Modell Job-Sharing

Zwei Menschen, eine Stelle und viel mehr Zeit

Wer flexibel arbeitet ist seltener krank und schafft mehr. Das belegen Studien und erzählen jene, die es praktizieren. Im medizinischen Bereich ist Job-Sharing auf dem Vormarsch. Warum einer mehr von Vorteil sein kann.

Foto: Christian Kielmann

„18 VKs“ heißt es in den Unterlagen von Slawtscho Georgiev. „Vollkräfte!“, erläutert der Pflegedienstleiter im Vivantes Wenckebach-Klinikum und fügt hinzu, „dahinter verbergen sich aber nicht 18 Menschen, sondern viel, viel mehr.“ Bei den Berliner Psychologischen Psychotherapeuten oder Kassenärzten ist die Lage ähnlich. Auch bei ihnen arbeiten mehr Menschen als es Praxissitze gibt. Dahinter verbirgt sich kein Wunder der Mathematik, sondern ein flexibles Arbeitsmodell: Job-Sharing. So nennt man das, wenn sich zwei Menschen – manchmal auch mehr – eine Stelle teilen.

Zwei, die hinter diesen Zahlen stecken, sind Steffi Stahl und Anne-Christin Braun. Steffi Stahl fängt morgens immer erst um sieben Uhr an zu arbeiten. Wenn sie in ihren weißen Kasack schlüpft, haben sich ihre Kollegen schon ein Stückchen den 130 Meter langen Flur der Station entlang gearbeitet und die Vitalzeichen einiger Patienten überprüft, die hinter den breiten Türen liegen. Die 27-Jährige kommt eine Stunde später, aber das ist so in Ordnung, es ist abgesprochen. Während die anderen 39 Stunden arbeiten, ist Steffi Stahl nur 29 auf Station.

Der Grund dafür sitzt gerade auf ihrem Schoß und kaut auf einem Löffelbiskuit herum: die zweijährige Tochter Gina. Als sie auf die Welt kam, hat sich Stahl entschieden, nur noch in Teilzeit als Gesundheits- und Krankenpflegerin im Tempelhofer Vivantes-Klinikum zu arbeiten. Sie gönnt sich das, wie sie sagt: „Vorher habe ich viel öfter im Nachtdienst gearbeitet und dementsprechend Schichtzulagen bekommen. Das fällt jetzt weg, aber es lohnt sich“, sagt die Krankenschwester während sie ihre Tochter auf den Knien wippt. Neben ihr sitzt Anne-Christin Braun und nickt bestätigend mit dem Kopf. Man könnte sie als Stahls Job-Sharing-Partnerin bezeichnen, auch wenn man das bei Vivantes nicht so nennt. Sie arbeitet ebenfalls in Teilzeit auf Station 7 – Klinik für Innere Medizin, Geriatrie. Ihre Töchter Charlotte und Helene sind jetzt ein und vier Jahre alt.

Gründe dafür: Familie, Studium oder fehlende Praxissitze

„Jeder, der es sich leisten kann, sollte in Teilzeit gehen! Es ist wirklich eine Verbesserung der Lebensqualität“, sagt Anne-Christin Braun. Ihre Augen leuchten, die 28-Jährige wirkt frisch. „Es gibt so viele Leute, die viel arbeiten und überhaupt nichts mehr vom Leben haben – die wirken dann auch so: ganz schön fertig und ausgebrannt.“

Der Gesundheitsreport 2013 der Techniker Krankenkasse (TK) gibt Brauns Beobachtungen recht. So sind Frauen, die in Teilzeit sind, ab Mitte 30 seltener krank als jene, die Vollzeit arbeiten. Auch andere Studien belegen, dass der Krankenstand und die Fehltage sinken, wenn Menschen flexiblere Arbeitsmodelle praktizieren. Pflegedienstleiter Georgiev kann dem Job-Sharing-Modell ebenfalls viel Positives abgewinnen: „Ich habe so mehr Mitarbeiter, die ich einsetzen kann. Das ist praktisch, wenn jemand mal krank wird.“

Ein Modell für Klinikärzte?

Vor der Glastür lehnt ein Kollege von Anne-Christin Braun und Steffi Stahl an einem Wägelchen und geht mit einem Arzt die Kurve eines Patienten durch. Gerade ist Oberarzt-Visite. Während mittlerweile viele Krankenschwestern in Teilzeit arbeiten – und auch viele niedergelassene Kassenärzte Job-Sharing praktizieren – hat sich das Modell bei den Klinikärzten noch nicht so recht durchsetzen können. Von ihnen arbeiten momentan nur etwa zwischen acht und 15 Prozent in einem Job-Sharing-Modell.

Daran möchte Raphael Tsoukas etwas ändern. Gemeinsam mit seiner Kollegin Maren Bongartz hat er das Portal „Arzt in Teilzeit“ ins Leben gerufen, eine Partnerbörse. Die Inserenten suchen hier nicht die Liebe fürs Leben, sondern einen Kollegen fürs Job-Sharing. Schon während ihres Medizinstudiums waren Tsoukas und Bongartz die Missstände in deutschen Kliniken aufgefallen: Ärzte, die 80 Stunden in der Woche arbeiten und Überstunden anhäufen, die sie niemals abfeiern können. Hohe Krankenstände, wenig Flexibilität für junge Mütter und Väter. Es gibt viele Ärzte, die deshalb aus dem Beruf ausscheiden und lieber in die Beratung gehen.

„Wir haben uns gefragt, warum es bei Klinikärzten eigentlich kein Job-Sharing gibt“, sagt der 28-Jährige, der momentan noch an seiner Doktorarbeit schreibt. In Schweizer Kliniken sei das Modell keine Seltenheit, in Deutschland aber stecke es noch in den Kinderschuhen.

Und so gingen die beiden das Thema an, holten Meinungen ein und loteten die Lage aus. Bei den Chefärzten in den Kliniken rannten sie offene Türen ein: „Viele haben gesagt, dass die Männer und Frauen, die bei ihnen in Teilzeit arbeiteten, viel effektiver seien. Sie arbeiteten in der Kürze der Zeit oft genauso viel, wie diejenigen, die den ganzen Tag da seien“, sagt Tsoukas.

Arbeitnehmer kann fordern

Er ist nicht der einzige, der die Bedingungen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern will. Auch Frank Ulrich Montgomery, der bis 2007 Vorsitzender des Marburger Bundes war, fordert dies seit Jahren. Die Zeit ist reif, denn sie hat sich verändert. Jahrelang waren die Kliniken in einer komfortablen Situation: Ärzteschwemme, mehr Bewerber als Plätze. Man konnte sich die Leute aussuchen. Wer nicht voll arbeiten wollte, wurde aussortiert. Doch das ist heute anders. Gerade kleinere und mittlere Kliniken haben Probleme ihre freien Stellen zu besetzen. „Der Arbeitnehmer hat jetzt ganz andere Möglichkeiten, mit seinem Arbeitgeber zu verhandeln“, sagt Tsoukas. „Darin sehen wir unsere Chance, die Arbeitsbedingungen zu verbessern.“ Für den Herbst ist eine Neuauflage der Website geplant. Dann können sich die Kliniken dort ein Profil erstellen, um ihre freien Stellen zu annoncieren.

Gründe für das Job-Sharing gibt es viele. Bei den Berliner Psychologischen Psychotherapeuten ist es nicht immer ganz freiwillig, wenn sie sich für dieses Modell entscheiden. Hier stellt es für Berufsanfänger mitunter die einzige Möglichkeit dar, überhaupt in dem von ihnen angestrebten Beruf zu arbeiten. Denn die vorhandenen Praxissitze sind knapp. Viele finden jedoch Gefallen an dem flexiblen Arbeitsmodell.

Neben privaten haben manche Job-Sharer auch berufliche Gründe, in Teilzeit zu gehen: Manch einer fängt ein zweites Studium an, andere wiederum feilen an ihrer universitären Karriere und stürzen sich in die Forschung. Und letztlich profitieren von gut gelaunten Ärzten und Pflegern auch diejenigen, um die es eigentlich gehen sollte: die Patienten. Gina klatscht mit ihren Händchen auf den Tisch im Patientenzimmer. Sie will nach Hause. Und das kann sie auch. Schließlich ist heute Mamas freier Tag – dank Job-Sharing.