Berufswahl

Warum eine junge Berlinerin im Sozialmarketing arbeitet

Carolin Michaelsen hat mehrere Arbeitgeber ausprobiert – und in der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung den richtigen Platz gefunden.

Carolin Michaelsen engagiert sich beruflich und ehrenamtlich für Kinder und Jugendliche.

Carolin Michaelsen engagiert sich beruflich und ehrenamtlich für Kinder und Jugendliche.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  „Schuhe vermarkten ist was anderes, als die Zukunft der Bildung zu gestalten“, sagt Carolin Michaelsen. Sie hat beides ausprobiert und entschieden: Menschen, vor allem junge Menschen, sollen im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen.

Die 29-Jährige ist seit 2017 für die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung tätig. „Im sozialen Bereich wird man nicht reich, das muss jeder wissen, der den Weg einschlagen will“, sagt sie. „Aber wer etwas Sinnvolles machen will, ist hier genau richtig.“

Zurzeit ist die Berlinerin im Projekt „Willkommen bei Freunden – Bündnisse für junge Flüchtlinge“ aktiv. Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung hat es mit dem Bundesfamilienministerium ins Leben gerufen.

Netzwerken aus Leidenschaft

Als passionierte Netzwerkerin hat sie dort die passende Aufgabe: netzwerken. „Meine Aufgabe ist es, bundesweit Fachveranstaltungen zu organisieren und die Akteure miteinander in Kontakt zu bringen.“ Sie berät sich zum Beispiel mit Verantwortlichen von Landes- und Bundesministerien. Oder sie engagiert Referenten, die aus der Praxis von Flüchtlingseinrichtungen oder Partnerprojekten berichten.

Der erste Schritt sei immer, Mindeststandards in den Flüchtlingsunterkünften umzusetzen, erklärt sie. Ziel sei, Geflüchteten Zugang zu Bildung und damit zur Gesellschaft zu ermöglichen. Dass ihr Weg sie in den sozialen Bereich führen würde, war Carolin Michaelsen noch gar nicht bewusst, als sie zu studieren anfing. „Irgendwas mit Medien“ habe sie machen wollen, erzählt sie lachend.

An einer Fachhochschule (FH) in Potsdam begann sie das Bachelorprogramm Kommunikationsmanagement. Die FH musste schließen, Michaelsen wechselte an die Design Akademie in Berlin, wo sie das Fach Marketingkommunikation belegte. Inhaltlich ähnelten sich die Programme, sagt sie.

Einstieg ins Sozialmarketing

Doch die Design Akademie hatte für Michaelsen ein Plus zu bieten: Einer der Schwerpunkte dort heißt „Nonprofit- und Soziomarketing“. „Da lernt man zum Beispiel, wie sich Zielgruppenanalysen und andere Instrumente auf den sozialen Bereich übertragen lassen“, erklärt die 29-Jährige. Das war genau das Richtige für Michaelsen: „Marketing mit positivem Nebeneffekt“, nennt sie es. „Irgendwas mit Medien“ hatte sie zu diesem Zeitpunkt längst abgehakt.

Ebenso das Marketing zu kommerziellen Zwecken – das kannte sie schon aus ihrem Studentenjob. Für einen Onlinehändler, der sie nach dem Studienabschluss auch übernahm, bewarb sie Schuhe. „Heute kann ich mir so eine Arbeit nicht mehr vorstellen“, sagt sie.

Trotzdem sei ihr Abstecher wichtig gewesen. „Nur wenn man viel ausprobiert, kann man herausfinden, was einem liegt und was nicht.“ Auslandserfahrung schadet auch nicht, findet sie. Zweimal war sie in Brasilien – „meinem Herzensland“ – und unterrichtete dort an Schulen Englisch.

Anfang 2014 landete Michaelsen bei Amnesty International. „Ich hatte mich damals bei verschiedenen Organisationen im sozialen Bereich beworben. Als Erstes bei den großen.“ Ein halbes Jahr lang blieb sie. „Aber die Organisation war mir zu groß, zu anonym“, sagt sie. „Also habe ich beschlossen, es soll nicht so ein Riesenladen sein, sondern was Lokaleres.“

Erwachsenenbildung in kleiner NGO

Den Kontrast fand Michaelsen bei einer kleinen Nichtregierungsorganisation (NGO). „Dort habe ich Seminare in der Erwachsenenbildung organisiert“, erzählt sie. „Dazu gehörte auch, mit anderen NGOs und Ministerien zusammenzuarbeiten.“ Das Thema war ihr wichtig, das Klima in der Organisation aber lag ihr nicht. Obwohl sie eigentlich auf Sicherheit setzt („Ich brauche immer einen Plan B“), kündigte sie. Neun Monate Arbeitslosigkeit folgten. „Die schlimmste Zeit für mich“, erzählt Michaelsen.

Obwohl sie über die Jahre gute Kontakte aufgebaut hatte, kassierte sie viele Absagen auf ihre Bewerbungen. „Es geht an die Substanz, wenn man von Arbeitgebern immer nur hört, dass man es leider ganz knapp nicht geworden ist.“

Während Carolin Michaelsen wieder einmal auf dem Weg zur Arbeitsagentur war, klingelte ihr Handy: die Zusage von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Mit ihr hat Michaelsen den Mittelweg gefunden: nicht zu klein, nicht zu groß. Stimmung und Team seien toll, sagt sie. Darum hofft sie auch, dort bleiben zu können, wenn Ende des Jahres ihr Flüchtlingsprojekt ausläuft. „Ich bin guter Dinge, dass ich intern eine neue Stelle finde.“

Arbeit und Ehrenamt funktionieren zusammen

Im Moment legt sie den Endspurt hin. „Im Herbst organisieren wir bundesweit noch fünf Veranstaltungen.“ Dabei helfe ihr, dass sie ihre Arbeit klar strukturieren könne. „Ich lege morgens immer die drei wichtigsten To-dos für den Tag fest. Und ich habe über die Jahre gelernt, auch mal Nein zu sagen oder eine Aufgabe zu delegieren.“

Zeit für ihre Ehrenämter und ihren Freund, mit dem sie in Lichtenberg lebt, findet die 29-Jährige trotzdem noch. Seit fünf Jahren arbeitet sie beim Verein Nepia mit, seit zwei Jahren im Vorstand. 2012 schrieb sie bereits ihre Bachelorarbeit über Nepia – was damals noch als Bundesprojekt unter anderem Namen lief.

Nepia veranstaltet AGs und Sommercamps für Neuköllner Grundschüler. Auch hier geht es um Bildungschancen und die Teil­nahme an der Gesellschaft: „Wenn sie erst Jugendliche sind, erreichen wir sie nicht mehr“, sagt Michaelsen. Bei Grundschülern sei das noch anders. „Und wenn dann Eltern oder Lehrer unserer Partnerschulen auf uns zukommen und uns für unsere Arbeit danken, geht das runter wie Öl.“

Seit Kurzem arbeitet Carolin Michaelsen auch noch im Tierheim. „Jeden Freitag ein paar Stunden“, erzählt sie. „Das ist ein guter Ausgleich zu meinen anderen Aufgaben.“ Wo sie sich in fünf Jahren sieht? „Keine Ahnung“, sagt die 29-Jährige. „Im Moment denke ich nur bis zum Jahresende. Ich will auf jeden Fall in der Stiftung bleiben. Ich mag den Schlag Menschen und die Themen, mit denen ich dort zu tun habe.“

Über den Verein Nepia

Nepia ist ein gemeinnütziger Verein, der 2014 von Studenten gegründet wurde. Der Name ist eine Abkürzung von „Netzwerk für Persönlichkeitsentwicklung in außerschulischen Aktivitäten“. Die Angebote richten sich an Grundschüler in Neukölln.

Fußball, Kunst, Technik, Tanz und Mathe sind nur einige AGs, die Nepia an Grundschulen veranstaltet. Der Verein, in dem Studenten und junge Berufstätige mitarbeiten, ist auf Spenden und Freiwillige angewiesen.