Gründer

Medizintechnik: Sitzkissen misst, wie fit jemand ist

Pirmin Kelbel und zwei Mitstreiter haben Visseiro gegründet. Die Firma soll sich in der digitalen Gesundheitswirtschaft etablieren.

Pirmin Kelbel ist einer der Gründer von Visseiro. Das Start-up hat ein Sitzkissen entwickelt, das Vitalfunktionen messen kann.

Pirmin Kelbel ist einer der Gründer von Visseiro. Das Start-up hat ein Sitzkissen entwickelt, das Vitalfunktionen messen kann.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  „Wir sind nicht nach Berlin gekommen, weil es hier gute Clubs gibt“, sagt Pirmin Kelbel. Ausschlaggebend für den Umzug von Aachen in die Hauptstadt war, dass „hier einfach so unglaublich viel passiert und so viel Netzwerk ist“.

Global betrachtet wäre vielleicht San Francisco der bessere Standort gewesen. Aber dort hätte dem 27-Jährigen und seinen beiden Mit-Gründern der große Vorteil gefehlt, den Berlin ihnen bieten kann: ein Netzwerk aus wissenschaftlichen Ein­richtungen, Grün­dungsförderung und Unternehmen der Gesundheitswirtschaft.

So wollen sie nun hier, „mit Berlin“, wie Kelbel es ausdrückt, das Start-up Visseiro in die Erfolgsspur bringen.

Anwender erhält Hinweise auf Erkrankung

Es geht um ein Sitzkissen, passend für alle Arten von Sitzgelegenheiten, das Herzschlag und Atmung der auf ihm sitzenden Person misst. Ein patentiertes Gelpad mit integrierten Sensoren erfasst dabei durch die normale Kleidung hindurch die Vitalparameter des Menschen. Er selbst muss nichts weiter tun.

Das große Thema, in dem diese Gründungsidee angesiedelt ist, heißt dezentrale Gesundheitsversorgung: „Es gibt eine Veränderung, eine Revolution – auch wenn das ein großes Wort ist –, dass die Menschen selbst Herr ihrer Gesundheit werden“, erklärt Kelbel.

Datenvergleich früher und heute

Heute sei es weitgehend noch so: Man warte, bis es Symptome gibt, und dann agiert man. „Wir wollen die Frage stärker in den Fokus stellen: Wie gesund bist du?“, erklärt Kelbel. „Das heißt, wir brauchen Daten zu einem Zeitpunkt, zu dem die Person gesund ist, um über einen längeren Zeitraum zu sehen: Driftet das in den Krankheitsbereich?“

Es ist wichtig, dass die Vitalfunktionen möglichst häufig gemessen werden. „Wir brauchen also eine Lösung, die sich komplett in den Alltag integriert“, sagt Kelbel. So wie das entwickelte Sitzkissen: „Ich setz mich nur drauf — es ist immer da, es ist immer angeschaltet und misst immer.“

Alte Menschen als Zielgruppe

So lassen sich Veränderungen erkennen und gegebenenfalls Maß­nahmen ergreifen. Wearables (am Körper oder der Kleidung befestigte kleine Computer) oder smarte Armbanduhren könnten das vielleicht auch, räumt Kelbel ein. Die müssen jedoch bedient und gepflegt werden. Für alte Menschen, die Visseiro als wichtige Zielgruppe im Blick hat, sei dies oft zu kompliziert.

Pirmin Kelbel hat an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hoch­schule (RWTH) Aachen studiert. Er hat einen Bachelor- und Masterabschluss in Elektrotechnik mit Vertiefung in biomedizinischer Technik.

Damit hätte der 27-Jährige hervorragend dotierte Stellenangebote überall auf der Welt bekommen können.

An etwas wirklich Relevantem arbeiten

Doch in einem ersten Job als angestellter Ingenieur, noch während der letzten Studienphase, wurde ihm klar: So zu arbeiten schränkt ihn ein. „Ich wollte alle meine Fähigkeiten voll nutzen, etwas machen, was einen größeren Impact hat, also wirklich relevant ist“, erklärt er.

Und dazu brauchte er mehr Kon­trolle über das, was er machte. Damit standen für ihn zwei Optionen im Raum: promovieren oder gründen. Die Promotion als Ingenieur hätte mindestens fünf Jahre gedauert. Viel Zeit, die Kelbel nun lieber in sein Start-up investiert.

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Zwei Mitgründer gefunden

Im März 2018 zog er nach Berlin, sein Mitgründer Janek Jurasch folgte im Mai. Die beiden kennen sich seit vielen Jahren aus der gemeinsamen Studienzeit in Aachen.

Ihren dritten Mann, Sebastian Braasch, der Know-how in internationalem und Healthcare Management mitbringt, lernten sie bei einer Veranstaltung in Berlin kennen und holten ihn im Juli mit ins Team. Offiziell gegründet wurde Visseiro dann im Oktober.

Erfolgreich bei Gründerwettbewerben

Den Gründern ist bereits vieles geglückt: Die Aufnahme ins Centre for Entrepreneurship der Technischen Universität (TU), die Bewerbung um ein EXIST- Förder­stipendium, die erfolgreiche Teilnahme an einigen Gründerwettbewerben.

Ein riesiger Erfolg sei auch das Bestehen in einem weltweiten Wettbewerb des asiatischen Start-up-Investors und -Förderers Brinc. Visseiro wurde als eines der drei besten europäischen Start-up-Teams aus­gezeichnet und durfte sein Sitzkissen Ende November in China vor Investoren präsentieren.

„Wir haben überwältigend gutes Feedback bekommen“, erzählt Kelbel, der auch in Taiwan studiert und einige Zeit in Korea und China verbracht hat.

In China ist das Interesse besonders groß

Für Visseiro ist China ein äußerst attraktiver Markt. In anderen Märkten als Deutschland „gibt es eine ganz andere Zahlungsbereitschaft und eine andere Akzeptanz, solche Geräte einzubeziehen“, erklärt Kelbel.

„Werden wir hier in Deutschland häufig gefragt: Wer verarbeitet, speichert und nutzt die Daten?, ist die Frage in China häufig: Wann kann ich das Gerät kaufen?“

Kooperationspartner gesucht

Nun muss das Produkt zunächst einmal auf den Markt. Dafür suchen die Gründer nach einem Kooperationspartner. „Wir möchten uns dabei auf unsere Kernkompetenz fokussieren, dieses Produkt zu entwickeln und die Auswertung zu machen“, sagt Pirmin Kelbel.

Der Partner soll sie in Sachen Marketing unterstützen. Dabei sei das Sitzkissen als solches nur die einfachste Möglichkeit: „Viel interessanter wird es dann, wenn es in Richtung Inte­gration geht, in einen Autositz, einen Sessel, einen Designer- oder Bürostuhl“, schildert Kelbel die Ideen.

Seine Erfahrungen mit der Gründung eines Start-ups in der digitalen Gesundheitswirtschaft gibt Pirmin Kelbel in Projekten und Workshops an Studierende der TU weiter.

Sein wichtigster Tipp für Gründer: „Einfach machen, Dinge anpacken, ausprobieren. Und nicht auf die eine geniale Idee warten. Wenn es was gibt, wofür man sich begeistert, einfach anfangen und das umsetzen.“