Altehrwürdig

Mit der Tradition im Rücken in die Zukunft blicken

Unternehmen, die seit Jahrhunderten existieren, entwickeln eine ganz eigene Kultur. Das färbt auch auf die Mitarbeiter ab. Brenzlig wird es nur, wenn die Gründer abtreten und keine Spielregeln dalassen

Foto: Christian Kielmann

Es gibt nicht viele Unternehmen, deren Verkaufsschlager mehr als 200 Jahre alt ist. Bei KPM, der Königlichen Porzellan-Manufaktur, ist es das Kurland-Service, das unverändert seit 1790 im Programm ist – und damit so ziemlich alle Rekorde in Sachen Produkt-Langlebigkeit halten dürfte. Was für die kostbaren Teller, Tassen und Schüsseln mit dem eleganten klassizistischen Dekor gilt – Tradition und höchste Qualität als oberste Leitlinien – ist auch für das Unternehmen, das in diesem Jahr seinen 250. Geburtstag feiert, bestimmend. Denn wo bei den Googles und Apples dieser Welt ein Produkt nach knapp einem halben Jahr schon als veraltet gilt, schwingt das Pendel in Berlins ältestem Handwerksbetrieb in einem ganz anderen Rhythmus.

„Bei der KPM steht erfreulicherweise nicht nur die kurzfristige Rendite im Vordergrund, sondern vor allem die längerfristige Planung und ein gezielter Aufbau dieser traditionsreichen und exklusiven Marke“, sagt Dirk Fuhse über seinen Arbeitgeber. Erst seit wenigen Monaten ist der studierte Wirtschaftswissenschaftler verantwortlich für Export und internationalen Vertrieb bei KPM, seine Beziehung zu dem „weißen Gold“ mit dem königlichen Stempel ist jedoch weit älter. „In unserer Familie wurde sonntags vom Kurland-Service gegessen“, erinnert er sich. Das Thema „Luxus“ kennt der 32-jährige bereits von seinen vorherigen Stationen, etwa beim Automobilbauer Bentley in England. Dass das Traditionsunternehmen in Berlin ansässig ist, ist für ihn ein weiterer Pluspunkt. „KPM ist eines der weltweit ganz wenigen Traditionsunternehmen im Luxusbereich und noch dazu eines, das aus einer Großstadt heraus den Markt mit Luxusgütern beliefert.“

Die produktive Gründergeneration von 1900

Mit ihren 250 Jahren Unternehmenshistorie gehört die einst von Friedrich dem Großen gegründete Porzellanmanufaktur, die seit 2006 im Besitz der Bankiersfamilie Woltmann ist, zwar zu den geschichtsträchtigsten Betrieben in ganz Deutschland, doch es gibt durchaus Unternehmen, deren Wurzeln noch tiefer reichen. So datiert beispielsweise das noch heute existierende Weingut der Fürsten zu Hohenlohe-Oehringen aus dem zwölften Jahrhundert. Als ältestes Industrie-Unternehmen Deutschlands gilt der Kurzwarenhersteller Prym aus Stolberg – aus dem Jahr 1340 stammt die erste urkundliche Erwähnung. Andere Unternehmen, die bis heute präsent sind, entstanden in der Frühzeit der Industrialisierung wie etwa der Stifthersteller Faber-Castell. Produktiv war auch die Gründergeneration um 1900, die Schwergewichte wie Beiersdorf oder Henkel ins Leben rief – Unternehmen, die bis heute mit ihrem Ursprungsprodukt identifiziert werden.

So unterschiedlich die Branchen auch sind, in denen diese Traditionsunternehmen ihre Geschäfte betreiben, ein gemeinsames Merkmal weisen fast alle auf: Hinter ihnen stecken Familien, die über viele Generationen hinweg die Firmen-Geschicke bestimmen. Rudolf Wimmer, Professor am Institut für Familienunternehmen der Universität Witten/Herdecke, hat sich eingehend mit den Strukturen erfolgreicher Mehr-Generationen-Unternehmen beschäftigt.

Wenn die Gründer gehen

„Familienunternehmen scheitern oft, wenn die Gründer abtreten oder sie von der zweiten in die dritte Generation übertragen werden. Kristallisieren sich aber Routinen und Spielregeln heraus, nach denen Eigentumsübergang und Teilhabe der Familienmitglieder an der Unternehmensführung gehandhabt werden, dann entwickeln sich ab der vierten Eigentümer-Generation stabilere Strukturen.“ Nur etwa zehn Prozent der Familienunternehmen würden diesen Zustand erreichen, rechnet der Wissenschaftler.

Zu den Unternehmen, die die kritische Phase längst überwunden haben, gehört der in Berlin ansässige Produzent von Schuhpflegemitteln Collonil. Im Jahr 1909 begann die Geschichte des Unternehmens, als in Berlin-Kreuzberg Karl Esslen und die Brüder Paul und Walter Salzenbrodt mit der Abfüllung von fünf Fässern zähem Lederöl den Grundstein legten. Heute ist das Unternehmen mit seinen diversen Schuhcremes und Sprays in mehr als 100 Ländern und auf vier Kontinenten auf dem Markt.

Für die 31-jährige Pascale Schemensky, die seit Beginn des Jahres in der Abteilung für Marketing und Kommunikation arbeitet, hat die lange Historie der Firma einen hohen Wert: „Tradition ist etwas Gewachsenes. Etwas, das mit Geld nicht zu kaufen ist, sondern das sich über viele Jahre hinweg hat entwickeln können. Tradition birgt außerdem ein inhärentes Wertesystem, transportiert hochemotionale Größen wie Stabilität, Erfolg, Vertrauen und Sicherheit.“

Mag diese Beschreibung auch geradezu altväterlich klingen, so gibt sie jedoch ziemlich genau wieder, was sich gerade im Zuge der Finanzkrise als charakteristisch für Unternehmen wie Collonil herausgestellt hat. Wissenschaftler Rudolf Wimmer erläutert: „In vielen traditionsreichen Familienunternehmen sehen die Unternehmer sich in einem hohen Maß in persönlicher Verantwortung für das Wohl und Wehe der Mitarbeiter. Auch in der Zeit zwischen 2008 und 2011 waren Entlassungen bei ihnen ausgesprochen selten. Im Gegenzug waren die Mitarbeiter erstaunlich bereit, Einschränkungen wie etwa Gehaltskürzungen hinzunehmen. Für solche gegenseitige Loyalität braucht es jedoch die Glaubwürdigkeit von Eigentümerfamilien.“

Ausbildung ist wichtig

Die starke persönliche Bindung, die Unternehmen und Mitarbeiter in Traditionsunternehmen oftmals pflegen, bedingt auch, dass schon bei der Auswahl sehr genau hingeschaut wird. Rudolf Wimmer: „Familienunternehmen akquirieren ihre Mitarbeiter gerne in jungen Jahren, suchen Leute, die noch formbar sind und die in das Unternehmen hineinwachsen können. Ausbildung spielt hier eine wichtige Rolle.“

In der Berliner Westkreuz-Druckerei, die im vergangenen Jahr ihr 100. Firmenjubiläum hatte und heute in vierter Generation von den Geschwistern Lutz und Kristin Ahrens geleitet wird, entstehen die ersten Kontakte zu potenziellen Nachwuchskräften oft über Schüler- oder Studentenpraktika. Während solcher Praktika, so Kristin Ahrens, sei schon „einige Male der Wunsch geweckt“ worden, sich in der Westkreuz-Druckerei um einen Ausbildungsplatz zu bewerben. Kontinuität hat in dem Familienbetrieb einen hohen Stellenwert, wie Chefin Kristin Ahrens beschreibt: „Unser Auszubildender im Drucksaal ist im dritten Lehrjahr. Er wird von unserem ältesten Drucker ausgebildet, der zum Ende dieses Jahres in den Ruhestand geht. Wenn der Auszubildende seinen Abschluss hat, hat er nicht nur von der jahrzehntelangen Berufserfahrung des älteren Kollegen profitiert, sondern er kann auch dessen Arbeitsplatz übernehmen.“

Passende Persönlichkeit

In Familienunternehmen, bei denen sich Karriere oft weniger über bestimmte formale Hierarchiestufen definiert als vielmehr über die Nähe zur Eigentümerfamilie, so die Erkenntnis von Professor Rudolf Wimmer, spiele der Faktor Sympathie eine weit wichtigere Rolle als anderswo. „Es wird bei den Azubis aber auch bei Hochschulabsolventen und Quereinsteigern sehr darauf geachtet, dass die Persönlichkeit zum Unternehmen passt.“

Genau diese Erfahrung hat Dirk Fuhse auch bei KPM gemacht. Sein erster Kontakt zu der Porzellanmanufaktur erfolgte über seinen früheren Arbeitgeber – der Luxusautomobilhersteller Bugatti verwendete für eine Sonderedition Porzellanelemente von KPM. Dirk Fuhse gefiel das Berliner Traditionsunternehmen auf Anhieb und weil „die Chemie stimmte und Blickrichtungen und Visionen in die gleiche Richtungen gingen“, lief das Einstellungsverfahren dann auch sehr schnell.

Neben der intensiven Mitarbeiterbindung und dem Stolz auf die Unternehmenstraditionen gibt es aber noch etwas, was die langlebigen Familienunternehmen eint: Wunsch und Wille zur Innovation. Collonil-Mitarbeiterin Pascale Schemensky: „Gelernte Prozesse zeitgemäß anzupassen, an neuen Lösungen zu arbeiten, um die traditionellen Werte in eine neue Zeit zu übertragen – darin liegt der Reiz an der Arbeit in einem etablierten Traditionsunternehmen.“ Auch Druckerei-Chefin Kristin Ahrens betont, wie wichtig es ist, den Betrieb zukunftstauglich zu halten. Ihr Rezept: „Gute Arbeitsorganisation, Teamarbeit und viel Fortbildung.“

Von der Marke Berlin profitieren

Für das Luxusgut KPM-Porzellan wiederum liegt die große Herausforderung in der Erschließung neuer Märkte. Daran arbeitet Dirk Fuhse intensiv mit. „In den USA, China, Russland und Japan besuche ich die Händler vor Ort und versuche mitzubekommen, welche Wünsche die Kunden haben. Unser Porzellan ist Luxus – aber sehr dezenter Luxus, der nicht auf den ersten Blick sichtbar ist wie etwa eine Uhr oder ein Auto. Auf dessen Wert muss man sich in manchen Kulturen erst zurückzubesinnen.“ Dirk Fuhse glaubt, dass das Wiedererstarken der Marke KPM seit der Übernahme durch den jetzigen Inhaber auch mit dem Aufstieg des Standortes Berlin zur globalen Attraktion zusammenhängt – „für KPM ist Berlin wahnsinnig wichtig“, sagt er.

Dass zum Markenkern der Metropole Berlin gegenwärtig eher die Start-up-Unternehmen zählen als Betriebe mit Geschichte sehen diese durchaus gelassen. Schwierigkeiten bei der Nachwuchssuche haben sie alle nicht. Und mitunter wird ein Unternehmen auch gar nicht als altehrwürdig wahrgenommen. Das gilt vor allem dann, wenn es den Spagat zwischen Tradition und Moderne schafft.

Dirk Fuhse jedenfalls hat die Erfahrung gemacht, dass in seinem Freundeskreis KPM gar nicht unter dem Label „Traditionsunternehmen“ abgespeichert war. Seine Erklärung: „Die trinken ihren Kaffee eben aus ganz modernem KPM-Porzellan.“