Karriere

Beruf: Das können Politikwissenschaftler alles werden

Absolventen der Politikwissenschaft bieten sich vielfältige Möglichkeiten bei der Berufswahl. Vom Taxifahrer bis zum Bundeskanzler.

Maria Pastukhova entschied sich für ein Studium der Politikwissenschaftl in Deutschland und arbeitet an ihrer Promotion

Maria Pastukhova entschied sich für ein Studium der Politikwissenschaftl in Deutschland und arbeitet an ihrer Promotion

Foto: Sven Lambert

Berlin.  Welche Aufgabe hat eine Partei? Wie funktioniert gesellschaftliches Miteinander? Warum ist es wichtig, dass alle Bürger wählen gehen? Die meisten Leute, die sich für ein Studium der Politikwissenschaft entscheiden, suchen Antworten auf diese Fragen, wollen mehr wissen als das, was die „Tagesschau“ berichtet.

Aber lässt sich mit dem Wissen über politische Systeme oder politische Ideengeschichte später auch einmal Geld verdienen? In welchen Berufen landen Absolventen der Politikwissenschaft? Max Mergenbaum, Master-Absolvent in Politikwissenschaft, sagt: „Vom Taxifahrer bis zum Bundeskanzler ist alles möglich.“

Statt konkreter Berufswunsch die Leidenschaft für das Fach

Der 30-jährige Rheinländer absolviert gerade sein Volontariat beim Online-Ratgeber-Magazin „Finanztip“. Sein Traumberuf heute: Journalismus. Die Frage, wo und als was er später einmal arbeiten möchte, musste er mehr als einmal beantworten.

So wie bei den meisten stand am Anfang seines Politikstudiums aber kein konkreter Berufswunsch, sondern die Leidenschaft für das Fach selbst. „Das ist ja oft als Geisteswissenschaftler so. Man ist Idealist und will fachlich tiefer in die Materie eintauchen. Die Frage, was man später damit macht und ob man gut verdient, die kommt dann eher später, bei manchen vielleicht auch ein bisschen zu spät“, sagt Max und kann sich das Lachen nicht verkneifen.

Geholfen haben ihm verschiedene Praktika und ein Auslandsaufenthalt im englischen Kent. Dort verbesserte er nicht nur sein Englisch, sondern lernte auch, dass Flexibilität und Mut, etwas Neues auszuprobieren, zum Berufsweg eines Politikwissenschaftlers gehören.

Entdeckte seine Liebe zum Journalismus

Nach seinem Master-Abschluss an der Freien Universität Berlin (FU) 2016 arbeitete der Kölner zunächst bei einer Medienbeobachtungsfirma, die Pressespiegel für verschiedene Unternehmen zusammenstellt, später als Assistent der Geschäftsführung bei einem Wirtschaftsverband, wo er über die Öffentlichkeitsarbeit die Liebe zum Journalismus für sich entdeckte.

In der Kreuzberger Redaktion hatte Max zum ersten Mal das Gefühl, beruflich angekommen zu sein. Als Volontär durchläuft er dort die verschiedenen Ressorts des Magazins, wo ihm erfahrene Journalisten bei der Recherche und Organisation seiner Beiträge zur Seite stehen. Das Schönste an seinem Job? „Bei ‚Finanztip‘ habe ich die Zeit, mich in bestimmte Themen reinzuknien. Verbraucherschutzjournalismus braucht eine akribische Recherche. Das fordert mich und macht Spaß.“

Ein Großteil von Max’ Kollegen hat damals auch Politik studiert und so in den Journalismus gefunden. Das sei nicht unüblich, sagt Max: „Im Politikstudium lernt man, sich in neue Themen einzuarbeiten, sich selbst zum Experten zu machen. Das ist im Journalismus nicht anders.“

Forschungsassistentin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik

Auch Maria Pastukhova zehrt von ihren Erfahrungen als Studentin der Politikwissenschaft. Die 30-Jährige arbeitet als Forschungsassistentin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), einem der größten Thinktanks in Europa, die Entscheidungsträger in Deutschland, aber auch auf EU- oder UN-Ebene berät.

Neben ihrer Promotion ist sie dort im Projekt „Deutschland-Russland Hintergrundgespräche“ tätig, wo sie gemeinsam mit anderen Experten der SWP und anderen Instituten nach neuen Wegen zur Wiederbelebung des Energiedialogs zwischen Deutschland, der EU und Russland sucht.

Studium der internationalen Beziehungen hilft

Wie man wissenschaftlich sauber und korrekt arbeitet, hat sie in der Uni gelernt – das wissenschaftliche Handwerkszeug also. Aber auch inhaltlich gibt es viele Überschneidungen mit ihrem jetzigen Beruf.

„Wenn es um die Geschichte der internationalen Beziehungen geht. Das hilft mir in meiner jetzigen Arbeit sehr. Deswegen bin ich auch dankbar, dass mein Erststudium an der Geschichtsfakultät in Russland angesiedelt war.“

Bevor Maria ihren Master am Otto-Suhr-Institut für Politik an der FU Berlin abschloss, studierte sie fünf Jahre lang Internationale Beziehungen und Sicherheitspolitik in ihrer alten Heimat Russland. Damals noch auf Diplom. Während des letzten Studienjahres kam sie nach Deutschland für ein Zweitstudium. An der FU machte sie zunächst ihren Bachelor in Japanstudien und danach den Master Politikwissenschaft.

Der Wechsel an eine deutsche Universität fiel ihr nicht leicht

Leicht fiel ihr der Wechsel an eine deutsche Universität nicht, denn hier werde ganz anders gelehrt als in Russland. „Das Lehrformat dort heißt ausschließlich Vorlesung. Wenn die Studenten schlau sind, schreiben sie sich was auf. Ich musste mich wirklich erst an die Seminare in Deutschland gewöhnen. Man muss da ja die Hand heben und etwas sagen“, sagt Maria scherzend.

„In Russland hat man versucht, uns das Gesamtbild der internationalen Beziehungen zu vermitteln, ohne Zusammenhänge zu erklären, ohne dass einzelne Theorien vorgestellt wurden. Am Ende kommt man dann mit so einem Schädel raus“, erklärt die Wissenschaftlerin, indem sie beide Arme über den Kopf hebt.

Die Mühen des Studiums haben sich gelohnt. Maria ist mit ihrer Stelle bei der SWP mehr als glücklich, auch weil sie der Job als Wissenschaftlerin fordert. Ihr Traumberuf? „Ja, aber erst seit ein paar Jahren“, sagt Maria.

Eigentlich wollte sie Trickfilmzeichnerin werden

Mit 18 wollte sie noch Trickfilmzeichnerin werden. An Politikwissenschaft habe sie damals nicht gedacht. Im Vordergrund stand der Wunsch, die Länder Asiens näher kennenzulernen. So fand sie zum Studium Internationale Beziehungen und später zum Politikwissenschaftsstudium in Deutschland.

Sinnbildlich für ihr Studium und ihren jetzigen Beruf stehe die Weltkarte, die in ihrem Büro an der Wand neben dem Fenster hängt. „Je mehr ich mich mit meinem Studium und meiner Arbeit beschäftigt habe, desto klarer wurde mir, dass Europa vielleicht der meistentwickelte Teil der Erde, aber im Vergleich zum Rest der Welt wirklich klein ist. Gemessen an meiner Arbeit, wo es um globale Entwicklungen geht, ist diese Erkenntnis ziemlich spannend.“

Als freiberuflicher Bildungsreferent viel unterwegs

Ein richtiges Büro hat Fabian Schrader (28) nicht. Braucht er auch nicht, denn er ist sowieso sehr oft unterwegs und arbeitet im direkten Kontakt mit seinen Klienten. Fabian ist freiberuflicher Bildungsreferent, leitet Workshops und Seminare, wo es um politische oder kulturelle Themen geht.

In der Regel dauern diese Engagements zwischen vier Stunden und fünf Tage. Zur Europawahl diskutierte er mit Schülern, inwiefern jeder Einzelne von Entscheidungen der EU betroffen ist. „Bei den Workshops geht es darum, ab­strakte politische Konstrukte greifbar zu machen“, so Fabian.

Weitere Ausbildung zum Theaterpädagogen

Obwohl ihn die Arbeit als Bildungsreferent erfüllt, absolvierte er neben dem Studium noch eine Ausbildung zum Theaterpädagogen. „Die Arbeit als Referent ist geprägt von Sitzen und Reden. Ich habe gemerkt, dass ich auch körperlich und emotional mit den Gruppen lernen und arbeiten möchte.“

Vor drei Jahren gab er sein erstes theaterpädagogisches Seminar: „Mit den Inhalten aus dem Studium, wie Machtdimensionen, Diskriminierungssoziologie, Anti-Diskriminierung, hatte ich endlich Handwerkszeug, mit dem ich das in spielerischer und theaterwirksamer Weise behandeln kann.“

Seine gipfelte in der Gründung eines Theaterkollektivs. „Aufbegehren“ nennt sich die Gruppe und das Stück, das Fabian mit Lesben, Schwulen und Bisexuellen – alle älter als 50 Jahre – inszeniert hat. Es handelt von den Coming-out-Geschichten der 1970er- und 80er-Jahre und den damit verbundenen politischen Kämpfen.

Der Freiberufler möchte anderen Mut machen

Ein Leben als Freiberufler sei schwierig, erklärt Fabian. Besonders wenn im Sommer Aufträge ausbleiben. Tauschen möchte er trotzdem nicht. „Es ist meine Herzensarbeit, aber dahinter steckt auch knallharter Arbeitskampf.“ Seinem 18-Jährigen Ich, das vor der Entscheidung steht, Politik zu studieren, würde er heute Mut und Optimismus auf den Weg geben.

„Die Zeit wird kommen, in der du denkst, du kannst alles, aber nichts richtig. Das ist nichts Bedrohliches, sondern darin liegt eine Chance. Ich habe erst sehr spät begriffen, dass es eine Riesenchance bedeutet, mit einem geisteswissenschaftlichen Studium in alle Richtungen blicken zu können.“