Ausbildung Fotodesign

Auf in die Zukunft, zurück in die Dunkelkammer

Wild herumknipsen kann heutzutage jeder. Smartphone raus – und klick. Ein ganz anderes Gefühl für Tiefen und Schärfen erhalten die Fotodesigner im Lette-Verein. Und nicht nur das: Sie lernen zu sehen.

Foto: Lette Verein

In der 3. Etage des Laborgebäudes im Lette-Verein riecht es nach Chemikalien – ein Geruch, den die meisten in Zeiten der Digitalfotografie nicht mehr kennen. Die Schüler des ersten Semesters jedoch, die im September hier ihre dreijährige Ausbildung zum Fotodesigner begonnen haben, kennen ihn gut. Sie haben bereits einige Stunden in der Dunkelkammer vor Stoppbad und Fixierbecken hinter sich. Gerade stehen sie im Raum N315 um einen Tisch. Christopher hat darauf seine Abzüge ausgebreitet – die Bilder: alle in schwarz-weiß.

Wer die Aufnahmeprüfung besteht und hier anfängt, muss seine Digitalkamera erst einmal beiseite legen und sie mit einer analogen Großformatkamera tauschen. Eine Maßnahme gegen wildes Rumgeknipse und Datenmüll. Fachbereichsleiter Frank Schumacher erläutert: „Es ist uns wichtig, am Anfang mit dem Analogen anzufangen, da es zum bewussteren Sehen und konzentriertem Arbeiten erzieht. Der analoge Film kostet Geld und die Schüler achten darauf, dass sie auch relativ sparsam damit umgehen.“

Hohe Ausgaben

Pro Semester müssen die Auszubildenden zwischen 1000 und 1500 Euro für Filme, Fotopapier und andere Materialien ausgeben. Dazu kommen 95 Euro Schulgeld im Monat. Auf zwei Etagen stehen den Schülern mehrere Studios, Labore und digitale Arbeitsplätze mit modernsten Scannern zur Verfügung. Am Lette-Verein erhalten sie Unterricht in einer Mischung aus Theorie und Praxis. Neben geschmacksbildenden Fächern wie Fotogeschichte, Design- oder Medientheorie, lernen die Schüler in Sozial- und Wirtschaftskunde auch ganz Praktisches zu Themen wie Steuererklärung, Kostenvoranschlag und Selbstständigkeit.

Damit den Schülerinnen und Schülern der Blick für das Wesentliche nicht in der abgeschlossenen Labor- und Studioatmosphäre abhanden kommt, haben sie Fächer wie „Projektentwicklung“. Darin können sie eigene Themen angehen – so wie die Erstsemester in Raum N315. Dort denkt Dozentin Sabine Schründer gerade laut über Christophers Fotografien nach: eine Frau, die sich übergibt, Krankenbettbesucher mit Mundschutz, eine Perücke – der 19-Jährige hat die Chemotherapie seiner Mutter festgehalten. „Hier stellt jeder auch einen Teil von sich vor“, sagt Lucas und Mitschülerin Clara fügt hinzu: „Wir haben alle die gleiche Leidenschaft. Es ist schön, wenn man über seine eigenen Arbeiten sprechen kann.“

Viele Bewerber

Die meisten in der Klasse sind zwischen 23 und 26, der Älteste ist 32 Jahre alt. „Viele sind noch sehr jung“, sagt Sabine Schründer. „Ich möchte ihnen Impulse geben, damit sie ihr Potenzial, ihren eigenen Blick auf die Welt und ihre Haltung zur Fotografie entwickeln können.“

Jedes Jahr bewerben sich etwa 300 Interessenten auf 30 Plätze, die Qualität der Ausbildung am Viktoria-Luise-Platz hat sich herumgesprochen. Wilhelm Adolf Lette hatte die Berliner Institution 1866 gegründet, die auch in den Bereichen Gesundheit, Lebensart und Technik ausbildet. Er wollte damals die Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts unterstützen. Von insgesamt 1000 Schülern sind heute noch zwei Drittel Frauen. Im Bereich Fotografie ist es ausgeglichen.

Neben Fotodesign bietet der Lette Verein an der Berufsfachschule für Design auch Ausbildungen zum Grafik- und Modedesigner an. Hier werde Design handwerklich zu Ende gedacht, sagt die stellvertretende Schulleiterin Julia von Randow. „Unsere Absolventen gewinnen Preise in für Berufsfachschulen eher ungewöhnlichen Kategorien.“ Sie spielt auf die Branchenmesse „photokina“ an, wo der Lette Verein als einzige Nichthochschule den „Academy“-Preis gewonnen hat. Und Absolventen wie eben Franca Wohlt hat sie wohl im Hinterkopf, wenn sie so etwas sagt.

Harte Branche

Die 32-Jährige hat 2009 ihren Abschluss am Lette-Verein gemacht. Während manche ihrer Kollegen nach der Ausbildung noch an einer Kunsthochschule studiert haben, hatte Wohlt gleich den Weg in die Berliner Freiberuflichkeit gewählt. Mit Erfolg: Gerade hat sie mit ihrer Arbeit „Reduit“ beim internationalen Fotowettbewerb des c/o Berlin „My secret Life“ gewonnen. Wohlt sagt: „Ohne meine Lette-Ausbildung hätte ich die dunklen Bunkeranlagen in der Schweiz mit der Großformatkamera nicht fotografieren können.“

Und auch als ihr bei einer Hochzeit in einem schummrigen holzvertäfelten Raum der Blitz ausgefallen war, wusste sie, was zu tun war. „Es wird einem alles an die Hand gegeben. Es kommt darauf an, was man selbst daraus macht“, sagt Wohlt.

Sie schätzt, dass aus ihrer Klasse von 25 Mitschülern heute etwa ein Viertel von der Fotografie lebt. Die Branche ist hart, Preise werden gedrückt und viele würden unterschätzen, dass man mehr braucht als Talent und schöne Fotos. „Das hält nicht jeder aus. Man muss genau wissen, was man will und das dann auch machen. Kontakte zu pflegen und Eigeninitiative sind sehr wichtig“, sagt die junge Frau.

Sie zählt zwar eher zu den Reportage- und dokumentarischen Fotografen, macht aber durchaus auch Businessporträts und Objektfotografie. Durch die Ausbildung im Lette-Verein kann sie alles abrufen – nur von den Hochzeiten, von denen hat sie sich dann doch irgendwann verabschiedet.