten, die über einen längeren Zeitraum bei einem Reinigungsunternehmen bleiben.

Ausländer werden umworben

Sie kommen aus Polen, Kroatien, Tschechien, Italien, Griechenland und anderen Regionen. „Viele dieser Mitarbeiter werden auch von anderen Branchen umworben, etwa vom Einzelhandel“, sagt Gregor Friedrich.

Bei ihm verlief der Weg in der umgekehrten Richtung. Der Potsdamer machte nach Abitur und Wehrdienst eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann. Weil das Unternehmen mit Reinigungsmitteln handelte, kam er in Kontakt mit der Branche.

„Ich hatte einen reinen Bürojob – und das war mir nicht abwechslungsreich genug“, beschreibt er seine damalige Situation. Heute ist er nicht nur zuständig für Personalfragen, sondern pflegt auch Kundenkontakte und kalkuliert Angebote. „Diese Vielseitigkeit macht die Arbeit interessant, ich bin höchstens eine Stunde am Tag im Büro, den Rest der Zeit unterwegs“, sagt er. „Außerdem habe ich mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun, vom Geschäftsführer eines Unternehmens bis hin zum Hausmeister, für jeden die richtige Ansprache zu finden, ist spannend und herausfordernd.“

Mit technischem Hintergrund

Als Quereinsteiger unter den Führungskräften ist Gregor Friedrich eher eine Ausnahme. Die meisten haben eine Ausbildung als Gebäudereiniger und die Meisterschule oder eine einschlägige Technikerausbildung absolviert.

In Braunschweig können ambitionierte Sauberkeitsprofis sogar einen Fachhochschul-Ingenieurabschluss in Reinigungs- und Hygienemanagement beziehungsweise -technik erwerben. Manch einer gelangt auch – meist mit entsprechendem familiären Hintergrund wie Tanja Cujic-Koch – nach einem Betriebswirtschaftsstudium in eine leitende Position.

Hat man einmal im Reinigungsgewerbe Fuß gefasst, so bleibt man in der Regel auch dort – Branchenwechsel sind unter Führungskräften nach Erfahrung von Tanja Cujic-Koch selten. Was aber vorkommt ist eine Änderung des Arbeitgebers, wenn ein bestimmtes Großobjekt wie etwa ein Krankenhaus oder ein Unternehmen, einen neuen Reinigungsdienstleister beauftragt. „Manche Kunden verlangen dann ausdrücklich, dass der verantwortliche Objektbetreuer weiter zuständig bleibt – schließlich gehört eine Menge Erfahrung zu solch einer Aufgabe.“

Schwarzarbeit ist die Regel

Die akkurate Reinigung von Kliniken oder Produktionsanlagen mit hohen Sauberkeits- und Hygieneanforderungen, von Schulen, Gerichtsgebäuden oder Behörden, Büros und Geschäften – das sind Bereiche, in denen das professionelle Know-how von Reinigungsdienstleistern unersetzlich ist.

Etwas anderes gilt bei der Bekämpfung von Allerweltsdreck bei Familie Jedermann. Wo die Bewohner nicht selbst den Scheuerlappen in die Hand nehmen, ist Schwarzarbeit die Regel. Wie viele Putzfrauen und -männer illegal Regale abstauben, lässt sich nicht genau sagen – das Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln geht von mehr als vier Millionen Haushalten aus, die ihre Helfer vorbei an Steuer und Finanzamt bezahlen.

Das könnte sich jedoch in naher Zukunft ändern. Und wie so oft kommt auch hier die Revolution aus dem Internet. Gleich mehrere Start-ups bieten in größeren Städten die Vermittlung von sogenannten „haushaltsnahen Dienstleistungen“ über spezielle Online-Plattformen an.

Online-Plattformen vermitteln

Der Tarif steht von vornherein fest, gezahlt wird in der Regel per Überweisung oder PayPal. Der Kunde gibt nur den Ort und die Wunschzeit ein. Die Putzkräfte ihrerseits können sehen, welche Aufträge eingehen und die passenden annehmen.

Neben der technisch-organisatorischen Vereinfachung ist die eigentliche Neuerung bei diesen Angeboten eine ganz andere: Die über Online-Plattformen wie beispielsweise Helpling, Rent a Tiger oder Cleanagents vermittelten Helfer arbeiten ganz legal als selbstständige Gewerbetreibende.

Wenig begeistert von dieser Entwicklung ist Gewerkschaftssekretär Bastian Kaiser von der IG Bau Berlin – die Gewerkschaft ist die Interessenvertretung der Mitarbeiter des Gebäudereinigerhandwerks. „Die Online-Vermittlungen sind ein massives Problem. Die Putzkräfte binden sich in der Regel an eine Agentur, über die sie die Aufträge bekommen.“

Kritik der Gewerkschaften

Damit seien die Kriterien für eine echte Selbstständigkeit nicht gegeben, kritisiert Bastian Kaiser. Da die Putzkräfte selbst ihre Sozialabgaben zahlen müssten, Putzmittel und Wegezeiten auf ihre eigene Rechnung gingen, würde ihre Entlohnung teilweise unter dem Mindestlohn liegen, so die Rechnung der Gewerkschaft.

Vom Nutzen der angesagten Online-Plattformen ist dagegen offenbar auch die Bundesregierung überzeugt – Familienministerin Manuela Scheswig jedenfalls hat kürzlich angekündigt, dass auch die Regierung im kommenden Jahr eine Online-Plattform zur Vermittlung von Haushaltshilfen ins Netz bringen will, „um älteren Menschen und Familien zu helfen“.

Bei der Gebäudereiniger-Innung Berlin betrachtet man die Entwicklung gelassen. Tanja Cujic-Koch, selbst Geschäftsführerin eines Gebäudereinigungsbetriebes mit mehr als 160 Mitarbeitern, sieht kaum Überschneidungen zwischen den Auftraggebern herkömmlicher Gebäudereinigungsbetriebe und den neuen Online-Plattformen. „Gewerbliche Kunden benötigen adäquate Ansprechpartner für die Betreuung ihrer Objekte, für die kommen die Online-Putzkräfte nicht in Frage.“ Ab einer bestimmten Größenordnung müssen halt doch die echten Profis ran, um Bazillen, Dreck und Staub zu bezwingen – auch wenn der Sieg immer nur von kurzer Dauer ist.