Denkmalschutz lernen

Leben und Arbeiten in einer Jugendbauhütte

In den 13 Jugendbauhütten in Deutschland können Jugendliche die verschiedenen Berufe rund um Handwerk und Denkmalschutz kennenlernen. Unter Anleitung lernen sie werterhaltende Arbeit schätzen.

Um neun Uhr morgens sind bereits alle ausgeflogen. Ruhe ist in das alte Fachwerkhaus im Herzen der Stadt Quedlinburg eingekehrt. Die Jugendlichen, die hier zusammen den Haushalt schmeißen, sind zur Arbeit gegangen – auf die Baustelle, in die Werkstatt oder ins Museum. Sie kommen aus Niedersachsen, Hessen oder Italien, sie sind 16 bis 26 Jahre alt, Abiturienten sowie Haupt- und Realschüler, engagieren sich in der Denkmalpflege und absolvieren ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in der Jugendbauhütte Quedlinburg. Für genau ein Jahr leben die acht Jungen und Mädchen unter dem Dach der „Pölle 5“.

Das Jugendhaus, das nach seinen Stiftern auch Linhard-Haus genannt wird, war das erste Projekt, das die Pioniere der Jugendbauhütten 2003 fertigstellten und bezogen. Die Idee der Jugendbauhütten kam 1999 von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD), die sich von jeher dafür einsetzt, Jugendliche für Baudenkmale zu begeistern. Denn es sind die folgenden Generationen, die dafür sorgen müssen, dass Gebäude auch noch in hundert Jahren von vergangenen Zeiten erzählen können, so der Ansatz.

Die Stiftung holte sich als Projektpartner die Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (ijgd) ins Boot, ein Bildungsträger, der unter anderem das Freiwillige Soziale Jahr organisiert. Gemeinsam traten sie an, Jugendlichen die Chance zu geben, am originalen Denkmal unter fachlicher und pädagogischer Anleitung die Berufsfelder der Denkmalpflege kennenzulernen.

Die Idee hinter den Jugendbauhütten

Seitdem können jährlich bis zu 300 Jugendliche zwischen 16 und 26 Jahren ihr Freiwilliges Soziales Jahr oder den Bundesfreiwilligendienst in einer der 13 Jugendbauhütten verbringen, in denen sich jeweils bis zu 25 Jugendliche beruflich ausprobieren können. 390 Euro Taschengeld erhalten sie monatlich.

Die Finanzierung des Projekts speist sich aus verschiedenen Quellen. Der größte Teil kommt über die Deutsche Stiftung Denkmalschutz. „Die Jugendbauhütten sind eine Erfolgsgeschichte“, resümiert Silke Strauch von der DSD. Sie ist eine der Pionierinnen der Bewegung. „Waren es am Anfang 17 Freiwillige, haben heute schon 4000 Jugendliche für den Denkmalschutz gearbeitet.“

Die Idee der Jugendbauhütten ist nicht neu. Vorbild sind die mittelalterlichen Bauhütten, in denen Handwerker und Lehrlinge gemeinsam Kathedralen errichteten. Der Neuling wurde in die Kunst der Handwerkstechniken eingewiesen, indem die Alten ihr Wissen an die Jungen weitergaben. Dem Original am nächsten kommt die Jugendbauhütte Quedlinburg. Hier leben die Jugendlichen gemeinsam unter einem Dach, auf den Einsatzstellen arbeiten sie Hand in Hand mit Meistern und Gesellen.

Erste Wege in die Selbstständigkeit

Die „Pölle 5“ ist ein modernes Haus in altem Gemäuer. Mareike, Mara, Jana, Claudia und Philipp sind das erste Mal von zu Hause weg und machen hier ihre ersten Schritte in die Selbstständigkeit. Sie kochen gemeinsam, stellen Putzpläne auf, stellen den Wecker, um morgens pünktlich auf ihrer Arbeitsstelle zu erscheinen. „Ich schaue nach dem Rechten“, sagt Andrea Friedrich vom ijgd LV Sachsen-Anhalt e.V. und Leiterin der Jugendbauhütte Quedlinburg. „Ich bin Ansprechpartnerin für all die großen und kleinen Probleme. Das Haus ist zwar selbstverwaltet, aber die Jugendlichen kommen meist frisch von der Schule, so ganz allein funktioniert das noch nicht.“ Die pädagogische Begleitung der Jugendlichen sei ein wichtiges Element des Projekts.

Mara, 19, und Mareike, 18, fühlen sich sehr wohl in ihrer „Hütte“. „Ich wollte mal von zu Hause weg und neue Leute kennenlernen“, sagt Mara und schaut von ihrer Arbeit auf. Wie ihre Freundin Mareike reizte sie die Idee, in einer Wohngemeinschaft zu leben und einmal handwerklich zu arbeiten. Morgens um acht Uhr startet ihr Arbeitstag in den Glaswerkstätten Schneemelcher, die sich auf Bleiverglasung spezialisiert haben.

Theorie und Praxis

Zurzeit arbeiten die beiden an der Rekonstruktion der Fenster der Wittenberger Schlosskirche. „Die erhalten ihre Wappen zurück“, sagt Mareike und widmet sich wieder ihrer Arbeit – mit einem Schneider löst sie die Füllungen der alten Bleifenster, die in ihre Einzelteile zerlegt, mit Holzspänen und Schlämmkreide gesäubert und wieder zusammengesetzt werden.

Den Blick über den Tellerrand erhalten sie auf den einwöchigen Seminaren, die für alle Jugendbauhüttler sechsmal im Jahr verbindlich sind – egal ob in Quedlinburg, Berlin, Potsdam, Görlitz, Marburg, Lübeck, Mühlhausen, Regensburg, Soest, Stade, Stralsund, Wismar oder Duisburg.

Dort wird Theorie gelehrt: Baustilkunde, Denkmalschutz, Bau- und Restaurierungsgeschichte, historische Handwerkstechniken und Materialkunde stehen auf dem Stundenplan und natürlich Praxis. „Wir haben auch schon Steinmetzarbeiten gemacht, Goldschmiede, Möbelrestaurierung und Lehmputz“, sagt Mara begeistert.

Einsatzstelle Hühnerbrücke

Mit Lehm beschäftigen sich Jana, 18, Claudia, 25, und Philipp, 19. Zur Hand geht ihnen der 18-jährige Pasquale, der nicht in der „Pölle“ lebt, sondern zum Feierabend nach Hause fährt. Die vier arbeiten auf ihrer Einsatzstelle Hühnerbrücke 4 in Halberstadt, ungefähr 20 Zugminuten entfernt von Quedlinburg. Zurzeit verputzen sie die Wände mit dem traditionellsten aller Baustoffe. Gerade noch hat Jana in einem großen Bottich die Mischung aus Sand und Ton angerührt. „Feuchtlehm und Wasser“, sagt sie und fügt fachkundig hinzu: „Für Außenarbeiten nehmen wir im Winter Trockenlehm, damit er nicht einfriert.“

Das älteste Schulgebäude der Stadt, das Johanneum aus dem Jahr 1697, stand 35 Jahre lang leer, bevor die Stadtväter das Quedlinburger Fachwerkzentrum mit der Aufgabe der Restaurierung beauftragten. Das Besondere: Die Arbeiten werden zum großen Teil von Jugendlichen durchgeführt, angeleitet von einer Architektin, einem Tischlermeister und einem Maurer. Besonderer Wert wird auf ökologische und ressourcenschonende Arbeiten gelegt.

Jana schätzt es sehr, dass auf der Baustelle umweltbewusst gearbeitet wird. Philipp sieht sich alte Gebäude jetzt mit anderen Augen an, will später aber Zahnmediziner werden, Claudia, die Restaurierung in Italien studiert hat, kannte bislang die Lehmtechnik noch nicht, und Pasquale, der nach seiner Schulzeit nicht genau wusste wohin, weiß nun, dass er Tischler werden will.

Denkmalpflege im Industriegebiet

Gut 350 Kilometer von Halberstadt entfernt sieht die Welt des Denkmalschutzes anders aus. Statt Fachwerk und Lehm bestimmen Kohletürme und gepflegter Rost das Bild. Ben, 19, und Mariella, 18, gehören zur Jugendbauhütte Duisburg und arbeiten für die Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, ihre Einsatzstelle ist die Kokerei Hansa in Dortmund. Seit Ende 1992 wird dort kein Koks mehr produziert, seit 1997 ist die Kokerei ein Standort der Stiftung.

„Es ist sehr vielseitig, was wir hier tun“, sagt Ben. So veranstaltete er während eines Seminars, in dem die jungen Menschen den anderen Freiwilligen jeweils ihr Projekt vorstellen, eine Führung durch das Denkmal. Sie führt über eine gläserne Bandbrücke hinauf in den Sortenturm, in dem einst Kohlen verschiedener Qualitäten sortiert, gemischt und gemahlen wurden, weiter über eine horizontale Brücke in den Kohlenturm, wo insgesamt 4000 Tonnen Koks für die Koksproduktion bereitgehalten werden konnten.

Die Anlage ist, dem Weg der Kohle folgend, logistisch aufgebaut. Ben führte die Seminarteilnehmer über den Erlebnispfad „Natur und Technik“, damit sie sich ein Bild von seinem besonderen Einsatzort machen konnten.

Die Welt mit anderen Augen sehen

Zurzeit arbeiten Mariella und Ben in der Öffentlichkeitsarbeit, sind im Info-Point, informieren die Besucher, schreiben Pressemitteilungen, organisieren Veranstaltungen. „In dieser Abteilung lernen die Jugendlichen auch die anderen Standorte kennen, die die Stiftung unterhält“, sagt Anna Gerhard, Mitarbeiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur. Die 34-Jährige war früher selbst einmal in einer Jugendbauhütte aktiv und ist dem Denkmalschutz treu geblieben. „Die Freiwilligen haben bei uns die Möglichkeit, alle Abteilungen zu durchlaufen“, berichtet sie.

So konnte Mariella, die später Architektur studieren möchte, bereits einem Architekten zur Hand gehen und gemeinsam mit ihm das Modell für das Salzlager bauen, das saniert und zu einem Veranstaltungsort umgebaut werden soll. Ben war unterdessen mit einem Historiker unterwegs. Anhand von Plänen haben sie ausgelotet, wo die Fundamente des Salzlagers liegen.

Beide haben gelernt, die Welt mit anderen Augen wahrzunehmen. Mariella resümiert: „Es begeistert und bewegt mich, dass es so viel unentdeckte Geschichte gibt, die ich nicht kenne.“ Geschichte, die es sich lohnt festzuhalten und als Botschafter an andere Generationen weiterzugeben.