Hochschule

Pflege studieren – Gesundheitsberufe im Wandel

Wer Ergotherapeut oder Krankenpfleger werden wollte, ist bisher den Weg über die Ausbildung gegangen. Das ändert sich nun: Die Alice Salomon Hochschule etwa bietet Studiengänge in diesen Fächern an.

Foto: Adrienne Kömmler

Noch wälzt sie Hefter und Bücher. Doch das Büffeln ist fast geschafft. Johanna Richter studiert im sechsten Semester und steht kurz vor ihrem Ergotherapie-Staatsexamen. Mit dem bestandenen Examen wird sie anerkannte Therapeutin. Und nach einem weiteren Semester hat sie noch einen Abschluss in der Tasche: den Bachelor of Science (B.SC.) – einen Hochschulabschluss, der neuerdings auch für Gesundheitsberufe möglich ist.

Die Ergotherapie-Studentin gehört an der Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH) zu den Ersten, die in der Ergo- oder Physiotherapie akademisch ausgebildet werden. Dieses neue Studium im Gesundheitsbereich bietet die Hochschule in Kooperation mit dem Studienzentrum Wannseeschule seit dem Wintersemester 2011/12 an. Damit ist in der Physio- und Ergotherapie möglich, was in der Medizin seit langem selbstverständlich ist: Eine berufsorientierte Ausbildung auf akademischem Niveau.

Voller Stundenplan

„Glück gehabt. Dabei war es eigentlich eine sehr kurzfristige Entscheidung für dieses Studium, die ich nach meinem ökologischen Jahr im Anschluss an das Abi getroffen habe“, erinnert sich Johanna Richter. Die 23-Jährige ist zufrieden mit ihrer Studienwahl. Und das, obwohl der Ausbildungsablauf straff organisiert, der Lernstoff sehr kompakt und Praktika-Zeiten strikt geregelt sind.

„Von uns wird viel Eigenständigkeit erwartet. Freizeit ist selten und die Chance, nebenbei zu arbeiten und seinen Geldbeutel zu füllen, ist relativ gering“, meint die ASH-Studentin. Der mit Theorie und Praxis prall gefüllte Studienzeitraum sei dafür effektiv. Und sie genieße den interdisziplinären Zusammenhalt unter den jeweils 20 Studierenden der Ergotherapie und Physiotherapie in ihrem Studienjahr. „Hier kennt sich jeder. Das ist also ganz übersichtlich“, erzählt Johanna Richter.

Vielfältige Einsatzmöglichkeiten

Sehr vielfältig sind die Einsatzmöglichkeiten nach dem Studium, das sämtliche Ergotherapie-Behandlungsgebiete umfasst. Bei der Nachfrage, für welchen Einsatzbereich sie sich besonders interessiere, ist sie noch ein bisschen unschlüssig: „Für mich kommt eher die Geriatrie als die Pädiatrie in Frage. Aber ich kann mir auch den Einsatz in der Psychiatrie vorstellen.“ Fest stehe, dass sie mit dem Bachelor erst mal eine praktische Arbeit suche. Den Masterabschluss schließe sie nicht aus. „Wenn, dann später“, sagt Johanna Richter.

Sie ärgere sich über häufige Vorurteile zur Ergotherapie, die darin nur „das Basteln und Malen mit Patienten mit motorischen oder psychischen Problemen“ sehen. Johanna Richter sagt: „Ein wichtiger und recht neuer Markt für uns ist die Gesundheitsprävention, die zum Beispiel im Management großer Unternehmen zunehmend eine Rolle spielt.“ Damit werde auch der pädagogische Aspekt der Arbeit von Physio- und Ergotherapeuten immer bedeutsamer.

Therapeuten mit erweiterten Kompetenzen gefragt

Woher kommt die Tendenz zum Studium? „Die Ausbildung in Gesundheitsberufen ist im Wandel. In einer sich verändernden Gesundheitsversorgung brauchen wir andere Therapeuten mit erweiterten Kompetenzen – fachlich, methodisch, aber auch sozial“, begründet die Leiterin des Studiengangs Physio- und Ergotherapie Professorin Heidi Höppner.

Es gehe darum, Therapeuten zu befähigen, neue Angebote zu machen und Wandlungsprozesse aktiv zu gestalten. Bereits vor zwei Jahren habe der Wissenschaftsrat gefordert, dass bis zu 20 Prozent der Therapeuten an einer Hochschule ausgebildet werden sollen. Für chronisch oder mehrfach Kranke sowie ältere Menschen müssten neue Versorgungsmodelle entwickelt werden. Gleichzeitig wird damit der Anschluss an das europäische Ausbildungsniveau erreicht.

Jubiläum im Juni

„Die ASH Berlin als öffentliche Hochschule geht konsequent diesen Weg“, so die Hochschul-Professorin. „Neben dem Studium für Beginner – der Primärqualifikation – wird es auch weiterhin ein Angebot für berufserfahrene Therapeuten geben“, kündigt sie an. Einen solchen, die Ausbildung ergänzenden Studiengang, gibt es bereits seit zehn Jahren an der ASH. Er wird gerade überarbeitet.

Im Pflegebereich ist das Studium als Ausbildungsform nicht neu. An der ASH allerdings richtet sich das Bachelorstudium „Gesundheits- und Pflegemanagement“ an bereits fertig ausgebildete Pflegende der Gesundheits- und Krankenpflege, der Altenpflege oder Heilerziehungspflege, die sich vor allem auf leitende Tätigkeiten in ihren Berufen vorbereiten. „Das Pflegestudium gibt es bei uns seit 20 Jahren. In der Bachelorform besteht es seit 2005. Bundesweit ist es uns gelungen, die Pflege auf akademische Füße zu stellen. Im Juni feiern wir Jubiläum“, sagt Elke Weisgerber, ASH-Studiengangskoordinatorin für den Gesundheits- und Pflegemanagement-Bachelor.

Altersdurchschnitt höher

Bis zu 40 Studierende nimmt die Hochschule in diesem Studiengang auf. „Mindestens die Hälfte unserer Bachelor-Studenten setzen sogar ihr Studium mit dem Masterstudiengang ‚Management und Qualitätsentwicklung im Gesundheitswesen‘ fort“, schätzt Elke Weisgerber. Den Master biete die Hochschule seit dem Jahr 2008 an. Leider gebe es nur 30 Plätze pro Jahr.

Einer der Bachelorstudenten ist Adunna Bersissa. Er schloss vor sieben Jahren seine Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpfleger ab und studiert jetzt im dritten Semester an der ASH. „Wir sind eine bunte Mischung aus Gesundheits-, Kranken- und Altenpflegern, Heilerziehungspflegern oder auch Kinderkrankenschwestern“, beschreibt der 31-Jährige seine Kommilitonen. Wie auch bei ihm liegt deren Altersdurchschnitt auf Grund der Ausbildung und beruflichen Tätigkeit im Vorfeld des Studiums höher als in anderen Studiengängen.

Exotenstatus

Adunna Bersissa – in Berlin geborener Sohn eines Äthiopiers – nutzt das Studium, um sich „mit dem nötigen Rüstzeug“ für die künftige Arbeit auszustatten. Neben dem Studium arbeitet er in der Charité. Zudem ist er für einen ambulanten Wilmersdorfer Pflegedienst unterwegs – ein Familienbetrieb, den seine Mutter aufgebaut hat und leitet. Seine Schwester arbeitet mit. Er will dort nach dem Studium voll einsteigen.

An der Hochschule fühlt er sich wohl. Nicht nur wegen des fachlichen Studienangebotes. Adunna Bersissa sagt: „Trotzdem es eine kleine Hochschule ist, gibt es eine Turnhalle und viele Angebote wie Yoga-, Computer- oder Sprachkurse wie zum Beispiel Spanisch.“ Obwohl ihm das Studium Spaß macht, will er es vielleicht beim Bachelor belassen. Denn das Studieren sei ja auch eine Geldfrage. „Ob ich noch vier Master-Semester ranhänge oder nicht – da habe ich mich noch nicht festgelegt.“

Als Mann im von Frauen dominierten Pflegebereich haftet Adunna Bersissa immer noch der Stempel des Exoten an. Doch das sieht er gelassen. Denn es sei „ein Prozess des Wechsels im Gange“. So wie sich in der Pflege gegenwärtig ein Wandel vollziehe, der notwendig sei. „Die Medizin entwickelt sich weiter. Und das sollte auch die Krankenpflege tun.“ In der Akademisierung sehe er einen Beitrag zur Emanzipation der Pflege.