Raus aus dem Labor

Technologie-Scouts – der Zukunft auf der Spur

Um Entwicklungen voranzutreiben, setzen Konzerne auf Technologie-Scouts. Diese Tüftler sind gut vernetzt. Sie interessieren sich für Start-ups und sind auf Kongressen präsent.

Foto: Christian Kielmann

Wer auf den immer schneller sich wandelnden Märkten möglichst auch übermorgen erfolgreich wirtschaften möchte, der sollte möglichst schon heute abschätzen können, was in einigen Jahren im Trend liegt. Der Transfer von theoretischem Wissen in die Praxis ist zwar im Prinzip nicht neu. Doch angesichts der heute so breit ausdifferenzierten und spezialisierten Hochtechnologien zahlloser Industrien reicht ein eher allgemeines Beobachten im Alltag schon längst nicht mehr.

So ist genau um dieses Thema herum in wenigen Jahren ein stark wachsendes Aufgabengebiet entstanden, das sich für Spezialisten verschiedener Branchen zum attraktiven Berufsfeld herauskristallisiert hat: „Technologie-Scouting“ hat sich schon jetzt mehr und mehr zum eigenständigen Tätigkeitsfeld entwickelt – denn die Arbeit der Detektive der Zukunft ist so gefragt wie nie.

Oftmals an Universitäten und in Unternehmen angesiedelt, durchkämmen sie systematisch ihre Wissensdistrikte nach vielversprechenden Forschungsprojekten und neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Doch nicht nur das. Gleichzeitig wirken sie auch oftmals als interkulturelle Vermittler zwischen den Welten und Denkweisen, die Wissenschaftler und Akteure aus der Wirtschaft trennen oder verbinden können. Sie sind also nicht nur Detektive, sondern auch Diplomaten im Dienste der Hightech.

Große Unterschiede

„Die meisten Unternehmen des produzierenden Gewerbes oder technischer Dienstleistungen betreiben heute Technologie-Scouting. Die Unterschiede dabei sind allerdings sehr groß“, sagt Christian Hammel, Geschäftsbereichsleiter der Technologiestiftung Berlin (TSB). „Große Unternehmen verfügen in der Regel über Strategie-, Forschungs- und Technologieabteilungen oder eigenes Innovationsmanagement, die nach neuen wissenschaftlichen Ergebnissen suchen. Sie erstellen in großem Maßstab Roadmaps für die Zukunft“, sagt er.

„Kleinere hingegen suchen auf Messen und Kongressen nach relevanten Neuerungen und Kontakten, beobachten und lernen von ihren Lieferanten und Kunden.“

Die Technologiestiftung selbst analysiert die Kompetenzen und Innovationspotenziale der gesamten Region Berlin-Brandenburg auf den unterschiedlichsten Technologiefeldern und identifiziert die Technologietrends mit besonderer Bedeutung für den Standort. „Wir betreiben ein Scouting für die gesamte Region, erstellen Studien, liefern Daten und Fakten, sprechen Empfehlungen aus“, sagt Hammel.

Energietechnik und optische Industrie

So gehören Felder wie Energietechnik, optische Industrie oder Oberflächentechnologien zu den Themen, auf denen die TSB Empfehlungen entwickelt hat. Ganz aktuell sind für die TSB Technologien für die ‚Smart City‘ – also eine nachhaltig und ganzheitlich ausgerichtete Stadtentwicklung.

Technologie-Scouting für ein internationales Großunternehmen betreibt hingegen Jörg Knäblein: Für Bayer Healthcare ist er auf der Suche nach Technologien, die für die unterschiedlichen Forschungsbereiche von Bayer wichtig sein können. „Meine Aufgabe ist sehr abwechslungsreich“, sagt er. „Zwingend notwendig ist dabei, sehr gut nach innen und außen vernetzt zu sein.“

Denn zum einen treten Abteilungen direkt an ihn heran, wenn sie Antworten auf konkrete Fragen aus ihrem Forschungsfeld suchen. Zum anderen entwickelt er Präsentationen, die die Interessengebiete des Unternehmens zusammenstellen.

Austausch mit der Wissenschaft

„Diese Übersicht aktualisieren wir zweimal pro Jahr und leiten diese Übersicht an die Technologietransferbüros von Universitäten“, sagt Knäblein. „So stehen wir in ständigem Austausch zwischen Wirtschaft und Wissenschaft“, sagt der Technologie-Scout. „Auch sind wir auf wichtigen Fachmessen präsent.“ Darüber hinaus geht Bayer Healthcare in Berlin auch neue Wege.

So eröffnete hier Mitte Mai der „Colaborator“ auf dem Unternehmensgelände, wo sich maximal neun Start-ups aus den Gebieten Life-Science einmieten können und bei Bedarf auf die Expertise und Laborkapazitäten von Bayer zurückgreifen können.

„Die jungen Unternehmen bleiben dabei völlig eigenständig“, sagt Knäblein. „Langfristig ist der Wunsch jedoch eine wechselseitige Kooperation.“ Drei junge Firmen sind bereits eingezogen, weitere folgen. Die Art, wie solche Kontakte zustande kommen, ist dabei typisch für die Szene der Technologie-Scouts. „In der Wissenschafts-Community spricht sich oft herum, wenn sich zum Beispiel aus Universitäten Firmen ausgründen wollen, vieles läuft über persönliche Drähte und wird über Mundpropaganda verbreitet.“

Pionier TU

Zu den Universitäten, die hier eigenes Technologie-Scouting betreiben, gehört die Technische Universität Berlin (TU). „Als wir vor etwa sechs Jahren mit unserer Arbeit begannen, fühlten wir uns wie Pioniere“, sagt Agnes von Matuschka, Leiterin des Centre for Entrepreneurship (CfE), das an der TU für das Scouting zuständig ist. „Denn unsere Ausgangsfrage war, welche Wege man gehen kann, damit wissenschaftliche Forschungsergebnisse nicht brachliegen, sondern diese möglicherweise nutzen kann“, sagt von Matuschka. „Dafür gehen wir etwa ein Jahr vor Ende anwendungsorientierter Projekte auf die Wissenschaftler zu, um gemeinsam zu überlegen, wie sich die Ergebnisse ihrer Arbeit verwerten lassen können.“

Denn teilweise wenden sich Unternehmen direkt an die TU, wenn sie auf der Suche nach neuen Technologien oder Spezialisten sind. Andererseits bietet die TU aber auch eigene moderierte Workshops an, wo zunächst einmal etwa hundert Ideen gesammelt werden, von denen dann die Erfolg versprechenden gewichtet werden.

„Wir haben mittlerweile hundert Forschergruppen besucht und führen bis zu 15 Workshops pro Jahr durch“, sagt Nadine Battista, die an der TU das Technologie-Scouting „Produktpropeller“ als Projektmanagerin betreut. „Diese Workshops tragen auch dazu bei, dass sich jedes Jahr an der TU etwa zwanzig Firmen gründen.“

Gut beraten in die Gründung

Ein Beispiel hierfür ist das Berliner Start-up „Akvolution“: Sein Gründer hat sich vor dem Schritt ins Wirtschaftsleben am CfE beraten lassen, welche Schritte in die Praxis des Marktes zu gehen sind und was dabei zu beachten ist. „Ich war zunächst als Student der Verfahrenstechnik an einem Forschungsprojekt zur Meerwasserentsalzung beteiligt“, sagt Matan Beery, Gründer und Geschäftsführer von Akvolution. „Dieses Thema machte ich dann zum Gegenstand meiner Doktorarbeit und ließ mich anschließend an der TU beraten, wie ich meine Ergebnisse verwerten könnte.“

Die Wahl fiel auf das Förderprogramm „Exist“, das seit Anfang 2013 den Aufbau von Akvolution finanziell unterstützt. Räume und Werkstätten kann das Jungunternehmens außerdem an der TU nutzen. „Inzwischen haben wir erste Prototypen auf Grundlage der von uns entwickelten Methoden getestet“, sagt Beery. „So reinigt eine Anlage von uns seit diesem Jahr erfolgreich das Wasser im Aquadom von Phosphat.“

Drei Patente hat er bislang für seine Technologie angemeldet. Das von ihm entwickelte Verfahren spart dabei nicht nur etwa neunzig Prozent der Energie im Vergleich zu bisherigen Anlagen. Auch lässt sich die platzsparende Technologie nutzen, um Wasser nicht nur von Salzen, sondern auch von Ölen oder Fetten zu reinigen oder zu trennen.

Da weltweit der Bedarf nach salzfreiem Wasser steigt, birgt Akvolution ein enormes Potenzial, das sich weltweit einsetzen lässt. Insofern schließt sich hier gewissermaßen ein Scouting-Kreis. „Das Interesse an unserer Pilotanlage ist sehr groß“, sagt Beery. „Regelmäßig haben wir Anfragen nach Besichtigungen – und sind so selbst in den Fokus von Technologie-Scouts geraten. Denn im kommenden Jahr werden unsere Prototypen Marktreife erreichen.“

In Adlershof

Technologie-Scouting für den Wissenschaftsstandort Adlershof betreibt hingegen Jörg Israel. „Dieses Thema ist für uns von hoher Relevanz“, sagt der Leiter des Zentrums für Mikrosysteme und Materialien. „So suchen wir Firmen, die wir für Adlershof gewinnen wollen und klären, inwieweit sie zu uns passen könnten“, sagt er. „Hier steht die Frage im Mittelpunkt, woran die Firmen aktuell gerade arbeiten.“ Denn gerade für so einen Hightech-Standort wie Adlershof sei besonders wichtig, vorausschauend zu planen. „Wir sind an solchen Firmen interessiert, die perspektivisch in fünf bis zehn Jahren interessant sind“, sagt Israel. In einem laufenden Prozess scannen er und seine Mitarbeiter hierfür regelmäßig die Forschungslandschaft nach passenden Trends.

„Ein Beispiel ist das Feld der erneuerbaren Energien“, sagt Israel. „Vor einigen Jahren stand dieser Bereich noch nicht so im Fokus. Doch inzwischen ist er sehr stark geworden und wir suchen gezielt in diese Richtung.“ Ein Arbeitsinstrument sind dafür große Datenbanken, die sie systematisch auswerten. „Im Grunde ist Technologie-Scouting eine Tätigkeit, die man gerade als Entwickler sowieso ausübt“, sagt Israel. „Auf Messen und Kongressen gehen, sich vernetzen, ständig versuchen, auf der Höhe der Zeit zu sein – das gehört für Forscher zur alltäglichen Arbeit.“