Ein Beruf für Reife

Gut ausgebildet, äußerst patent und sehr diskret

Arbeiten für Menschen, die es sich leisten können: Hausangestellte kümmern sich um den Alltag der anderen. Häufig sind Menschen gefragt, die Lebenserfahrung mitbringen und sich gerne weiterbilden.

Foto: Christian Kielmann

Die langen, braunen Haare im Nacken zu einem praktischen Zopf gebunden, macht sich Silvia Ginder um sieben Uhr morgens an die Arbeit. Erst bereitet sie das Frühstück, dann kutschiert sie die Kinder in die Schule. Bis zum Mittagessen muss der Hund Gassi gehen, der Mercedes soll in die Werkstatt und der Handwerker, der die Beleuchtung im Garten reparieren muss, wartet auf Anweisungen. "Ich kann alles, nur von der Elektrik lasse ich die Finger", sagt Ginder. Die jugendliche Endvierzigerin arbeitet für Menschen, die es sich leisten können, nicht nur ihr, sondern meist auch einem Gärtner und einer Nanny ein festes Monatsgehalt von 2300 bis 2800 Euro dafür zu bezahlen. Damit sie ihnen die Dinge des Alltags abnehmen. Wie die Familie heißt, für die sie arbeitet? Kein Kommentar. "Diskretion ist das A und O in diesem Beruf", sagt Silvia Ginder.

Englischkenntnisse gefragt

Was meist als Handicap gilt, ist in dieser Branche gewünscht: Hier sind Frauen um die 50 gefragt, Frauen mit Erfahrung. Ginder weiß, dass Marmorbäder nur mit einem nebelfeuchten Tuch gereinigt werden, wie man Kaschmirmäntel pflegt und welcher Wein am besten zu welchem Käse schmeckt. Wenn sie von einem Metier einmal keine Ahnung hat, wird eben recherchiert. "Man muss sich ständig weiterbilden", sagt sie. Weil in dem Haus neben Deutsch und Holländisch auch Englisch gesprochen wird, hat Silvia Ginder eine Abendschule besucht und ihre Englischkenntnisse aufgefrischt. "Hier sind häufig Menschen aus aller Welt zu Gast, da muss man sich schließlich ausdrücken können."

Reiche Privathaushalte leisten sich gerne Hauspersonal – bevorzugt mit einer guten Ausbildung. "Der Verdienst richtet sich immer danach, wo man arbeitet und für wen", sagt Sebastian Hirsch. Der Berliner ist die Schnittstelle zwischen Angebot und Nachfrage. "Butler for you" heißt seine Agentur, der Name sagt alles. "Ich vermittle Profis für exklusive Haushalte – in Vollzeit", sagt der 35-Jährige. Die Geschäftsidee entstand in London, wo Hirsch einige Jahre als Catering Manager für einen Investmentfonds arbeitete. Er organisierte Köche, Kellner und Schulungen für das Personal. Manchmal hieß es aus der Geschäftsleitung: "Herr Hirsch, können Sie mir nicht eine Nanny besorgen?" Herr Hirsch konnte. Er war so gut, dass er bald viele Leute vermittelte: Chauffeure, Kindermädchen, Köchinnen, Hausdamen, Haushälter-Ehepaare; erst in Großbritannien, später weltweit. Erst kürzlich war Hirsch in die Finca eines Kunden auf Mallorca eingeladen, um sich ein Bild von einem Arbeitsplatz zu machen. Selbst nach Kanada hat der Berliner schon vermittelt.

Für Arbeitssuchende ist die Aufnahme in Hirschs Kartei kostenlos. Um sicherzustellen, dass das Personal hundertprozentig auf die zu besetzende Stelle passt, führt Hirsch, nachdem er Lebenslauf und Referenzen der Anwärter geprüft hat, ein erstes persönliches Gespräch. "Auch beim zweiten Vorstellungsgespräch mit dem Kunden bin ich häufig dabei", sagt der Berliner, der die Eigenarten vieler Kunden gut kennt.

Chancen für Quereinsteiger

Die wenigsten Hausangestellten haben ihre Karriere geplant. Silvia Ginder zum Beispiel war früher Restauratorin. Doch der Branche ging es nicht gut nach der Wende. Sie verlor ihre Festanstellung, für eine Selbstständigkeit fehlte ihr der Mut. Auch ein Stipendium in einer renommierten Schule für Restauration in der Toscana hat Silvia Ginder schweren Herzens sausen lassen. "Wir hatten gerade ein Haus gebaut, es gab Raten zu zahlen. Ich hätte in der Zeit ja nichts verdient", erklärt sie.

Also sprang die gelernte Malerin und Lackiererin bei ihrem Schwiegervater ein, der als Hausmeister in einer gehobenen Wohnanlage arbeitete. Dort lernte sie ihren ersten Arbeitgeber kennen, eine wohlhabende Familie, die sich in Babelsberg eine Villa gekauft hatte. In ihren Job wuchs sie sprichwörtlich hinein: Zunächst hatte sie mal einen Zaun gestrichen und den Hund ausgeführt, dann wird sie für einen Tag in der Woche gebucht, irgendwann für zwei. Nach zwei Jahren arbeitet sie Vollzeit für die Familie und ist verantwortlich für den gesamten Haushalt. Und wenn weiteres Personal eingestellt werden soll, ist auch ihre Meinung gefragt.

Chauffeur, Hausmeister und Personenschützer

Auch Michael Modenberg, eigentlich Lehrer für Sport und Geschichte, hätte es kaum für möglich gehalten, dass er einmal als Hausangestellter arbeiten – und diesen Job lieben würde. Als sein Ost-Studium nach der Wende nicht vollständig anerkannt wurde, mischte er seine Karten einfach noch einmal neu und ging ins Gastgewerbe. Als gelernter Hotelfachmann kam er auch mit dem Personenschutz in Berührung, "ein interessantes Gebiet", wie er fand. Sein erster Arbeitgeber schickte ihn für drei Monate zu einer Bodyguard-Schule in die USA, wo er nicht nur lernte, wie man Schusswaffen bedient, sondern auch, wie man mögliche Gefahren wittert und in brenzligen Situationen Auto fährt. Wissen, das er regelmäßig in Weiterbildungen auffrischt, obwohl er es hier in Deutschland bisher so gut wie nie anwenden musste.

Heute arbeitet er als Chauffeur, Hausmeister und Personenschützer. Mit dem Klischee des Anzugträgers mit einer Hand an der Knarre, wie man ihn aus dem Kino kennt, hat er nichts gemein. Kinder mögen den "Michi", den aufgeschlossenen Mann mit dem fröhlichen Blitzen in den Augen. Der Anzug hängt die meiste Zeit im Schrank. "Gehobene Freizeitkleidung", wie es im korrekten Jargon heißt, ist die Arbeitskluft des 43-Jährigen.

Seinen Arbeitstag beginnt er damit, dass er die Kinder in die Schule bringt. Dann fährt er den Herrn des Hauses ins Büro, anschließend begleitet er die Dame des Hauses bei ihren Besorgungen oder bringt sie zu ihrer Arbeitsstelle. "Wenn mal keiner gefahren werden will, legt man natürlich nicht die Füße hoch", sagt Michael Modenberg. "Die Arbeitgeber wollen nicht nur einen Fahrer, sondern auch jemanden, der einmal den Rasen mäht oder den Hund ausführt." So kontrolliert er schon mal die Hausaufgaben des Sohnes und ist sogar in der Lage, Essen zu kochen, wenn der Koch frei hat. Spät am Abend macht er "den letzten Gang", kontrolliert, ob die Alarmanlage eingeschaltet ist und alle Fenster und Türen geschlossen sind. Wenn der Hausherr verreist ist und die Dame des Hauses sich alleine fürchtet, bleibt er in einem Gästezimmer über Nacht. "Der Kreis schließt sich", sagt der Profifahrer. "Ich freue mich, dass ich alles, was ich früher in meinem Leben gelernt habe, jetzt anwenden kann." Auch die Bezahlung stimmt: Zwischen 3000 und 6500 Euro brutto hat er bisher monatlich verdienen können.

40-Stunden-Woche

Im Ausland arbeiten, von der Gratis-Dienstwohnung den Blick auf den Genfer See genießen und mit den Kindern der Familie Segeln gehen – ein Leben als Nanny hat zweifellos seine Reize. "Schon als kleines Mädchen habe ich mich in diesem Beruf gesehen", sagt Katja Westphal, die eigentlich anders heißt aber mit ihren Namen nicht in der Zeitung stehen darf. "Ich bin die sportliche Nanny, die viel mit den Kindern unternimmt, sie fördert und unterstützt."

Schon früh hat Katja Westphal ihren Werdegang daher auf diesen Job ausgerichtet: Mit 16 lernte die Kölnerin Erzieherin, dann folgte eine Hauswirtschaftsausbildung in einem Internat. "Diese Ausbildungen alleine macht einen noch lange nicht zu einer gefragten Kandidatin", sagt die 35-Jährige. Eine Nanny sollte mindestens ein Musikinstrument beherrschen und gute Umgangsformen haben. "Weil ich aus einer Akademikerfamilie komme, in der ich gut gefördert wurde, hatte ich es in dieser Hinsicht leicht", sagt sie. Vor allem Sprachkenntnisse sind heute gefragt. "Viele Familien wollen, dass ihre Kinder mit einer Fremdsprache aufwachsen." Also erwirbt Westphal gerade ein Zertifikat in Oxford-English. Eine Nanny mit ihren Fertigkeiten kommt schon mal auf 3500 Euro Gehalt im Monat.

Wer in der Branche viel Geld verdienen möchte, muss hart arbeiten: Der Arbeitsvertrag beläuft sich in der Regel auf 40 Stunden in der Woche. Doch dabei bleibt es oft nicht. Extrastunden werden natürlich auch extra vergütet. "Wenn man mich fragt, ob ich noch länger bleiben kann, sage ich niemals nein", sagt Silvia Ginder. "Es macht mir ja auch Spaß, gebraucht zu werden."

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