Berufswahl

„Das Informatikstudium ist meist sehr theorielastig“

Bitkom-Vertreterin Juliane Petrich sieht in Schulen Versäumnisse: Die Vermittlung von informatischen Kompetenzen komme viel zu kurz.

Für mehr IT-Unterricht in der Schule: Das Programm „medienfit“ an einer Potsdamer Grundschule.

Für mehr IT-Unterricht in der Schule: Das Programm „medienfit“ an einer Potsdamer Grundschule.

Foto: Bernd Settnik / ZB

Berlin.  Juliane Petrich ist Leiterin Bildung beim Branchenverband Bitkom. Er vertritt mehr als 2600 Unternehmen aus Informationswirtschaft und Telekommunikation und setzt sich für die Digitalisierung von Wirtschaft, Gesellschaft und Verwaltung ein.

Christine Persitzky sprach mit Juliane Petrich über die Schwächen des Studienfachs Informatik und warum es ein Pflichtfach Informatik in Schulen geben sollte.

Berliner Morgenpost: Frau Petrich, wie steht es um den Informatiker-Nachwuchs: Bilden die Hochschulen genügend Fachkräfte aus?

Juliane Petrich: Natürlich hängt das auch vom Standort ab, aber insgesamt ist das Angebot der Hochschulen größer als die Nachfrage der Studienanfänger.

Das sieht man schon daran, dass, abgesehen von sehr spezialisierten Stu­diengängen, die meisten Studiengänge in der Informatik keine Zulassungsbeschränkung haben. Berlin ist da ein Sonderfall, weil die Stadt an sich schon viele junge Menschen anzieht.

Haben Abiturienten zu wenig Interesse am Fach?

Schaut man sich die Zahlen an, dann zeigt sich ein leicht steigendes Interesse, von etwa 37.500 Studienanfängern in ganz Deutschland im Wintersemester 2016/17 zu fast 40.000 im laufenden Semester. Das reicht aber noch lange nicht aus.

Und das Interesse wächst auch viel langsamer als der Fachkräftebedarf. Außerdem ist die Abbrecherquote im Fach Informatik sehr hoch. Nur etwa die Hälfte der Studierenden schließt das Studium ab.

Gründe für den Studienabbruch in Informatik

Und woran liegt das?

Ein großes Problem sehen wir darin, dass das Informatik-Studium meist immer noch sehr theorielastig ist. Viele Studienanfänger gehen mit der Erwartungshaltung an das Studium heran, dass sie lernen, wie man Software entwickelt, oder dass man ganz konkret an Projekten arbeitet.

Und die sind dann spätestens im zweiten, dritten Semester ernüchtert, wenn der Praxisanteil zu kurz kommt. Ich glaube, dass man hier einen Ansatzpunkt hätte, um das Informatik-Studium insgesamt interessanter zu machen.

Was raten Sie Studienabbrechern?

Einen Abschluss sollte man auf jeden Fall machen. Zum Beispiel in Form einer Ausbildung zum Fachinformatiker, die dann auch stark verkürzt möglich ist.

Welche Alternativen zum normalen Informatik-Studium gibt es?

Es gibt immer mehr Kurzprogramme, in denen man sich innerhalb weniger Monate etwa in das Thema Software-Entwicklung einarbeitet, ein Zertifikat im Bereich künstliche Intelligenz bekommt oder einen sogenannten Nano-Degree erhält (Abschluss für einen kurzen Lehrgang, der praxisnahe Kenntnisse vermittelt; Anm. d. Red.).

Da entsteht gerade ein Markt an Angeboten, die aber nicht mit einen Hochschulstudium vergleichbar sind, schon allein durch die viel kürzere Dauer der Ausbildung.

Private Hochschulen reagieren oft schneller

In der Informatik gibt es laufend neue Entwicklungen – gehen die Hochschulen genügend darauf ein?

Ein absolutes Top-Thema ist künstliche Intelligenz. Aber auch Big Data oder Data Science, Cloud Computing, Social Media und App-Entwicklung sind IT-Trends, die auch im Informatik-Studium eine Rolle spielen sollten.

Klassische Universitäten sind in ihren Lehrplänen zum Teil sehr starr und können gar nicht schnell genug auf Veränderungen reagieren, zumindest nicht so schnell, wie wir uns das wünschen würden.

Interessant ist, dass immer mehr private Hochschulen entstehen, die sehr viel schneller neue Entwicklungen aufgreifen und mit einem größeren Praxisbezug und sehr viel projektorientierter arbeiten.

Jetzt müssen wir aber noch klären, warum das Interesse am Studienfach Informatik ganz allgemein zu gering ist …

Es gelingt uns in Deutschland nicht gut genug, frühzeitig für die sogenannten MINT-Berufe, also im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, Begeisterung zu wecken.

Das gilt speziell auch für den Bereich der Informatik. Informatik ist bisher in nur drei Bundesländern Pflichtfach in den Schulen. Das heißt, viele junge Menschen kommen gar nicht mit Informatik in Berührung. Das ist ein sehr großes Problem.

Es wird ja gerade viel über die digitale Infrastruktur an Schulen gesprochen und über pädagogische Konzepte. Dabei geht es aber häufig um den Schwerpunkt Medienkompetenz. Das ist sehr gut und auch sehr wichtig. Aber die Vermittlung von informatischen Kompetenzen kommt in den Schulen viel zu kurz.