Praktikum

Bauen, sanieren, die Zukunft planen

Nach dem Studium noch ein Praktikum machen? Für die jungen Absolventen im Architekturbüro Anne Lampen ist das keine Einbahnstraße. Die Architektin übernimmt viele ihrer Praktikanten

Foto: Dagmar Trüpschuch

Wer weiß, was hier abgeht? Das ist der erste Gedanke, den Nikita Suerhoff hat, als er das Architekturbüro Anne Lampen betritt und ihm der Architekt York als einziger Kollege vorgestellt wird. Seine anderen Kollegen – elf Frauen, Chefin Anne Lampen inbegriffen. Mittlerweile weiß der 26-Jährige, was abgeht.

Lockere Stimmung, mit der Chefin auf Du. „Das Team passt total gut zusammen, alle können miteinander lachen, ich komme jeden Tag gerne zur Arbeit.“ Große Worte für einen jungen Praktikanten, der ja, soweit das Vorurteil, zum Kaffeeholen geschickt und schlecht bis garnicht bezahlt wird.

Doch der Arbeitsalltag von Nikita Suerhoff sieht anders aus. „Ich gehe zum Aufmessen, beteilige mich an Wettbewerben, nehme an Baubesprechungen teil und übertrage Entwurfsskizzen in den Computer“, erzählt er. „Anne schubst mich in alles rein und ich muss sehen, wie ich zurecht komme.“ Er schätzt das Vertrauen, das ihm entgegengebracht wird. „Natürlich tappe ich auch in Fallen“, sagt er. „Aber wenn nach dem Aufmessen dann auf dem Plan fünf Quadratmeter fehlen, werde ich nochmal zurückgeschickt.“

Sinn eines Praktikums

Aus Fehlern lernen, Praxis sammeln – das ist Sinn und Zweck eines Praktikums. Gerade in Zeiten des als verschult geltenden Bachelor-Studiums, das der junge Praktikant im letzten Jahr abgeschlossen hat. Der Münsteraner sucht nach bestandener Prüfung eine interessante Praktikumsstelle, will der Liebe wegen nach Berlin und wird auf die Praktikumsausschreibung auf der Webseite vom Architekturbüro Lampen aufmerksam.

„Nachhaltiges Bauen, bewusster Umgang mit Materialien, spannende Bauprojekte. Das hat mich sofort angesprochen. All das, was man im Studium gerne macht und von dem die Professoren sagen, dass es in der Realität kaum durchzusetzen sei.“ Der entschlossene junge Mann schickt eine Bewerbung ab, wird zum Vorstellungsgespräch eingeladen und überzeugt Architektin Anne Lampen von seiner Kreativität. Die man als Praktikant in einem Architekturbüro durchaus braucht.

Ein Highlight für den 26-Jährigen ist es, wenn er zusammen mit der Chefin an einer kniffeligen Frage tüftelt und seine Ratschläge berücksichtigt werden. „Das gibt mir ein großes Wertschätzungsgefühl.“ Mittlerweile ist Nikita Suerhoff sechs Monate dabei, gerade wurde sein Praktikantenvertrag bis Ende August verlängert. Ob er denn von dem Praktikantengehalt leben könne, ist die Frage. Er grinst. „Klar, so wenig ist es auch nicht.“ Gerade hat er eine Lohnerhöhung bekommen.

Büro mit Klebe-Effekt

Büro Anne Lampen scheint einen Klebe-Effekt auszuüben. Wer einmal kommt, der geht nicht mehr. Fast alle Architektinnen, die hier arbeiten, haben als Praktikantinnen angefangen. So auch Susann Belitz. „2003 habe ich mein Diplom an der Technischen Universität Berlin gemacht und seit 2004 bin ich hier bei Anne Lampen“, erzählt die 36-jährige Mutter von zwei Kindern.

Susann Belitz findet nach ihrem Abschluss keinen Job und wird über das Arbeitsamt im Rahmen des Programms „Absolventenpraktikum“ an das Kreuzberger Architekturbüro vermittelt, tiefster Kiez, zweiter Hinterhof, vierter Stock ohne Aufzug, rechts. Die Absolventin wird in hellen, sonnigen Räumen empfangen. „Superfamiliär, freundliche Arbeitsatmosphäre“, so beschreibt sie ihren ersten Eindruck. Das ist nun zehn Jahre her.

Nach dem Praktikum wird sie als freie Mitarbeiterin beschäftigt, seit 2006 gehört sie zum fest angestellten Team. „Ich weiß es zu schätzen, dass es mir ermöglicht wird, Job und Familie unter einen Hut zu bringen“, sagt sie. Zurzeit arbeitet sie 30 Stunden die Woche, von neun bis 16 Uhr. Zeit genug, sich nach Feierabend noch um die sechs- und zwölfjährigen Kids zu kümmern, ohne darauf verzichten zu müssen, eigene Bauprojekte zu leiten.

Nachhaltiges Bauen

Ihr Arbeitsalltag ist abwechslungsreich, auch durch die verschiedenen Projekte: behutsame Altbausanierung, Planung und Bau energieeffizienter Naturhäuser, Townhouses, Neugestaltung von Kindertagesstätten und Seniorenwohnheimen. Und im Mittelpunkt immer: die Nutzung natürlicher Energien und die Verwendung von biologisch unbedenklichen Stoffen. Eine berufliche Herausforderung mit hohem ökologischen Anspruch.

Ihre Aufgaben: Projektbetreuung, Protokolle schreiben, die Planung ausarbeiten, Zeichnungen kontrollieren, Termine organisieren und wahrnehmen. Die Entwürfe jedoch würden alle von der Chefin selbst erstellt. „Ich muss die Entwurfsidee dann soweit übertragen, dass sie nach dem Bau noch genauso aussieht.“ Genau wie Nikita Suerhoff, kommt auch sie gerne zur Arbeit. Immer noch. „Das Arbeitsklima stimmt.“

Zur Mittagszeit wird meist in der offenen Büroküche gekocht, später gemeinsam gegessen. Auch Nikita Suerhoff muss den Kochlöffel schwingen. Er wird halt zu allen Arbeiten herangezogen. Er kann sich vorstellen, später mal ein eigenes Büro zu führen. Aber erst will er noch den Master machen. Er hofft, noch länger im Team Lampen bleiben zu können. „Ich weiß schon, dass ich ein Praktikum mache“, sagt er nachdenklich. „Doch durch die Akzeptanz der Kollegen sehe ich mich eher als Mitarbeiter.“ Er lacht, fährt fort: „Aber bei der Abrechnung sehe ich dann schon, dass ich der Praktikant bin.“