Bio-Boom

Öko-Branche bietet vielseitige Zukunftsperspektiven

Bis zu 160.000 Arbeitsplätze in verschiedenen Bereichen gibt es auf dem Markt. Viele Möglichkeiten bieten sich auch für Quereinsteiger.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  In der Öko-Branche tut sich was. Einst müde belächelt, hat sich der Markt rund um Bio-Lebensmittel zum beachtlichen Wirtschaftsfaktor entwickelt. Mit einem jährlichen Umsatz von fast fünf Milliarden Euro bietet die Branche einen reichhaltigen Arbeitsmarkt. Gemüse, Getreide, Milch, Obst oder Fleisch vom Öko-Hof müssen produziert, weiterverarbeitet und ins Verkaufsregal gebracht werden.

Das birgt eine umfangreiche Palette an Beschäftigungsfeldern mit bundesweit geschätzt bis zu 160.000 Arbeitsplätzen. Dahinter stecken reizvolle Möglichkeiten nachhaltiger Arbeit – eine Alternative zu konventionellen Jobs.

Ein Berufsweg in der Bio-Wirtschaft? Dafür hat sich Lisa Langs entschieden. Sie hat ihren Bachelor für ökologische Landwirtschaft an der Uni Kassel fast in der Tasche. „Ein bisschen ­Betriebswirtschaft und Wissen von der Züchtung bis zur Er­nährung – diese Ausbildung ist sehr breit gefächert. Letztendlich hat man hinterher von allem ein bisschen Ahnung und muss sich dann in sein Arbeitsgebiet fachlich einarbeiten“, sagt die 27-Jährige.

Vier Monate Praktikum gehören zur Ausbildung. Zwei Monate war sie in einer Imkerei, zwei weitere Monate auf einem Bio-Hof. Seit einem halben Jahr arbeitet die künftige Öko-Landwirtin nun bei SpeiseGut in Berlin. Das Gatower Unternehmen betreibt Gemüsebau. Insgesamt zwölf Hektar Feldfläche werden ökologisch beackert.

Von der Aussaat bis zur Ernte voll dabei

Für Lisa Langs ist es ein „spannender Prozess“ auf den Feldern. „Die Arbeit bietet eine super Möglichkeit, viel zu lernen. Manche Abläufe kann man nicht wirklich theoretisch beschreiben, sondern muss sie erleben – von der Aussaat über die kleinen Jungpflanzen bis zur Ernte.“ Sie könne sich gut vorstellen, eine Beratungsarbeit zu übernehmen. Auch Vereins- oder Verbandsarbeit im Tier- oder Naturschutz wäre eine Option. Dennoch ist die Studentin froh, vorerst richtige Feldarbeit leisten zu können.

Und sie begeistert sich für das Wirtschaftsmodell von SpeiseGut. „Es funktioniert solidarisch.“ Solidarische Landwirtschaft? Dahinter steckt die Idee gegenseitiger Absicherung von Bauern und Verbrauchern. Interessierte Berliner und Brandenburger verpflichten sich für mindestens ein Jahr, die Ernte abzunehmen. Der Käufer bekommt je nach Saison regional produziertes frisches Gemüse, und der Landwirt hat die Garantie, dass und an wen er die Produkte loswird.

Viel Mut, wenig Startkapital und Ersparnis

„Angefangen habe ich vor fünf Jahren mit elf Gemüsekisten für Kreuzberger Abonnenten. Inzwischen sind es 250 Kisten, die wir wöchentlich in Gatow packen und an 16 Abholstationen ausliefern“, sagt Christian Heymann. Mit viel Mut, aber wenig Startkapital begann er, SpeiseGut aufzubauen: „Ich hatte nur 2000 Euro Ersparnis.“

Seine Ausbildung machte er in der konventionellen Landwirtschaft. Der staatlich gelernte Landwirt wusste jedoch damals schon, dass er beruflich in die biologische Richtung gehen würde. „Ich bin kein Systemkritiker oder Missionar, doch ich will zeigen, wie es auch anders funktionieren kann“, so der Bio-Bauer.

Zu seinem Unternehmen mit acht Mitarbeitern gehört auch ein kleiner Laden, in dem die saisonalen Bio-Feldprodukte im Direktvertrieb angeboten werden. Ausgewählte Gemüsesorten landen in Regalen von Bio-Company-Geschäften. Und die Kantine des Krankenhauses Havelhöhe wird frisch vom Feld beliefert. Bei der Öko-Landwirtschaft sei Erfahrung das A und O, so Christian Heymann.

Er habe beispielsweise erst lernen müssen, keine Angst vor Unkraut zu haben. Wie viel davon darf zwischen den Nutzpflanzen wachsen? Welche Pflanzen vertreiben Schädlinge? Fragen, auf die eine Ausbildung keine konkrete Antwort liefert. Für den Landwirt hat Theorie ihre Grenzen: „Es muss nicht immer gleich ein Studium sein – zumal, wenn man eher Praktiker ist wie ich.“

Bio-Wirtschaft ist reine Arbeit per Hand

Den Weg in die Selbstständigkeit bereut der 39-Jährige nicht. Trotz harter Arbeit und Zwölfstundentagen, die in der Saison Normalität sind. „Bio-Wirtschaft bedeutet oft reine Arbeit per Hand. Das sind viele Leute nicht mehr gewohnt.“

Die Perspektive, für Bio-Lebensmittel zu arbeiten, überzeugt nicht nur Öko-Freaks. Für so manchen Quereinsteiger ist sie reizvoll. Zumal Qualifikationsvoraussetzungen für Einstiege kaum eingegrenzt sind. Mit dem Bachelorabschluss in Kommunikationsdesign an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) hat Jorana Paetz eigentlich einen Bürojob: „Bei meiner Arbeit als Grafikdesignerin sitze ich viel am PC.“

Nach dem Studienabschluss im Juli 2017 reiste sie durch Frankreich und half bei einer Bio-Weinernte. Sie fühlte sich gut dabei, hatte Spaß. Das gab den Anstoß, sich umzuorientieren. „Die körperliche Arbeit gibt mir Kraft. Ich fühle mich fitter.“ Ganz verabschiedete sie sich nicht von der Büroarbeit. An drei Tagen der Woche fährt sie nun die Gemüsekisten für SpeiseGut aus.

Mit der Hacke auf dem Acker, dann Kisten stapeln

„Und manchmal powere ich mich mit der Hacke auf dem Acker aus. Da freue ich mich richtig drauf“, meint die 25-Jährige, während sie voll bepackte Kisten für die Auslieferung stapelt. Mal Kopfarbeit drinnen und dann an frischer Luft – für Jorana Paetz die perfekte Mischung.

Aus dem traditionellen Bäckerhandwerk kommt der Bio-Bäcker Christian Sippel. Er ist einer von 25 Bäckern und insgesamt 60 Mitarbeitern bei „Märkisches Landbrot“. Die Bäckerei arbeitet mit Brandenburger Demeter-Landwirten zusammen und betreibt eine eigene Mühle. Roggen, Dinkel sowie Weizen kommen zum Teil aus dem Öko-Dorf Brodowin. Auf Enzyme oder auch künstliche Aromen wird verzichtet.

„Die Arbeit ist viel anspruchsvoller“

Eine spezielle Ausbildung für die Bio-Bäckerei gibt es nicht. „Ich bin hier 2007 über eine Zeitarbeitsfirma reingerutscht und wurde gefragt, ob ich fest bleiben will“, erzählt Christian Sippel. Er musste nicht lange überlegen. Denn nicht nur die Qualität der Backwaren, sondern auch das Umfeld und die Bezahlung mit Nachtzuschlägen, die über dem Handwerkertarif liege, hätten ihn überzeugt. „Die Arbeit ist hier viel anspruchsvoller.

Wir verarbeiten keine fertigen Backmischungen, wo nur noch Mehl und Wasser dazugekippt werden müssen.“ Da sei handwerkliches Können gefragt. „Ich musste komplett umdenken“, betont der 37-Jährige.

Nachwuchs ist auch hier schwer zu finden

„Für uns ist es – wie generell im Handwerk – schwierig, fachlichen Nachwuchs zu bekommen. Ob Bio oder nicht: Arbeitszeiten für Bäcker sind ja eher familienunfreundlich“, deutet die Betriebsleiterin Katja Noll an. Ihr eigener Weg in die Bio-Bäckerei führte über ein Agrarwissenschaftsstudium an der Uni Gießen, in dessen Rahmen sie sich für ein Praktikum in einem ökologischen Milchviehbetrieb entschied.

„Ich habe zunächst in der Agrarförderung gearbeitet, aber die Amtsstube ist nichts für mich“, lässt sie die Zeit Revue passieren. Sie ging zum Masterstudium Öko-Agrarmanagement an die Fachhochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde (HNEE). Schließlich überzeugte Katja Noll Märkisches Landbrot davon, sie für ein Traineeprogramm der Stiftung Ökologie und Landbau anzumelden. Bis heute schwärmt sie vom einjährigen Programm, das ihr viel brachte.

Dazu gehörte der Austausch unter den Programmteilnehmern, der inhaltliche Input und das Netzwerken. Nach dem Einsatz im Umweltmanagement der Bäckerei wechselte sie zum Qualitätsmanagement. Seit 2014 leitet die 35-Jährige den Betrieb. Für sie sei es eine „sinnstiftende Tätigkeit“.

Studiengänge sind praktisch ausgerichtet

Jeder muss selbst heraus­finden, was zu ihm passt. „Das funktioniert am besten in der Praxis. Dabei lassen sich ­Kontakte knüpfen, und es bringt vielleicht gleich den Einstieg ins Berufsleben“, rät Josefine Brodhagen, Leiterin des Career ­Service an der HNEE. Deshalb seien deren Studiengänge sehr praktisch angelegt.

Die Hochschule engagiert sich außerdem im InnoForum Ökolandbau Brandenburg – einer Plattform, die Partner aus Wissenschaft und Praxis zusammenbringt und gegenseitigen Austausch ermöglicht.