Erfolg im Handel

Praktiker gesucht: Im Verkauf geht es auch ohne Bachelor und Master

Die Chancen im Handel stehen gut. Die Branche zählt zu den größten Arbeitgebern. Wer hier landen will, muss nicht den Umweg über den Hörsaal nehmen. 80 Prozent der Führungskräfte haben eine Ausbildung.

Foto: Christian Kielmann

Alexander Matthes hat es versucht. Nach dem Abitur und zwei Jahren Dienst bei der Bundeswehr schrieb sich der Potsdamer an der Uni für den Studiengang Medizininformatik ein. „Ich habe mich gründlich über das Fach informiert“, sagt er. Trotzdem brach er nach einem Semester das Studium ab. „Es war einfach zu viel Theorie, das war nicht mein Fall“, weiß er heute.

Doch zum Glück hatte er einen Plan B in der Tasche: „Während der Schulzeit habe ich schon im Supermarkt gejobbt und auch parallel zum Studium als Aushilfe im Handel gearbeitet. Das Gebiet kannte ich demnach schon ein wenig.“ Also bewarb er sich für eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann bei der Handelskette Bio Company – und wurde sofort genommen.

Nach einer zunächst aufgrund seines Abiturs auf zweieinhalb Jahre verkürzten, später wegen individueller Leistungen sogar auf zwei Jahre reduzierten Lehre arbeitet er heute als Schichtleiter, der erste Schritt auf der Karriereleiter ist damit gemacht.

„Wir übertragen vielversprechenden jungen Leuten ganz bewusst schon früh Verantwortung“, betont Karen Koch, Leiterin der Abteilung Aus- und Weiterbildung bei der Bio Company. „Bei uns wird keiner alt und grau, bevor er befördert wird.“

Dass Alexander Matthes kein Studium absolviert hat, ist dabei kein Hindernis. Schließlich bildet er sich – parallel zum Job – derzeit zum Handelsfachwirt an der IHK weiter und erwirbt so das nötige theoretische Wissen für spätere Führungspositionen. „Meine Schichten werden extra so gelegt, dass die Teilnahme an Kursen und Prüfungen kein Problem ist“. so Alexander Matthes, der zufrieden mit der Unterstützung seines Arbeitgebers ist. Dass er sich 2009 frühzeitig aus dem Studienbetrieb verabschiedet hat, um im Handel zu arbeiten – für ihn war es damals wie heute die richtige Entscheidung.

Steigende Studentenzahlen, weniger Azubis

Karriere ohne Studium ist im Einzelhandel keineswegs eine Seltenheit, ganz im Gegenteil. Nach Angaben des Handelsverbands Deutschland (HDE) kommen rund 80 Prozent der Führungskräfte in der Branche aus den eigenen Reihen und gelangen über Aus- und Fortbildungen in höhere Positionen. Nur etwa jeder Fünfte habe seine Qualifikationen ausschließlich an einer Hochschule erworben.

HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Geth warnt ganz ausdrücklich vor der immer stärker werdenden Fokussierung auf eine akademische Ausbildung: „Abitur und Hochschulstudium sind nicht der einzige Königsweg zum Erfolg im Berufsleben.“ Angesichts der immer weiter steigenden Studentenzahlen und der oft rückläufigen Zahl an Bewerbern für Ausbildungsplätze wendet sich die Interessenvertretung des Einzelhandels dagegen, einseitig auf eine Akademisierung der Gesellschaft zu setzen und fordert gleichzeitig mehr Wertschätzung für das Aus- und Fortbildungssystem.

Wie gut das funktionieren kann, zeigt auch der Werdegang von Michael Klagge. Der Berliner stieg nach Schulabschluss und Zivildienst direkt in ein Abiturientenprogramm bei der Supermarktkette Kaiser’s Tengelmann ein, absolvierte die Lehre in zwei Jahren und machte wenig später den Abschluss als Handelsfachwirt. Über eine Reihe von Stationen als Filialleiter ist er heute, mit 31 Jahren, als Distriktmanager verantwortlich für 13 Filialen im Südwesten Berlins – eine steile Karriere.

Sicherer Hafen: Handel

„Mir war schon zu Schulzeiten klar, dass Organisation und Leitung Aufgaben sind, die mich interessieren. Gleichzeitig wollte ich mit Menschen zusammenarbeiten. Da ich außerdem ein zahlenaffiner Mensch bin, ist der Handel für mich genau das passende Berufsfeld.“ Dass Michael Klagge auch für Mitarbeiter verantwortlich ist, die doppelt so alt sind wie er selbst, erfordert einiges an Fingerspitzengefühl. „Den Respekt gestandener Mitarbeiter muss man sich verdienen, da hilft es, wenn man selbst eine Menge Praxiserfahrung mitbringt“, sagt er. Nur einen Hochschulabschluss zu haben, sei im Handel oft nicht genug. Seine Überzeugung: „Für Führungsaufgaben ist in unserer Branche ein intensiver Bezug zur Praxis notwendig.“

Mit Blick auf die Situation an den Hochschulen ist ein Nachdenken über solche Alternativen zum Studium durchaus sinnvoll. Voll und eng ist es dort, doppelte Abiturjahrgänge und die Abschaffung der Wehrpflicht führen zu Rekordzahlen: Rund 2,5 Millionen junge Männer und Frauen drängelten sich schon im letzten Wintersemester in den Hörsälen und Seminarräumen der 427 deutschen Universitäten, Kunst- und Fachhochschulen, den theologischen und pädagogischen Hochschulen sowie den Verwaltungsfachhochschulen.

Niemals zuvor hat ein so großer Anteil der Schulabgänger sein berufliches Heil in einer akademischen Ausbildung gesucht – gelockt von der durch den demografischen Wandel beförderten Hoffnung, später dank des Studiums vergleichsweise krisenfeste Jobs mit guter Bezahlung zu ergattern. Doch ob diese Rechnung aufgeht oder ob die aktuelle Studentenflut sich getreu der Schweinezyklus-Theorie auf eine Neuauflage der Akademikerschwemme wie in den frühen 1980er Jahren zubewegt, ist keineswegs ausgemacht.

Da erscheint der Handel manch einem als vergleichsweise sicherer Hafen, immerhin sind nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit im vergangenen Jahr in der Branche im Vergleich zum Vorjahr 23.000 neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze entstanden. „Der Handel ist nach wie vor ein Jobmotor“ wirbt Stefan Genth.

Im Kontakt mit Menschen

Mit rund drei Millionen Beschäftigten, davon 160.000 Auszubildenden in zusammen gut 400.000 Betrieben ist der Einzelhandel einer der größten Arbeitgeber in Deutschland. 428 Milliarden Euro Jahresumsatz verzeichnete der Verband im Jahr 2012. Auf eindrucksvolle 50 Millionen Kundenkontakte kommen die Verkäufer von allem, was die Warenwelt so hergibt, jeden Tag.

Dieser tägliche Kontakt mit den unterschiedlichsten Menschen ist es, der für Alexandra Dudey, die für die Schuhhandelskette Leiser die Filiale am Potsdamer Platz leitet, den Reiz ihrer Arbeit ausmacht. „In einer Stadt wie Berlin mit den verschiedensten Kulturen ist es super spannend, weil man nie weiß, wer der nächste Kunde ist.“ Ein anderer Pluspunkt ist natürlich das Produkt an sich. „Mal ehrlich – ich habe jeden Tag Hunderte Paar Schuhe um mich herum! Welche Frau träumt nicht davon?“, sagt sie augenzwinkernd.

Auch die 37-jährige Filialleiterin hat das Abitur gemacht. Dass ein Studium für sie aber nicht der richtige Weg sein würde, war ihr schon früh klar. „Nach dem Abitur haben viele meiner Mitschüler ein Studium begonnen, aber mich hat die Vorstellung, in einem überfüllten Lehrsaal zu sitzen, eher abgeschreckt. Ich wusste schon immer, dass ich auf jeden Fall eine Tätigkeit, wo ich täglich mit vielen Menschen Kontakt habe, ausüben möchte, weil ich einfach ein sehr kommunikativer Mensch bin. Da konnte ich mir einfach nicht vorstellen, die nächsten vier oder fünf Jahre über Büchern in einer Bibliothek zu verbringen.“

Beim Arbeitsamt sah sie eine Ausschreibung des Schuhhauses Leiser, bewarb sich um eine Lehrstelle zur Kauffrau im Einzelhandel und wurde prompt eingestellt. Nach der mit Auszeichnung bestandenen Ausbildung machte sie sich dann stetig auf den Weg nach oben. 2006 wurde Alexandra Dudey Abteilungsleiterin, drei Jahre später wurde ihr die Leitung der Filiale in Wilmersdorf angeboten, heute führt sie das Geschäft am prestigeträchtigen Potsdamer Platz.

Ohne den Willen zur Weiterbildung geht so etwas freilich nicht: „Im vergangenen Jahr habe ich zusätzlich noch meinen IHK-Ausbilderschein gemacht und seitdem bilde ich in der Filiale auch den Verkaufsnachwuchs aus“, sagt Alexandra Dudey. Sie ist überzeugt, dass der Handel auch Nichtakademikern ein weites Feld von Möglichkeit bietet: „Hier im Unternehmen ist eigentlich alles möglich, was man nicht zuletzt auch an meinem eigenen Beispiel sieht. Vom Auszubildenden bis zum Regionalleiter kann man wirklich die komplette Karriereleiter aufsteigen.“

Lernen in der Praxis

Sie selbst würde immer wieder den Weg über eine Ausbildung gehen. „Ich bin davon überzeugt, dass es auch heute, in Zeiten von Excel-Berichten und Power-Point-Präsentationen für eine Tätigkeit im Handel keine bessere Ausbildung gibt, als es einfach jeden Tag zu machen und den Beruf von der Pike auf` zu erlernen. Leider beobachten wir – wie andere Branchen auch – einen Rückgang der Bewerber auf einen Ausbildungsplatz, aber den Umgang mit Kundencharakteren und Produkten lernt man nun mal nicht auf der Hochschule.“

Nicht nur in puncto Praxiserfahrung sind sich die jungen Führungskräfte aus der Biobranche, dem Schuhhandel und dem Supermarktbereich einig, sie betonen unisono: „Wer im Handel Karriere machen will, die Fähigkeiten und den entsprechenden Einsatz an den Tag legt, bekommt auch die Möglichkeit.“