„Es lohnt sich, auch mal zur Seite zu schauen“

Nicht jeder muss studieren. Vieles spricht für eine Ausbildung. Die Karrierechancen stehen nach einer beruflichen Qualifikationen sehr viel besser, als die meisten glauben, so Autorin Svenja Hofert.

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Der Markt bietet meist viel mehr Chancen für Schulabgänger, als diese auf den ersten Blick sehen, meint die bekannte Karriereberaterin Svenja Hofert.

Berliner Morgenpost: Frau Hofert, immer mehr Abiturienten wollen studieren. Was aber spricht für eine duale Ausbildung gegenüber dem Studium?

Svenja Hofert: Mit einem Bachelor-Abschluss können Unternehmen nicht besonders viel anfangen. Die Karrierechancen stehen nach einer beruflichen Qualifikationen sehr viel besser, als die meisten glauben. Zunächst sammeln die jungen Leute arbeitsmarktrelevante Erfahrung im Beruf.Sie wachsen in eine Aufgabe und haben gleich die Möglichkeit, Geld zu verdienen. Sie können sich ausprobieren und herausfinden, was ihnen liegt. Am besten fährt man mit einem Mosaik aus verschiedenen Bausteinen. Da kann erst die Ausbildung stehen, dann eventuell ein Studium oder eine Weiterbildung, die einen weiterbringt.

Sollten die angehenden Azubis bei der Wahl ihres Ausbildungsplatzes ihren Neigungen folgen oder auf dem Markt schauen?

Sie sollten beides im Blick haben. Es lohnt sich jedoch, sich von den üblichen Top-10-Berufen zu lösen und abseits zu schauen. Der Markt bietet meist viel mehr Chancen, als man auf den ersten Blick sieht. Wer sich für technische Berufe interessiert, könnte beispielsweise eine Ausbildung zum Milchtechnologen absolvieren, um nur ein Beispiel zu nennen. Sie sind in verschiedenen Bereichen der Lebensmitteltechnologie einsetzbar. Auch ein Handwerk zu lernen ist eine gute Option. Weiterbildungen gibt es später immer.

Welche Gefahr könnte darin bestehen, wenn man seinen Neigungen folgt?

Am Ende geht das oft auf Kosten des Einkommens. Gerade bei den Mädchen und jungen Frauen dominiert immer der Gedanke an das Soziale. Dabei verkennen sie, dass auch technische Berufe soziale Komponenten mit sich bringen und auch Soft Skills erfordern. Stattdessen werden sie zum Beispiel Krankenpflegerin oder Erzieherin und arrangieren sich damit, nicht viel Geld zu verdienen. Irgendwann werden sie jedoch unzufrieden damit sein.

Wie erkennt man, ob ein Beruf zukunftsträchtig ist?

Indem man sich fragt: Wie wirken sich neue Technologien auf eine Branche aus? Beim Einzelhandel ist absehbar, dass viele Aufgaben von Computern übernommen werden. Auch im Bäckereihandwerk haben die digital gesteuerten Großbäckereien vielerorts die kleinen Handwerksbetriebe verdrängt. In den technischen Bereichen sind die Veränderungen oft vorhersehbarer, die Azubis lernen mit ihnen umzugehen. Es spielt auch eine Rolle, wo man seine Ausbildung absolviert. Ein moderner Betrieb wird eher auf den technischen Wandel vorbereitet sein, als eine kleinere oder altmodisch betriebene Firma. Auch sollte man die gesellschaftliche Entwicklung im Auge haben: Die Textilindustrie ist in Deutschland nahezu am Ende, es wird längst im Ausland produziert. Daher ist es kaum zukunftsträchtig, das Schneiderhandwerk zu lernen.

Wie kann man sich auf die Lehrstellensuche vorbereiten?

Die meisten Unternehmen laden zu Einstellungstest, auf die man sich sehr gut vorbereiten kann. Im Internet gibt es viele IQ-basierte Tests, mit denen man sich schulen kann – etwa in verbaler Kommunikation, räumlichem Denken und mathematischen Verstand. Auffällig ist, dass die Bewerbungsmuster, die in der Schule vermittelt werden, oft viel zu altmodisch sind. Der Lebenslauf darf ruhig ausführlich sein. Wer einmal Klassensprecher gewesen ist, sollte das hineinschreiben. Was kann ich besonders gut? Wo habe ich mich schon einmal engagiert? All das vermittelt den Entscheidern ein besseres Bild als der Standard.

Noch ein Tipp?

Viele möchten am liebsten in einem großen und bekannten Unternehmen arbeiten. Auch hier lohnt es sich, einmal andere Wege zu beschreiten, einmal abseits zu schauen. Manchmal haben kleinere unbekannte Unternehmen mehr zu bieten. Und wenn es das bessere Betriebsklima ist.