Ein Digital Native erzählt, was seine Generation vom Leben will

Philipp Riederle fing mit 13 Jahren an, in einem eigenen Podcast Smartphones zu beschreiben. Heute ist er 18, berät Firmen und erzählt wie seine Generation so tickt

Foto: Lukas Papierak / privat

Ein Graben zieht sich quer durch Deutschland. Er teilt nicht Ost und West voneinander, arm von reich, sondern Generationen. Er trennt Eingeborene von Immigranten – und das Merkwürdige in diesem Fall ist, dass die Immigranten schon viel länger da waren als die Eingeborenen.

Die Kluft, die sich da aufgetan hat, besteht aus Vorurteilen, Missverständnissen und jeder Menge Bits and Bytes: Auf der einen Seite stehen diejenigen, die entsetzt beobachten, wie ihre Kinder langsam in den Smartphones verschwinden. Auf der anderen Seite tippen die Digital Natives, die das Wissen der Welt in ihrer Hosentasche tragen. Einer von ihnen ist Philipp Riederle.

Er könnte einer sein, den Soziologen in 150 Jahren gerne zitieren werden, wenn sie versuchen zu erklären, was damals eigentlich passiert war. Damals, als die analoge auf die digitale Welt traf. „Ja, was passiert da eigentlich?“ Das wollen auch Unternehmen wie Audi, SAP oder Mc Donalds von Riederle wissen. „Wie tickt ihr eigentlich? Wer ist eure Generation? Was wollt ihr?“ Antworten darauf hat der Abiturient in den letzten Jahren oft auf Podiumsdiskussionen gegeben und nun ein Buch darüber geschrieben.

Es geht um Wertewandel

„Es geht hier nicht einfach nur um Facebook, Twitter und Co., es geht um mehr“, sagt der 18-Jährige. „Es geht um einen Wertewandel.“ Viele der Firmen, die ihn als Keynote-Speaker oder Berater buchen, bekommen diesen zu spüren. Trotz klingender, großer Namen haben sie mitunter Probleme, Bewerber zu finden und junge Menschen im Unternehmen zu halten.

Riederle weiß warum: Seine Generation, die Generation Y, kann mit verstaubten Arbeitsritualen nichts mehr anfangen. Warum im Büro hängen, wenn man die gleiche oder bessere Arbeit auch von zu Hause erledigen könnte? Ihnen sind Status, Macht und Geld nicht mehr so wichtig. Sie haben keine Lust mehr, so Riederle, sich im bürokratischen System Hierachieebene um Hierarchieebene emporzuarbeiten. „Wir wollen lieber etwas machen, das uns ein Glitzern in die Augen zaubert, etwas, das sinnhaft ist und womit wir uns verwirklichen können.“

Flapsiges und Sloterdijk

Sich selbst verwirklichen. Das ist genau das, was der junge Mann aus Bayerisch-Schwaben tut, seitdem er 13 Jahre alt ist. Damals fing er an, anderen die Welt seines Smartphones zu erklären – erst aus dem Kinderzimmer, später professioneller aus dem Partykeller seiner Großeltern, HD-Kamera und Greenscreen inklusive: „Mein iPhone und ich“ heißt sein Video-Podcast, der innerhalb kürzester Zeit mehr Interessenten hatte als Angebote großer Medienhäuser. Mittlerweile hat „Phipz“ wie er sich in seinem Podcast nennt seine eigene Beratungsfirma („Phipz Media“), eine Agentin – und seit zwei Wochen das Abitur in der Tasche.

„Ich bin ein ganz normaler Jugendlicher, der sich mit Freunden trifft und freitags vielleicht auch mal zu tief ins Glas guckt“, sagt Riederle, dem das Factsheet seiner Agentur über das „normal“ hinaus noch die Attribute Podcaster, Entrepreneur und Keynote-Speaker zuschreibt. Er habe einfach das riesige Glück gehabt, dass man auf ihn aufmerksam geworden sei – und er nun zu den Machern aus der Wirtschaft sprechen dürfe.

Das klingt dann mitunter so: „Wir (die Digital Natives) sind ständig miteinander vernetzt, quasseln uns in Bus und Bahn die Zunge franselig, twittern und posten, bis der Digital Immigrant kommt und uns an die guten Manieren erinnert. Jou, Alter! Aber zweimal in der Woche am Stammtisch rumhängen, zum Fußballspiel gehen und dann genauso dummes Zeugs quasseln, das ist natürlich ok“.

Flapsiges steht bei Riederle neben ernsthaften Überlegungen. Er jongliert mit Zitaten von Peter Sloterdijk, zitiert Sonette von Rainer Maria Rilke und untermauert seine Beobachtungen mit Aussagen von Marshall McLuhan, Friedrich Kittler oder Neil Postman – Denkern also, die dem normalen Studenten der Kommunikationswissenschaft meist erst im ersten oder zweiten Semester über den Weg laufen.

Zurück zum gesunden Maß

Riederle ist Digital Native, aber keineswegs digital naiv. Er sieht nicht nur die Sonnen-, sondern auch die Schattenseiten der digitalen Welt mit ihren Amanda Todds – der jungen Kanadierin, die sich mit 15 Jahren wegen Cyber-Mobbings das Leben nahm. „Seinen Kindern den Zugang zur digitalen Welt zu verwehren, ist aber auch keine Lösung“, sagt der 18-Jährige. Denn was verboten sei, tue man heimlich – und dann auf Abwege zu geraten, sei leichter, als wenn man mit Erwachsenen darüber sprechen könne.

Er rät den Eltern außerdem zu Geduld. Die Zeit, in der ihre Kinder vor den neuen Medien hängen, werde sich irgendwann auf ein gesundes Maß einpendeln. Das war bei ihm auch so: „Man kann sich auf dem Smartphone seine Nutzungszeit anzeigen lassen. Als ich das gemacht habe, war ich ziemlich schockiert. Das war viel Zeit. Wirklich viel“, sagt Riederle.

Mittlerweile gebe es sogar Tage, an denen er sein iPhone gar nicht in die Hand nimmt. Und wenn er wandert, begibt sich Riederle sogar in die digitale Steinzeit. Zu erreichen ist er dann nur über einen „alten Nokiaknochen“.