Datenexpertin

Geophysikerin Nastasja Scholz wacht über Gas-Pipelines

Nastasja Scholz arbeitet als Datenwissenschaftlerin beim Start-up LiveEO. Die Firma überwacht kritische Infrastruktur aus dem All.

Nastasja Scholz ist promovierte Geophysikerin. Beim Start-up LiveEO wertet sie Radardaten aus.

Nastasja Scholz ist promovierte Geophysikerin. Beim Start-up LiveEO wertet sie Radardaten aus.

Foto: Christian Kielmann

Berlin.  In der Mindbox der Deutschen Bahn unter den S-Bahnbögen an der Jannowitzbrücke herrscht Pioniergeist. Dort vernetzt sich das große Verkehrsunternehmen mit Start-ups, um die Digitalisierung der Bahn voranzutreiben.

Die DB Mindbox ist ein sogenanntes Digitallabor und bietet Arbeitsplätze, Events und Workshops. Auch LiveEO ist dort angesiedelt, ein Start-up, das die Erde observiert. In den hellen Räumen mit Blick auf die Spree arbeiten seit 2017 Raumfahrtingenieure Hand in Hand mit Geo-Experten und Wirtschaftsingenieuren an Technologien der Zukunft.

Die zurzeit noch einzige Frau im fünfzehnköpfigen Team ist Nastasja Scholz (37). Die promovierte Geo­physikerin arbeitet als Da­tenwissenschaftlerin bei LiveEO. „Wir werten Satelliten- und Drohnendaten aus, um Infrastrukturnetze wie Stromleitungen, Eisenbahnen oder Gaspipelines zu erfassen“, erläutert sie.

Abschluss am KIT

Die Daten geben Aufschluss etwa darüber, wo Bäume auf die Bahnschienen zu fallen drohen, wo Vegetation Stromleitungen angreift oder an welchen Stellen Gaspipelines leck werden könnten. Unternehmen, zum Beispiel Energiekonzerne und Verkehrsbetriebe wie die DB, können mithilfe solcher Informationen schneller auf Gefahren reagieren.

Durch das Live-Monitoring der Infrastrukturnetze könnten un­ter anderem Sturmschäden an Bahngleisen und Stromausfälle reduziert werden. Nastasja Scholz stieg im Juli 2017 bei LiveEO ein.

Eigentlich hat sie als Geophysikerin gelernt, das Innere der Erde zu erkunden. Ihren Abschluss machte sie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Das KIT ist eine von nur fünf Hochschulen deutschlandweit, die den Studiengang Geophysik anbieten. Außer dort kann man das Fach nur noch in Kiel, Freiberg (Sachsen), Hamburg und Münster belegen.

Spezialgebiet Seismologie

An der Technischen Universität (TU) Berlin ist Geophysik ein Schwerpunkt des Studiengangs Geotechnologie. Die Freie Universität (FU) Berlin bietet den Bachelor- und Masterstudiengang Geologische Wissenschaften mit Modulen in Geo­physik an.

Im Studium erhalten angehende Geophysiker eine solide physikalische und mathematische Ausbildung. Sie erlernen geophysikalische Mess- und Auswertungs­verfahren und befassen sich mit den Vorgängen in der Erdkruste und im Erdinnern. Dazu gehören Seismologie und Vulkanologie. Auch Ozeanografie und Mineralogie sind Teilgebiete der Geophysik.

Nastasja Scholz’ Steckenpferd war die Seismologie. „Ich habe mich mit Erdbebenursachen und -prävention beschäftigt“, erzählt sie. Während ihres KIT-Studiums forschte sie auch an der Victoria University of Wellington (Neuseeland). 2014 promovierte sie in Kanada an der University of Victoria. „Als Geophysikerin beobachte, berechne und analysiere ich Naturprozesse, um Gefährdungen und Risiken für die Gesellschaft abzuschätzen“, fasst Scholz zusammen.

Postdoc-Stelle an der TU Berlin

2016 kam sie für eine Postdoc-Stelle an die TU Berlin. Dort forschte sie zu Salzrückstandshalden in Thüringen. Die Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin war befristet, die berufliche Zukunft offen.

Um ein wenig zu netzwerken und aus interdisziplinärem Interesse, besuchte sie im Sommer 2017 den Tag der offenen Tür von PTScientists, einem Berliner Forschungs- und Entwicklungsunternehmen im Bereich private Raumfahrt.

Dort lernte sie den Wirtschaftsingenieur Sven Przywarra kennen, einen der Gründer von LiveEO. Er berichtete ihr von seinem Start-up, das er gerade mit dem Luft- und Raumfahrtexperten Daniel Seidel gegründet hatte.

Übers Ehrenamt in den festen Job

„Die Themen Erdobservation und Raumfahrt fand ich spannend“, sagt Scholz. Sie bot den Gründern an, sie ehrenamtlich zu unterstützen. „Ich wollte mich weiterentwickeln“, erklärt sie. Ihre freiwillige Mitarbeit betrachtete sie als eine Investition in die Zukunft.

Eine gute Entscheidung, findet sie heute, denn mittlerweile arbeitet sie als fest angestellte Datenwissenschaftlerin in dem schnell wachsenden Erdobservations-Start-up. Ihr interdisziplinär angelegtes Studium habe sie gut darauf vorbereitet, sagt Nastasja Scholz. „Ich habe gelernt, Problematiken zu definieren, über den Tellerrand zu gucken und zu erkennen, wie ich die Lösungen, die ich finde, auf meine eigene Problematik übertragen kann.“

Wissen aus anderen Bereichen übertragen

Im Fokus ihrer Arbeit bei LiveEO stehen Gaspipelines. Die 37-Jährige wertet Radardaten aus, um Erdsenkungen zu erkennen, die zu einem Bruch der Pipeline und Lecks führen könnten. Damit fühlt sich die Geophysikerin nicht so weit von ihrem Spezialgebiet, der Erdbebenforschung, entfernt. Dort ging es ja auch darum, Gefahren frühzeitig zu erkennen.

Das erklärte Ziel der Gründer von LiveEO ist es, in den kommenden fünf Jahren jedes Infrastrukturnetz der Welt zu erfassen. Dafür brauchen sie weitere Ingenieure, Entwickler und Geoexperten. Nastasja Scholz hofft, dass auch einige naturwissenschaftlich ausgebildete Frauen den Weg in das Start-up finden.