Gehaltsvergleich

Beim Gehalt zählt nicht der gesellschaftliche Nutzen

Im Gehaltsvergleich mit anderen Akademikern liegen Sozialpädagogen weit hinten. Und sind Zahnmediziner wirklich Spitzenverdiener? Was der Lohnspiegel-Vergleich noch so alles offenbart

Foto: Christian Kielmann

Konfliktfähigkeit, Belastbarkeit, Flexibilität, Kontaktstärke, Empathie – lauter wichtige Softskills für Führungskräfte, die in Stellenanzeigen regelmäßig verlangt werden. Jürgen Schaffranek bringt sie täglich im Job ein.

Allerdings bekleidet der 54-jährige Berliner keineswegs einen hoch dotierten Managementposten. „Juri“ – wie seine Klienten ihn nennen – arbeitet als Streetworker. Im Berliner Problem-Stadtteil Neukölln kümmert er sich um junge Menschen, um die sich sonst niemand kümmert: Jugendliche ohne Ausbildung, ohne Job, ohne feste Wohnung, überschuldet, vorbestraft, psychisch krank oder drogenabhängig. Sein Auftrag: Das Vertrauen der jungen Menschen zu gewinnen, ihre Verweigerung und Resignation aufzulösen und ihnen eine Perspektive für ihr weiteres Leben aufzuzeigen.

Jürgen Schaffranek arbeitet für Gangway, einen gemeinnützigen Verein, der vom Berliner Senat und den Bezirksämtern finanziert und durch private Spenden unterstützt wird. Wie die meisten seiner 70 Kollegen hat auch er Sozialpädagogik studiert und sich im Laufe der Jahre laufend weiterqualifiziert, unter anderem im Bereich Rausch- und Risikopädagogik. Offiziell arbeitet Schaffranek 39 Stunden pro Woche, doch Streetworker haben keine starren Sprech- oder Öffnungszeiten und somit keinen geregelten Feierabend. „Juri“ ist oft abends oder nachts im Einsatz, sein Handy schaltet er eigentlich nie ab.

Die Gesellschaft profitiert

„Die Arbeit ist psychisch und physisch sehr belastend, andererseits aber auch sehr erfüllend“, sagt er. Und auch die Gesellschaft profitiert, wenn potenzielle Azubis, Studenten, Renten- und Steuerzahler dank der Arbeit des Streetworkers ihr Leben nicht auf der Straße vergeuden oder gar für Tagessätze von bis zu 400 Euro in Heimen oder Haftanstalten landen.

Dass sich der gesellschaftliche Nutzen nicht im Gehalt der Sozialarbeiter spiegelt, ist kein Geheimnis. Gangway bezahlt seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Anlehnung an den Tarifvertrag der Länder TV-L, mehr gibt das Budget nicht her: Mit seinem aktuellen Bruttogehalt von rund 3300 Euro bewegt sich Schaffranek nach 25 Jahren im Job bereits am oberen Ende der tariflichen Gehaltsskala.

„Ich habe diesen Beruf aus Überzeugung gewählt und nicht des Geldes wegen“, sagt er. Im Schnitt verdienen Sozialpädagogen rund 2800 Euro monatlich, zeigt die Lohnspiegel-Datenbank vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut WSI der Hans-Böckler-Stiftung. Am besten bezahlt werden sie mit knapp 3250 Euro bei Behörden oder Sozialversicherungsträgern. Am unteren Ende liegen Jobs in der Erwachsenenbildung oder an weiterführenden Schulen mit knapp 2450 Euro.

Die vorderen und hinteren Ränge

Im Gehaltsvergleich mit anderen Akademikern liegen Sozialpädagogen jedoch weit hinten. Ähnlich schlecht bezahlt sind nur noch Architekten und Bauingenieure, die oft in kleinen Büros oder auf Honorarbasis arbeiten. Zu den Spitzenverdienern zählen laut WSI hingegen Elektro-, Wirtschafts- und Maschinenbauingenieure mit mittleren Einstiegsgehältern von knapp 4000 bis 4600 Euro.

Auch Diplom-Kaufleute, IT-Berater und Juristen finden sich auf den vorderen Rängen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW in Berlin. Gemessen am Nettostundenlohn führen hier Zahnmediziner und Mediziner die Gehaltstabelle an. Auch ein Universitätsabschluss in Betriebswirtschaft, Jura oder Wirtschaftsingenieurwesen zahlt sich – insbesondere für Männer – aus.

Diese Studienfächer qualifizieren für eine klassische Konzernlaufbahn, am besten in einer Branche, die von wenigen großen Unternehmen dominiert wird, wie Pharma- oder Luftfahrtindustrie. Große Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern zahlen nach Angaben der Hamburger Vergütungsberatung Personalmarkt bis zu 50 Prozent mehr als kleine. „Große Unternehmen sind bei großen Aufträgen unter sich“, erklärt Geschäftsführer Tim Böger.

Was beim Gehalt zu Buche schlägt

Kleine Unternehmen würden bei lukrativen Großaufträgen oft gar nicht erst angefragt oder könnten die strengen Vorgaben der Auftraggeber in Bezug auf Qualitätssicherung und Dokumentation nicht erfüllen. Die Großen können deshalb höhere Preise durchsetzen und entsprechend höhere Gehälter zahlen. Neben der Unternehmensgröße schlagen zudem Berufserfahrung und Personalverantwortung positiv beim Gehalt zu Buche.

Dass ausgerechnet die Zahnärzte laut DIW Spitzenreiter beim Verdienst sein sollen, passt eigentlich nicht ins Bild. Schließlich beschäftigen sie in der Regel nur wenige Mitarbeiter oder arbeiten selbst als Angestellte in einer kleinen Praxis. Und die Konkurrenz um Aufträge ist groß: Alleine in Berlin gibt es mehr als 3000 Zahnarztpraxen, rein statistisch kommt bundesweit auf jeden niedergelassenen Zahnarzt nur ein kleines Dorf mit 1500 Einwohnern.

Trotzdem kämen die meisten passabel bis gut über die Runden, einige wenige auch sehr gut, heißt es bei der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung KZBV in Berlin. Jeder zweite Praxisinhaber verfügt laut KZBV über ein Bruttoeinkommen (Differenz aus Umsatz und Kosten) von rund 112.000 Euro pro Jahr oder sogar mehr.

Dafür hat die Arbeitswoche aber auch mehr als 47 Stunden und das unternehmerische Risiko ist hoch: In eine neue Praxis investieren Zahnärzte im Schnitt 429.000 Euro, für die Übernahme einer bestehenden Praxis fallen fast 300.000 Euro an. Kein Wunder, dass junge Zahnmediziner sich immer öfter zunächst fürs Angestelltendasein entscheiden – und nicht für eine eigene Praxis.

Zeit für Weiterbildung

So wie Juliane Gnoth: „Es gibt heute viel mehr Möglichkeiten, seinen Beruf auszuüben, deshalb lasse ich mir mit dem Schritt in die Selbstständigkeit lieber Zeit“, sagt die 31-jährige Zahnmedizinerin, die in einer Berliner Praxis eine Teilzeitstelle hat. 2500 Euro verdient sie brutto und arbeitet dafür 25 Stunden pro Woche.

Den zeitlichen Freiraum nutzt sie für ein Weiterbildungsstudium zur Spezialistin für Kiefergelenkserkrankungen, außerdem engagiert sie sich im Vorstand der Zahnärztekammer Berlin. Mit ihren Verdienstmöglichkeiten ist Juliane Gnoth zufrieden: „Als Zahnärztin finde ich überall in Deutschland eine Stelle und kann mich selbst oder sogar eine Familie ernähren“, sagt sie.

Auch der Wert ihrer Arbeit lässt sich klar beziffern: „Am Ende des Tages wissen meine Chefin und ich stets, was ich alles für die Praxis geleistet habe.“ Das stärkt bei Bedarf die Verhandlungsposition.